Tages-Anzeiger vom 22.07.1998
Seite 17
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Stadt Zürich

100 Franken für zehn Gramm Pilze

Das Angebot im Drogensupermarkt war noch nie so vielfältig wie heute. Halluzinogene wie die Zauberpilze tauchen immer mehr in Nischenläden auf. Fachleute warnen vor den unkontrollierbaren Effekten.

Von Paula Lanfranconi
Der Laden, vor kurzem an bester Passantenlage im Kreis 4 eröffnet, gibt sich ungewöhnlich selbstbewusst. Im Schaufenster prangen Kakteen und Pilzchen, ein Pilzaufzuchtset verspricht für 400 Franken "innere Visionen". Der Laden selbst ist in klinischem Weiss gehalten. Halbmeterhohe Pilzskulpturen aus Stein und verschiedene Kakteen kontrastieren mit apothekenartigen Glasregalen, auf denen mehrheitlich holländisch beschriftete Dosen und Fläschchen stehen. Glitzernde Flyers werben für die "ethnobotanischen Raritäten" des Hauses, welches sich rühmt, das erste seiner Art in der Schweiz zu sein. Auch Literatur wird angeboten. Junge Kunden studieren Angebote der mehrseitigen Preisliste, die der Verkäufer äusserst ungern aus den Händen gibt.

Knifflige Rechtslage

"Solche Lädeli gibt es immer mehr, und oft sind sie in der Nähe der Berufsschulen", sagt Norbert Klossner, Chef des Drogenkommissariats der Stadtpolizei. Immer häufiger werde "versucht, das Gesetz zu umgehen, indem das Kultartige der jeweiligen Droge in den Vordergrund gestellt wird". Laut Klossner nehmen in Zürich auch die Nischenanbieter zu, die sogenannte Magic Mushrooms (Zauberpilze) und andere natürliche Halluzinogene verkaufen. Gegen sie vorzugehen sei für die Justiz nicht so einfach: Obwohl Zauberpilze den in der Schweiz verbotenen psychoaktiven Wirkstoff Psilocybin enthalten, stehen die Pilze selber nicht auf der Verbotsliste des Betäubungsmittelgesetzes.

Für Klossner hingegen ist klar: "Wenn jemand diese Pilze verkauft oder kauft, muss er mit einer polizeilichen Verzeigung und der Beschlagnahmung der Ware rechnen." Im Schnitt gebe es etwa zehn solcher Fälle pro Jahr. Bei Preisen von rund 100 Franken pro 10 Gramm ist es tatsächlich unwahrscheinlich, dass die Schwämme in ein gewöhnliches Pilzragout wandern. "Eine erste Weichenstellung", so Klossner, werde der 16. Oktober sein, wenn zum ersten Mal ein Hanfladenbesitzer im Kanton Zürich vor Gericht steht. Im Falle eines Schuldspruches werde die Polizei "vermehrt gegen solche Läden vorgehen".

"Psilos" können gefährlich werden

Nach Angaben von Christian Stamm von der Abteilung Pharmazie des Bundesamtes für Gesundheit (BAG) sind in letzter Zeit vermehrt Zauberpilze aus den Niederlanden in die Schweiz importiert worden. Und in Deutschland, das vermeldet die Infozentrale gegen Vergiftungen der Uni Bonn, seien die "Psilos" vor allem bei Jugendlichen in der Technoszene "weit verbreitet". Die Pilzgattung Psilocybe zählt über 80 Arten - unter anderem den Kahlkopf - und ist vor allem in Mittel- und Südamerika seit Jahrhunderten als Halluzinogen bekannt. Westliche Forscher haben die Zauberpilze in den 30er Jahren wiederentdeckt, ihre grossen Zeiten hatten sie letztmals in den 60er Jahren. Wie das LSD-ähnliche Psilocybin im Gehirn wirkt, weiss man noch nicht genau. "Beim gesunden Menschen", schreibt der Zürcher Arzt und Forscher Franz X. Vollenweider, "können neben positiv gefärbten mystischen Erfahrungen auch vorübergehende Wahrnehmungsveränderungen und Ich-Störungen ausgelöst werden, die einer Psychose, etwa einer schizophrenen Erstmanifestation, sehr nahe kommen." Hände weg, warnen Präventionsfachleute - auch deshalb, weil die Pilze schwer zu dosieren seien. Und wenn dazu noch andere Drogen konsumiert würden, könne es zu unkontrollierbaren Rauscherscheinungen und Nachhalleffekten kommen.

Alkohol und Tabak grösstes Problem

Dass es in der Schweiz einen Trend zu Zauberpilzen und anderen natürlichen Halluzinogenen gebe, glaubt Ueli Locher von der Fachabteilung Sucht und Aids des BAG nicht: "Und wenn der Konsum zunähme, wäre es höchstens eine Verlagerung." Generell stellt das BAG fest, dass in der Schweiz heute weniger Heroin und Ecstasy konsumiert wird, während der Konsum von Cannabis und Kokain, letzteres vor allem in der Technoszene, zunimmt. Am meisten Sorgen macht dem BAG jedoch, dass die ganz legalen Drogen Alkohol und Tabak vor allem bei Jungen und Frauen immer beliebter werden.

 

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