| Die Weltwoche vom 27.08.1998 Nummer 35, Seite 63 |
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| Leben heute Und wieder einmal violette Bäume sehen Engelstrompeten und psilocybe Pilze fahren bei Jugendlichen ein - ein gefährlicher Rausch Von Carin Diodá Elena ist vierzehn und kifft gerne, aber sie sieht gewisse Nachteile beim Haschisch. Der Heisshunger nach dem Joint zum Beispiel stört sie, oder dass sie müde wird und einschläft. «Die Pilzli sind viel geiler als Hasch, wenn sie einfahren, bekomme ich keine Fressanfälle, und die Halluzinationen sind viel stärker als beim Kiffen», stellt die Sek-Schülerin fest. Ihre Freundinnen kichern zustimmend. Entdeckt haben sie Psilocybinpilze an einer Party, als ihnen ein Kollege erzählte, wie auf seinen Trips der Bus zu lachen begann und Gläser auf dem Tisch herumhüpften. «Das hörte sich megageil an, und deshalb wollten wir es selbst ausprobieren», erinnert sich Elena. Ecstasy oder LSD würden sie aber nicht versuchen, weil sie chemisch und deshalb gefährlich sind. Obwohl Melanie, Manu und Elena nicht den leisesten Schimmer haben, was Psilocybin ist oder weshalb diese Pilze berauschen, sind sie überzeugt, dass sie harmlos sind. «Ich nehme die Pilzli einfach, weil ich es lustig haben will, das ist eigentlich alles.» «Sorgen mache ich mir keine», antwortet Melanie auf die Frage, ob sie schon einmal über Risiken nachgedacht habe. Schliesslich seien Pilze Pflanzen wie Cannabis auch und könnten deshalb nicht gefährlich sein, folgern die Mädchen, die zu Hause Kräutertee statt Tabletten bekommen, wenn sie krank sind. Dass alles, was pflanzlich, auch harmlos ist, ist ein gefährlicher Trugschluss, dem nicht nur Vierzehnjährige aufsitzen. Pflanzen produzieren die stärksten Gifte, die es überhaupt gibt, doch fehlt es an Wissen. Ärzte und Apotheker kennen die oft schwerwiegenden Folgen solcher Fehleinschätzungen nur zu gut. Psilocybin ist ein Halluzinogen erster Ordnung und in seiner Wirkung ähnlich wie LSD. Psilocybe Pilze sind auf der ganzen Welt verbreitet und gelten bei indianischen Völkern, die sie für ihre religiöse Riten verwenden, als heilige Pflanzen. Adolf Dittrich, Psychologieprofessor und Halluzinogenforscher, hält Psilocybinpilze für ziemlich harmlos, solange sie kontrolliert oder ritualisiert eingenommen werden. Während dreissig Jahren erzeugte der Experte in wissenschaftlichen Experimenten bei mehreren hundert freiwilligen, gesunden Versuchspersonen veränderte Bewusstseinszustände. Horrortrips und Flashbacks Bei keinem der Versuche gab es Komplikationen, weil sie mit strengen Auflagen durchgeführt und die Probanden während des Trips betreut wurden. Zusätzlich schloss Dittrich zehn Prozent der emotional labilsten Interessenten von der Teilnahme aus, ebenso Personen mit Blutsverwandten ersten Grades, die an Schizophrenie leiden. Jugendlichen würde Dittrich keine Halluzinogene verabreichen. «Man muss sich auskennen und die Einnahme sehr kontrolliert durchführen, sonst ist es, wie wenn man jemanden in ein Auto setzt, der keinen Führerschein hat», meint der Drogenforscher. Wenn er einer Versuchsperson Halluzinogene verabreicht, überlässt er nichts dem Zufall und berechnet die Dosis nach Milligramm pro Kilogramm Körpergewicht. Das Toxikologische Informationszentrum Zürich berät Ärzte, die Patienten mit Vergiftungen behandeln. Barbara Gossweiler, Oberärztin des Zentrums, erklärt, man könne an einer Psilocybinüberdosis nicht sterben, weist aber auf die Gefahr der Horrortrips hin: «Unter ungünstigen Umständen, und die kann man bei Vierzehnjährigen sicher nicht ausschliessen, kann die Verkennung der Realität tödlich sein.» Ein weiteres Problem sind Flashbacks, die Wochen oder Monate nach der Einnahme von Psilocybinpilzen oder LSD unvermittelt auftreten und die betreffende Person ohne ihr Zutun in einen plötzlichen Rauschzustand versetzen. «Das ist für die Betreffenden sehr unheimlich, fast wie eine Geisteskrankheit, bei der man von einem Schub überfallen wird, ohne dass man irgend etwas dagegen tun kann.» Bei entsprechender Veranlagung, von der die Konsumenten selbst meist nichts wissen, können Halluzinogene schizophrene Störungen oder epileptische Anfälle auslösen. Ein ewiger Trip heisst medizinisch übersetzt, dass ein Halluzinogen eine bleibende Schizophrenie ausgelöst hat. Bis vor wenigen Jahren waren Psilocybinpilze nur Insidern bekannt. In den sechziger Jahren entdeckten Hippies die Magic Mushrooms, die auch auf Schweizer Wiesen gedeihen. Da die Pilzfreunde die Psilos selbst suchen mussten und botanische Kenntnisse nötig sind, um sie überhaupt zu finden, blieben diese Drogen eine Randerscheinung. Melanie, Manu und Elena hingegen können ihre mexikanischen oder hawaiischen Pilzli problemlos in Hanfläden kaufen, das Gramm zu dreissig Franken. Vorläufig reicht ihnen ein halbes Gramm für einen Trip, doch die Wirkung lässt bei häufigem Konsum nach. Hat eines der Mädchen sturmfrei, steigt eine Pilzliparty. «Wenn ich drauf bin, habe ich keine Kontrolle mehr darüber, was ich sage oder tue.» Deshalb geht Manu, wenn sie auf einem Trip ist, erst gar nicht nach Hause, das wäre Stress, sondern erzählt den Eltern, sie übernachte bei einer Freundin. Die erste Party war nicht so lustig: «Wir kamen alle drei auf den Psycho», erzählt Elena, bei der die Party stattfand. Sie selbst betrachtete sich im Spiegel und sah sich mit einem Löwenkopf, der sich in einen Fisch verwandelte. Kurz darauf begannen ihre Arme und Beine zu zucken: «Das stresste mich extrem, weil ich überhaupt nichts dagegen tun konnte.» Währenddessen brachen Manu und Melanie in einen Weinkrampf aus. «Wir hatten panische Angst, glaubten, im Zimmer ersticken zu müssen, und wollten aus dem Fenster springen. Das Schlimmste war, wir konnten machen, was wir wollten, der Trip hörte einfach nicht auf.» Die Mädchen hatten offensichtlich eine Überdosis erwischt. Wenn sie die Pflanzen kaufen, können sie nicht wissen, wie konzentriert das Psilocybin ist. Je nach Nährstoffgehalt des Bodens, auf dem der Pilz wuchs, und je nach Standort kann die Konzentration erheblich variieren. «Das ist die Gefahr von natürlichen Substanzen, man kann die Dosierung nicht abschätzen», erklärt der Halluzinogenforscher Dittrich. Erwischt man zuviel, geht man auf eine Reise, die tödlich enden kann. Vor wenigen Wochen starb eine zwanzigjährige Frau in Zürich, nachdem sie einen Sud aus Engelstrompeten getrunken hatte. Die Wirkstoffe dieses Nachtschattengewächses, Scopolamin und Atropin, sind zwar nicht tödlich, führten bei der Frau aber zu einer Überhitzung des Körpers, in deren Folge sie starb. Melanie, Manu und Elena sind sich dieser Gefahren nicht im geringsten bewusst. Sie schmeissen ihre Trips ohne Betreuung, und wie sie sich in einem Notfall verhalten müssten, darüber haben sie noch nie nachgedacht, denn ihr Risikobewusstsein ist gleich null. Sie wollen einfach Fun und Abwechslung: «Ich bin in einer anderen Welt, das ist das Spannende», erklärt Melanie. «Schliesslich sehe ich nicht jeden Tag violette Bäume oder verwandle mich in ein Tier.» Das Problem bei diesen Jugendlichen ist, dass sie vorläufig keine Probleme mit den Pilzen haben. Sie fühlen sich nicht als Drogenkonsumenten, und solange nichts schiefläuft, fallen sie auch nicht auf. Deshalb können bis jetzt weder Drogenberatungsstellen noch der Kinder- und Jugendpsychiatrische Dienst abschätzen, wie viele Jugendliche diese Pilze konsumieren. Ein leitender Arzt des Drop-in, Zürich, wusste nicht einmal, dass Psilocybinpilze in Hanfläden erhältlich sind. Allerdings erhält das Toxikologische Informationszentrum massiv mehr Anfragen von Ärzten, die junge Patienten mit Pflanzendrogenvergiftungen behandeln. «Bis Ende Juli verzeichneten wir fünfzig Prozent mehr Anfragen als im ganzen letzten Jahr. Mir ist aufgefallen, dass sich ein vierzehnjähriges Mädchen darunter befand, das mit einer Psilocybinvergiftung in eine Notfallstation eingewiesen werden musste», sagt Barbara Gossweiler. Auch Vergiftungen mit Engelstrompete haben bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen deutlich zugenommen. Ebenso stellt Norbert Klossner, Chef des Betäubungsmittelkommissariats der Stadtpolizei Zürich, fest, dass Konsum und Erwerb von halluzinogenen Pflanzen eindeutig zunehmen. Hanfläden können die Psilocybinpilze verkaufen, weil die Pilze als solche nicht verboten sind und die Justiz in einem konkreten Fall erst beweisen muss, dass sie als Betäubungsmittel verwendet werden. Die Mädchen erhalten ihre Pilzli ohne Schwierigkeiten, wie die Probe aufs Exempel zeigt. Melanie und Elena betreten mit dreissig Franken in der Tasche einen der zwölf Hanfläden in Zürich. Eine knappe Minute später präsentieren sie stolz ihre Beute. An der Plastiktüte hängt ein Zettel mit der lateinischen Bezeichnung der Pilze und dem Hinweis: «Nur für ethnobotanische Zwecke. Darf nicht an Personen unter 18 Jahren abgegeben werden.» Noch nie trafen sie auf einen Verkäufer, der Skrupel gehabt hätte, den Minderjährigen die Pilze ohne jede Information auszuhändigen, oder sich die Mühe genommen hätte, sie über mögliche Risiken aufzuklären. Ein einziges Mal verabschiedete sich ein Verkäufer von Manu mit den Worten: «Viel Spass! Und trinke keinen Alkohol, wenn du die Pilze nimmst.» Auf die Frage, ob sie wisse, was dann geschieht, antwortet Manu mit einem Schulterzucken. Pilz-Graffiti in Zürich: Ein Irrglaube ist, alles Pflanzliche sei auch harmlos |