| Die Weltwoche Aus Ausgabe 31/06 |
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Zauberpilz Website http://www.zauberpilz.com |
| Pilzköpfe – nicht aus Liverpool Von Sandro Benini John Lennon, Mick Jagger und Bob Dylan pilgerten nach Mexiko, um an den Rand des Universums zu gelangen. Unser Autor folgte ihnen und testete die Wirkung von Magic Mushrooms.
Das Testmaterial befindet sich in einem Konfitüreglas, ist in Honig eingelegt und besteht aus vierundzwanzig kleinen, bläulich-braunen, mit glockenförmigem Hut versehenen Pilzen. Laut ihrem Lieferanten gehören sie zur Art Psilocybe mexicana, Familie: Träuschlinge, Gattung: Kahlköpfe. Psilocybe mexicana ist mit dem auch auf Schweizer Kuhweiden wachsenden Spitzkegligen Kahlkopf verwandt und enthält die halluzinogenen Wirkstoffe Psilocybin und Psilocin – ein Zauberpilz also, ein Magic Mushroom. Die Indianerstämme des zentralen Hochlandes von Mexiko haben den Gewächsen den ebenso poetischen wie verheissungsvollen Namen «Teonanacatl» verliehen, was «Fleisch Gottes» bedeutet; der mexikanische Volksmund nennt sie «pajaritos», «Vögelchen». Ich sitze in einem lauschigen Gärtchen in der rund achtzig Kilometer von Mexiko City entfernt gelegenen Stadt Cuernavaca, Grillengezirpe und Vogelgezwitscher, ein Zitronen- und ein Mangobaum, Bougainvilleen, eine von Efeu überwachsene Backsteinmauer. Die Schamanin und Heilkräutertherapeutin Doña Luz sowie ein auf eine reichhaltige Pilz- und sonstige Drogenkarriere zurückblickender Maler haben mir eindringlich empfohlen, den Test in einem angenehmen, natürlichen Ambiente vorzunehmen. Ausserdem sollte, zumal bei einem Erstversuch, eine Vertrauensperson dabei sein. Diese ist allerdings bisher nicht erschienen, weshalb ich mich zu einem Pilzmahl in meditativer Einsamkeit entschliesse. Positiv gestimmt sein, hatte die Schamanin gesagt, ausgeglichen, freudvoll – dann gäbe das eine wundervolle Reise. Ich schraube das Konfitüreglas auf und denke an Jesús Paredo, Kulturminister des mexikanischen Bundesstaates Morelos. Er hat mir erzählt, einer seiner Freunde sei nach dem Verzehr eines Zauberpilzes in eine kataleptische Starre gefallen und beinahe für tot erklärt worden. Seither weigere er sich, auch nur mit einem einzigen Wort über diese Erfahrung zu sprechen. Und wie war das mit dem Protagonisten in Martin Suters Roman «Die dunkle Seite des Mondes»? Drehte der wegen eines Magic Mushroom nicht völlig durch, wurde er nicht in kürzester Zeit zu einem Renegaten der Zivilisation, zu einem Yeti-artigen Waldschrat? Wahrscheinlich sind derartige Gedanken in diesem Moment nicht unbedingt angebracht, und es empfiehlt sich, sie durch die Erinnerung an das Gespräch mit dem Maler zu verdrängen: Hunderte von Zauberpilzen hat er in seinem Leben gegessen und nicht ein einziges Mal einen Horrortrip erlebt. Körperliche Nachwirkungen gebe es keine, und die Suchtgefahr sei gering bis null. Ausserdem, wer kann schon Drogen konsumieren und gleichzeitig behaupten, er sei am Arbeiten? Das ist fast schon eine moderne Version des klassisch-idealistischen Einklangs von Neigung und Pflicht. Also, runter mit dem Zeug – oder zumindest einem ersten Exemplar. Ein leicht bitterer, erdiger Geschmack, der aber von der Süsse des Honigs überdeckt wird. Erste Reaktion auf Wahrnehmung, Psyche und Körpergefühl: keine. Fünfzehn Minuten später immer noch nichts. Ich nehme einen zweiten, dann einen dritten Pilz. Zur Beschaffung der in Mexiko illegalen Pilze waren einige Anrufe bei Bekannten nötig, schliesslich meldete sich der Freund eines Freundes und lieferte das Konfitüreglas frei Haus, zu einem Preis von 70 Franken. Den Verzehr von Magic Mushrooms sowie der Kaktuspflanze Peyote umgibt bei den mexikanischen Ureinwohnern von jeher eine Aura des Magisch-Religiösen. Die Gewächse gelten als heilig, es werden ihnen heilende Wirkungen zugeschrieben. Die Rituale, bei denen die Pilze gegessen werden, sind von Gesängen und Tänzen begleitete Feiern der Ich-Entgrenzung, der Verschmelzung mit Natur und Universum, des Zwiegesprächs mit Gott. Psilocybe mexicana und andere Arten als Vermittler zwischen Dies- und Jenseits. Für die spanischen Eroberer und deren Chronisten aus dem 16. Jahrhundert waren die veränderten Bewusstseinszustände der Eingeborenen nichts anderes als dämonische Räusche, Reisen ins Reich des Wahnsinns. Die Pilze wurden als heidnisches Teufelszeug gebrandmarkt und verboten. Eine gute halbe Stunde ist seit der ersten Einnahme vergangen, noch immer keine Reaktion, und allmählich melden sich erste Zweifel. Wahrscheinlich wäre es nicht das erste Mal, dass hierzulande einem ahnungslosen Gringo eine lokale Champignonart als Zauberpilzli untergejubelt wird. Doch nach fünf zusätzlichen Minuten und einem weiteren Pilz stellt sich schlagartig eine erstaunliche Wirkung ein: Das Grün der Zitronenbaumblätter wird leuchtend intensiv, dann verfärbt es sich ins Rote, Gelbe, Orange, Violette. Es ist, als würde der ganze Baum durchsichtig werden und pulsieren, eine rhythmische Bewegung, die an Atmen erinnert. Eine Stimmung gelöster Heiterkeit breitet sich aus, der Zitronenbaum ist keine x-beliebige Pflanze mehr, sondern nimmt etwas Einzigartiges, Persönliches an, dasselbe gilt für den Mangobaum und die Bougainvillea. Ihr Anblick, die leuchtenden Farben und pulsierenden Bewegungen flössen mir ein Gefühl der Verbundenheit ein, als ob das Atmen – oder wie immer man es nennen will – der Natur mit dem eigenen Atmen zusammenfiele. Das Betrachten von Details löst eine schwindelerregende Zoom-Wirkung aus: Dieser Käfer da, der die Backsteinmauer hochkriecht – jede seiner Bewegungen ist in zuvor nie gekannter Schärfe und in allen Einzelheiten wahrnehmbar, und so blöd es im Nachhinein klingen mag, ich habe das Gefühl, als könne ich den Antrieb, der hinter diesen Bewegungen steckt, und die Empfindungen, die sie auslösen, selber nachvollziehen – der Zauberpilz hat offenbar einen Gregor-Samsa-Effekt. (So heisst in Franz Kafkas Erzählung «Die Verwandlung» die Hauptfigur, die eines Morgens zum Käfer mutiert erwacht.) Phasenweise verzerren sich die Dimensionen, ein Ast erscheint riesengross, das Nachbarhaus wie ein Spielzeug. Ein Gefühl der Bedrohung oder des Kontrollverlustes bleibt aber aus. Das Schliessen der Augen lässt einen wunderschönen Tanz geometrischer Figuren in zahllosen Farben entstehen, verbunden mit dem Gefühl zu schweben. Ich muss zugeben, der Test verläuft erstaunlich positiv. Ein weiterer Pilz, bitte. Wo hockt Gott? Der grosse Vermittler zwischen der eingeborenen mexikanischen Zauberpilzkultur und der westlichen Zivilsation war ausgerechnet ein ehemaliger Vizedirektor der amerikanischen Investmentbank J. P. Morgan: Richard Gordon Wasson, der in den fünfziger Jahren nach Huautla de Jiménez reiste, einem entlegenen Dorf im mexikanischen Mazateken-Gebirge. Hier lernte er die eingeborene Schamanin Maria Sabina kennen; seine zahlreichen, mit anschaulichen Berichten von Pilztrips angereicherten Artikel und Bücher liessen den Ort zu einem Mekka westlicher Drogentouristen und Maria Sabina zu einer international berühmten Pilzheiligen werden. John Lennon, Pete Townshend, Mick Jagger und Bob Dylan reisten nach Huautla de Jiménez, wo sich heute noch hartnäckig zwei Legenden halten: Mother Mary im Beatles-Song «Let it be» («when I find myself in times of troubles, mother Mary comes to me, speaking words of wisdom, let it be») sei niemand anders als Marina Sabina; und Bob Dylan habe einige seiner berühmtesten Lieder bei der Heiligen und deren Schamanengesängen geklaut. Den Einwand, es sei ethisch fragwürdig, den Konsum von Drogen als positive Erfahrung zu schildern, muss ich wohl gelten lassen. Aber Test ist Test – und im Übrigen sei an die Selbstverantwortung des Lesers appelliert und auf das Schweizerische Toxikologische Informationszentrum verwiesen: Magic Mushrooms zu konsumieren kann zu Horrorvisionen, Angstzuständen, Psychosen und Paranoia führen. Solches blieb mir jedoch erspart, der Trip dauerte sechs Stunden und blieb angenehm: gesteigerte Wahrnehmungsfähigkeit, leichte Euphorie, milde Halluzinationen, ein schwebendes, warmes Körpergefühl. Reisen an den Rand des Universums, mystisch-transzendentale Erfahrungen oder völlig realitätsferne Visionen, wie sie Wasson und andere schildern, stellten sich allerdings nicht ein. Wo Gott hockt, weiss ich noch immer nicht. Ein besserer Mensch bin ich wohl auch nicht geworden. Deshalb: acht von zehn Punkten für Psilocybe mexicana. Link: http://www.weltwoche.ch/artikel/?AssetID=14560&CategoryID=66 |
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