| Die Weltwoche vom 31.03.2005 Nummer 13, Seite 48 |
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| Titelgeschichte Es gibt Pflanzen, Baby Die Blumenkinder sind wieder unter uns doch waren sie nicht immer in uns? Egal. Das Tor zur Oase der Ektase steht weit offen. Jeder, der Töne riechen und Farben hören kann, ist willkommen. Und wer die Sanftmut verlernt hat: Gegen den Hippie ist kein Kraut gewachsen nur für ihn. In Hamburg leben sehr viele Gewaltverbrecher und Randalierer, Praktiker und Geschäftemacher, die gern und oft mit ihrem Geld reden. Dennoch weht Zärtlichkeit durch die Stadt, sie kriegt Farbe. Das «Thalia» ist kein Underground-Theater, niemand kann hier erwarten, dass gleich eine Freakshow abläuft das Ensemble und die Regisseure sind hoch geachtet für ihren Ernst. An diesem Abend steht «Hedda Gabler» auf dem Programm der norwegische Autor Henrik Ibsen schrieb die meisten seiner Ideendramen und seine Gesellschaftskritik im 19. Jahrhundert und soll keine einzige Droge genommen haben. Seine Hedda, gelangweilt vom Leben im Bürgertum und angeekelt von den Lebenslügen, erschiesst sich am Ende des Stücks; das Publikum im «Thalia» hat sich schick gemacht, die Zuschauer sind meist Grossbürger und Kleinbürger, aber im Parkett sitzt auch eine Gruppe von zehn, zwölf Leuten, die nicht dazugehören, denn sie haben alle lange Haare, die Frauen tragen Omakleider oder Miniröcke, Perlenketten, keinen BH, die Männer tragen Batikhemden, Sonnenbrillen und Kordhosen aus Samt. Was sich diese Typen zuflüstern, deutet darauf hin, dass sie diese Aufführung nicht zum ersten Mal sehen und wissen, worauf sie warten. Dann passiert es: Vor ihrem Selbstmord löst sich Hedda noch mal aus ihrer Erstarrung, sie tanzt wie verrückt, sie, tja, flippt aus, und die Langhaarigen im Saal erheben sich, wippen mit dem Fuss, schütteln die Matte, schliessen die Augen und öffnen den Mund vor Entzücken, denn der Song, der für Hedda in voller Lautstärke aus der Stereoanlage dröhnt, ist «Piece Of My Heart» von Janis Joplin, unter den Hippiefrauen der Sixties die allerhöchste. Nichtstuer ohrfeigen nicht Nun ist Hamburg nicht nur «Das Tor zur Welt» (Eigenwerbung), sondern manchmal sogar eine Trendstadt: Bis heute verweisen alle Bürgermeister bei jeder Gelegenheit darauf, dass die Beatles in Hamburg die Lokale auf St. Pauli nutzten, um für ihre Karriere zu üben. Jetzt kommen die Hippies zurück, besonders in Hamburg zeigen sie sich, aber eigentlich waren sie ja nie weg, sie blühten bloss im Verborgenen. Im Hamburger Alternativviertel Eimsbüttel läuft das Musical «Happy Hippies in Space», in der Kneipe nebenan gibt's Musik von den Natural Born Hippies, und die Modedesigner von Prada haben gerade vorgeführt, was Männer und Frauen im Frühling und Sommer anziehen sollen, anziehen müssen Klamotten mit Stickereien und im Ethnolook, die Edelhippies können es bezahlen. Hippies sind angeblich Nichtstuer, und extra für sie hat sich jemand das Buch «Die Entdeckung der Faulheit» ausgedacht, es steht in den Bestsellerlisten bereits weit oben. Der Autor T. C. Boyle beschäftigt sich in «Dr. Sex» mit Alfred Kinsey, der während der Fünfziger das Geschlechtsverhalten der Amerikaner untersuchte und sie ermunterte, im Bett sehr unartig zu sein. Die Liebe, nein, die freie Liebe bedeutet den Hippies so viel wie die Drogen. Hören wir mal, was Ed Sanders, der Chef der Band The Fugs, zum Thema meint: «Durch Drogen und öffentliches Ficken brechen wir die Macht der Arschlöcher, die uns regieren.» Das sagte Sanders 1967 in New York, und es war logisch, dass er die Autoritäten verfluchte, denn als er ein Baby gewesen war, versuchte sein Daddy ihn mit einem Hammer zu erschlagen; dafür rächte sich Ed, indem er Hippie wurde. 1967, im Sommer der Liebe, schwitzten die Hippies vor Wonne. Sogar die Beatles drüben in England machten auf Hippie, sie lobten Drogen auch in ihren Songs, veröffentlichten ihr Hippiealbum «Sgt. Pepper's...» und flogen nach Indien, um sich von einem Guru erleuchten zu lassen, weil sie von ihm erfahren wollten, ob es ein Leben nach den Beatles gibt. Ein Jahr später bewiesen die Beatles, dass sie jeden Stil singen und spielen können und zu jedem Thema was beizutragen haben, dokumentiert auf der weissen Doppel-LP ohne Titel. Mit dem Teufel hat Paul McCartney nie Kontakt gehabt, und so ahnte er nicht, welche Wirkung sein Song «Helter Skelter» auf einen Zwerg mit den schwärzesten Augen haben würde: Charles Manson hauste mit seiner Kommune auf einer Ranch bei Los Angeles, nur Satan liebte er so sehr wie sich selbst. Angepeitscht von «Helter Skelter», sagte Manson, trieb er seine Untergebenen dazu, ein paar Menschen zu töten, für ihn waren sie pigs, Schweine, darunter Sharon Tate, die Ehefrau des Regisseurs Roman Polanski. Manson hat dem Image so sehr geschadet wie Dschingis Khan dem Image der Mongolen, doch die Hippies hatten die Kraft, im selben Monat, August 1969, nach Woodstock bei New York zu fahren oder zu spazieren dort feierten sie ihr dreitägiges Festival, die Bands und Solisten machten Rock und Pop, Folk und Blues, aber es war alles Hippiemusik. Die 400000 Hippies im Publikum sassen meistens im Matsch, nahmen ihre Drogen und hatten sich lieb («Darling, diese Antibabypille ist super, da kann nichts passieren!»). Die Polizei hatte kaum Arbeit in Woodstock, sie registrierte keine Gewalt, nicht mal eine Ohrfeige: Seitdem ist Woodstock (neben dem Musical «Hair») das Synonym für die Lebensart der Hippies. Mit dem Herzen gedacht Nach ihrer Zahlenmystik erheben sie sich für zehn Jahre, bleiben dann dreissig Jahre im Dunkeln, um zurückzukehren ihr Geburtsjahr war 1965, ihre eigene Beerdigung betrauerten sie 1975, jetzt sind sie wieder da, das Revival dauert bis 2015. Hippies gab es hier und dort schon vor 1965, aber erst in jenem Jahr formierten sie sich zu einer Jugendbewegung: Die Bürger ekelten und fürchteten sich vor diesen «Gammlern»; lange Haare, kurzer Verstand, mit diesem Wortspiel meinte die Gesellschaft ihre Überlegenheit gegenüber den Hippies auszudrücken. Doch die Bürger begriffen nicht, dass die Hippies ihren Verstand, auch wenn sie ihn meist hatten, gar nicht gebrauchen und stattdessen mit dem Herzen denken wollten. Verstand und Fortschritt, Wissenschaft und Technik, dadurch war die Welt ja völlig heruntergekommen! Der Rausch sollte es richten, die Hippies wählten LSD und Marihuana zu ihren Drogen; das heisst, ohne die Schweiz hätte es das Hippietum so nicht gegeben, denn der Schweizer Forscher Albert Hofmann fand auf der Suche nach einem Kopfschmerzmittel Lysergsäurediäthylamid (LSD), ein synthetisches Halluzinogen. Und in San Francisco und Los Angeles gründeten sich die Bands, die das Hippietum vertonten und betexteten: The Jefferson Airplane, The Grateful Dead, Love, The Doors, The Byrds. Der Psychologe Timothy Leary begann seine Vorlesungen und verkündete, Drogen seien das Joga des Westens und würden den Weg zu Wahrheit und Weisheit weisen. Das Bewusstsein ist so klein, lasst es uns ins Unendliche erweitern! Die Reise ins Menscheninnere, lehrte Leary, verändert das Bewusstsein, und die Gesellschaft, um ihre Kontrolle gebracht, muss das als Bedrohung empfinden. Die Hippies wollten Aussenseiter sein (wie es schon Oscar Wilde forderte, obwohl der ja als Dandy viel feiner angezogen war), sie wollten keine Masken mehr tragen und keine Rollen mehr spielen; sie weigerten sich zu funktionieren. Turn on, tune in, drop out, mit diesen Worten beschrieb Leary den Prozess im Drogenrausch das Selbst erkennen, die Erkenntnisse und Erfahrungen mit in die Realität nehmen und sich schliesslich von der Gesellschaft abkehren. Als die Gesellschaftsspitzen in Amerika immer mehr gegen Leary hetzten, bekam er Unterschlupf in Bern und kümmerte sich nun um das Bewusstsein der Schweizer. Parade-Hippie Jesus Die Gegenwart stärkt das Hippietum, denn die Zeiten sind mies und verlangen ein Ja zu Magie, Ekstase, Seele und ein Nein zu Macht, Geld und Ruhm. Ein Hippie hat den Ehrgeiz, keinen Ehrgeiz zu haben. Der Hippie will das Glück für sich, gewiss, aber noch mehr für seinen Nächsten ganz so, wie Jesus Christus sich das vorstellte. Jesus ist für die Hippies der Ur-Hippie, und sie vermuten, dass er Kranke auch mit Haschisch heilte. Psychedelisches hilft bei allen Beschwerden, psychedelisch sind der Tanz und die Musik, die Möbel und die Malerei die ganze Welt ein Trip. Der Hippie kann Töne riechen, Farben hören, Sätze schmecken, und 1965 kam das Hippietum mit diesen Vorzügen auch nach Europa. Die Beatles, bis dahin vom Saufen begeistert, merkten plötzlich, dass mit Drogen im Hirn das Komponieren noch mehr Spass macht, und in London eröffneten Klamottenläden wie «Granny takes a trip». Was die Hippies 1965 aufbauten, war erst eine Gegenkultur, ein Kultürchen, aber sie wuchs und wuchs zur Massenkultur und brachte die Westler in Kontakt mit Buddhismus, Ayurveda, New Age, und das alles wird ja immer noch hip und hipper. Der Duft von Patschuli und Räucherkerzen liegt über den Städten und Dörfern, und auf die Frage nach dem Lebenszweck sagen junge Frauen jetzt wieder oft: «Treffe ich einen Menschen, der Frieden und Befriedigung braucht, dann kriegt er das von mir, das ist meine Pflicht.» Ja, die Hippies haben sich erholt von dem, was ihnen die Punks und New Waver ab 1975 antaten. 1977 war Punk eine Weltmacht, besonders durch die Sex Pistols, ihre LP «Never Mind The Bollocks» und Songs wie «God Save The Queen» und andere Spott- und Hasslieder auf die englische Monarchie und Regierung. Aber Punk und New Wave begannen bereits 1975 , die Sex Pistols schockten zum ersten Mal die Londoner Öffentlichkeit, und in New York geschah etwas Fundamentales: An der Lower East Side, im Club CBGB, versammelten sich die Talking Heads und Television, die Ramones und Patti Smith mit ihrer Energie wollten sie den Muff der Hippies hinwegspielen. «Du Hippie!», das hiess nun: «Du Reaktionär, du Heuchler, du Langweiler!» Die Punks, die in den Sex Pistols vier Erlöser von den Hippies sahen, trugen keine Blumen im Haar, sondern Sicherheitsnadeln in der Wange und ritzten sich die Brust mit Glasscherben, weil: «No future!» Die Hippies waren Aussatz, Witzfiguren, und Uschi Obermaier, früher in den Kommunen den Männern zu Diensten, floh bald nach Amerika und verkaufte ihren Glitzerschmuck an die Indianer. Als Uschi in jedem Bett lag, 1968, protestierten die Studenten auf den Strassen, und viele Hippies verbündeten sich mit der Neuen Linken gegen das Bürgertum und gegen den Vietnamkrieg, doch nur wenige Hippies waren bereit zur Gewalt. Denn ein Hippie verrät ja seine Ideale, wenn er Autos anzündet, Fensterscheiben einschmeisst oder Polizisten verhaut. Doch die Hippies sind bis heute immer irgendwie links gewesen, in Hippiewohnungen hängt oft ein Foto von Karl Marx, der mit seinen Locken bis auf die Schulter und dem Vollbart bis zum Schlüsselbein ja auch wie ein Hippie aussieht. Derzeit bestätigt es die Althippies und die Neohippies, dass die Amerikaner im Irak wieder einen ungerechten Krieg führen und dort wohl ähnlich eingehen wie damals in Vietnam. Spiessbürger schlafen schlecht Aber die Vögel sind zurück aus dem Süden, es ist Frühling, der Hippie sitzt unter einem Baum, raucht seinen Stoff, schluckt seine Pillen und hört zu, wie sein Haar wächst. Keinen Hippie stört es, wenn die Bürger ihn auf dieses Klischee reduzieren, aber es stimmt ja, dem Hippie geht's prima; er erkundet sein Ich, ahnt das Jenseits und weiss, was hinter den Dingen steckt. Er braucht keine Kirche und keine Religion, denn er findet Gott in der Natur. Die Zwänge der Bürger belasten ihn nicht, er kauft sich nur das, was er für sein Hippiedasein benötigt, und er kümmert sich nicht sehr um Politik, weil sie an sich eine Schweinerei ist (einige Tatsachen sprechen für diese kindliche Sicht). Der Hippie wagt jeden Tag die Radikalität des Andersseins, Dagegenseins, er kuschelt sich in sein Wallahemd, hört Musik von Joan Baez, Jimi Hendrix oder Quicksilver Messenger Service, nuckelt an seiner Wasserpfeife und spürt nichts mehr von der Entfremdung, zu der ihn die Spiesser mit ihrer Zivilisation verurteilen wollen. Der Hippie erlebt sich als Einheit mit der Kreatur, er liebt das Tier und die Pflanze (nicht nur den Hanf!), und er muss raus aus der Stadt, denn nur auf dem Lande ist er ganz bei Mutter Erde und Vater Himmel. Der Bürger lacht über diese Naivität des Hippies, der seinem Wesen nach zur Zuversicht neigt anders als seine Vorgänger, die Hipster. In den Fünfzigern begeisterten sich die Hipster für nervösen Jazz, ihre Führer waren Schriftsteller wie William Burroughs und Jack Kerouac, und diese Beat-Generation bestand aus Pessimisten und Defätisten: Gegen ihre Schwermut setzten die Hippies später Sanftmut und Neugier, vorwärts mit Liebe, «Don't look back!» (Bob Dylan). Die ersten Hacker in den Achtzigern waren Hippies, der Computer versprach Glück und Erkenntnis durch Chaos. Da der Hippie jede Ordnung ablehnt, darf er als Anarchist durchgehen, obwohl er nichts kaputtmachen möchte, ein lieber Anarchist. Und die Bildung, interessiert sich der Hippie eigentlich für Literatur? Der Gitarrist Jerry Garcia von den Grateful Dead konnte in seiner Spätphase nur noch grinsen und auf seinem Instrument spielen, sein Gehirn war eine LSD-Tablette, aber normalerweise liest der Hippie die Bücher des Schamanen Carlos Castaneda und des Grossdichters Hermann Hesse, der einige Passagen seiner Werke nur unter Drogeneinfluss geschrieben haben kann. Der Hippie liest Märchen, weil in ihnen alles erlaubt ist gerade feiert die Welt den 200. Geburtstag von Märchenerzähler Hans Christian Andersen, und Karen Duve, eine der besten Autorinnen in Deutschland, hat jetzt «Die entführte Prinzessin» veröffentlicht, eine Geschichte über Drachen, Liebe und andere Ungeheuer. Überall verstärkt sich die Lust am Fantastischen, denn wenn die Realität beinahe nur Tristesse bietet, träumt sich der Mensch was zurecht, und der Hippie legt sich dazu auf ein «überwirkliches Kopfkissen» (wie The Jefferson Airplane eine ihrer LPs nannten). Neil Young hat mit Jefferson Airplane angefangen und alles aus den Sixties in die Gegenwart mitgenommen: seine Musik, seine zerfetzten Jeans, seine Ansichten, seine Koteletten. In einem Interview sagte Young mal, dass jeder Bürger und jeder Spiesser jeden Hippie beneide, und er, Young, habe Tausende Briefe, die das bewiesen. Kann ja sein die Bürger und Spiesser liegen nachts wach, dann überkommt sie ein Verlangen nach Sinn und Spiritualität, und sie stehen auf und giessen immerhin ihre Topfblumen. Wahrscheinlich sind wir Westler alle Hippies, aber kaum jemand von uns schafft es, den Hippie in sich freizulassen. Da stapfen Gestalten durch den Jura und sammeln Pilze, die dem Bewusstsein ziemlich auf die Sprünge helfen, und im Jura steht auch die älteste Absinth-Brennerei. Meine Damen und Herren in den Büros, Werkhallen und an allen anderen bürgerlichen Arbeitsplätzen, lassen Sie uns ein bisschen halluzinieren und auf die Rückkehr der Hippies anstossen: Trinken wir ein Gläschen Absinth, er wirkt wie LSD und Marihuana zusammen.
Vom 14. bis 17. Juli treffen sich Europas Hippies zum 14. Musikfestival an der Burg Herzberg im deutschen Bundesland Hessen: www.burgherzberg-festival.de |
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