| Facts vom 30.07.1998 Nummer 31, Seite 78 |
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| Gesellschaft Drogen Tödliche Experimente Ein Tee aus Engelstrompeten tötete in Zürich eine junge Frau. Berauschende Pflanzen sind in. Von Stephanie Riedi Auch Wischi, 29, war zum Tee geladen. Er habe mindestens acht Tassen des Gebräus gesoffen, sagt er. Die beiden Freunde hätten niemanden vergiften wollen. Vielleicht habe es «Lillä» weniger gut vertragen, weil sie auf Methadon gewesen sei. «Es tut uns leid, was passiert ist. Wir alle haben Schuldgefühle.» Letzten Donnerstag, 19 Uhr: Die städtische Sanität rückt mit einem Grossaufgebot aus. Vor dem Bahnhof Stadelhofen krümmen sich acht Frauen und Männer vor Schmerzen. Sie kommen ins Spital. Eine Betroffene, die 20-jährige Lilli, stirbt in der Nacht. Sie erlag einer Lähmung des Zentralnervensystems. Am Wochenende kommt es zu einem weiteren Vergiftungsfall. Ein Jugendlicher aus dem Bernisch-Freiburgischen wird im Delirium ins Berner Inselspital eingeliefert. Bei den medizinischen Abklärungen sei zuerst nur der Konsum von Haschisch festgestellt worden, sagt Oberarzt Bernhard Hess. Doch wie sich später zeigt, hat der Halluzinierende auch Engelstrompeten-Tee getrunken. «Der Engelstrompeten-Tee ist in der Drogenszene möglicherweise zurzeit in», meint Hess. Denn der Berner Vergiftungsfall habe keinen direkten Zusammenhang mit den Zürcher Vorkommnissen. Suchtmittel seien schon immer plötzlich an verschiedenen Orten aufgetaucht und hätten sich wellenweise ausgebreitet. Die deutsche «Ärztezeitung» warnte schon 1996 vor dem pflanzlichen Halluzinogen. In den letzten zwei Jahren sei die Zahl von Vergiftungen durch Engelstrompeten stark gestiegen, berichtet das Fachorgan. 90 Prozent der Patienten seien unter 18 Jahre alt gewesen. Ein neues Betäubungsmittelgesetz soll nun in Deutschland dem Trend entgegenwirken. Seit Anfang Februar steht der rauschfixierte Anbau von Pilzen, Kakteen und Engelstrompeten auf dem Index. In der Schweiz können berauschende «Zauberpilze» und Kakteen in einschlägigen Läden gekauft werden. Engelstrompeten blühen zurzeit auf Balkonen, in Gärten und öffentlichen Parkanlagen. Anregungen und Rezepte für Rauschmixturen finden Drogeninteressierte via Internet und in Dutzenden von Büchern. Der Aarauer AT-Verlag Aarau hat sich neben Kochbüchern auf die Edition von Drogenpublikationen spezialisiert. Das im Frühjahr erschienene Werk «Enzyklopädie der psychoaktiven Pflanzen» des Ethno-Pharmakologen Christian Rätsch ist ein Bestseller. In nur drei Monaten wurde es rund 5000-mal verkauft. Die Enzyklopädie weist auf Höchstdosierungen und toxische Gefahren hin. Im Internet hingegen wird auf Warnungen verzichtet. Dafür erfahren Liebhaber von pflanzlichen Rauschmitteln, dass schon indianische Schamanen auf die Droge geschworen haben. Er sei bass erstaunt gewesen über die zum Teil fragwürdigen und fahrlässigen Informationen auf dem Internet, sagt Thomas Sigrist, Professor am Institut für Rechtsmedizin in Sankt Gallen. Er wurde vor einem Jahr mit einem Todesfall im Zusammenhang mit Engelstrompeten konfrontiert. Im Fürstentum Liechtenstein stürzte ein 19-Jähriger im Vollrausch zu Tode. «Die Jugendlichen haben kein Gefahrenbewusstsein», meint Sigrist, «sie lesen darüber und schlucken dann einfach drauflos.» Ähnliches stellt Roger Liggenstorfer fest, Leiter des Nachtschatten-Verlages und der Unabhängigen Drogenberatungsstelle in Solothurn. Das Interesse an Drogen, Substanzen und Pflanzen sei in den letzten Jahren enorm gestiegen, sagt er. «Die Experimentierfreudigkeit nimmt zu.» Laut Liggenstorfer kann bei Engelstrompeten aber nicht wie bei Ecstasy von einer Partydroge gesprochen werden. Psychoaktive Pflanzen würden mehrheitlich von Jugendlichen ausprobiert, «die einfach mal gucken, was törnt». Auch Wischi und seine Freunde sind mit mehreren, auch harten Drogen vertraut. Der Tee versprach einen neuen Kick. Gegen die beiden Teebrauer wurde ein Strafverfahren eingeleitet. Die Migros Stadelhofen hat den Verkauf von Engelstrompeten eingestellt. «Christine, Freibier», schreit ein Punk. Man freut sich ob der Spenden der Passanten, die mit Blumen oder etwas Münz Anteil zeigen. Man hat Geld für einen Kranz gesammelt. In einer Woche will die Clique in einer privaten Feier Freundin Lilli verabschieden. «lillä, du hast uns viel zu früh verlassen» Die Punkerszene beim Bahnhof Stadelhofen trauert um die verstorbene junge Frau. engelstrompete Die Engelstrompete enthält ein Gemisch von Alkaloiden, Hauptbestandteil ist Scopolamin. Scopolaminhaltige Pflanzen wurden in der Antike und im Mittelalter zu verschiedenen Zwecken gebraucht, oft im Zusammenhang mit magischen Handlungen, als Schmerzmittel oder zur Zähmung widerspenstiger Kinder. Schon ab einer Menge von 0,1 Milligramm Scopolamin pro Kilogramm Körpergewicht treten Halluzinationen auf. Eine Überdosis kann zu einer tödlichen zentralen Atemlähmung führen. Halluzigene Wirkung: Die Engelstrompete. drogen-literatur «Es besteht ein gr osses Interesse» Urs Hunziker, 42, ist Verlagsleiter des Aarauer AT Verlages. Der AT Verlag hat sich unter anderem auf Bücher über psychoaktive Pflanzen spezialisiert. FACTS: Was fühlen Sie nach dem Vorfall von letzter Woche? Urs Hunziker: Ich bin schockiert und betroffen. Wir diskutieren im Hause schon den ganzen Tag über das Thema. FACTS: Weil Sie Bücher verlegen, die Jugendliche zum Drogenkonsum animieren könnten? Hunziker: Es besteht ein grosses Interesse an solchen Themen, das ist klar. Unsere Hauptmotivation ist jedoch, die psychoaktiven Pflanzen aus der Subkultur herauszuholen und sie sachlich darzustellen. FACTS: Auch zum Preis, dass Jugendliche auf Drogen wie Engelstrompeten aufmerksam werden? Hunziker: Wenn wir eine Enzyklopädie über psychoaktive Pflanzen herausgeben, dann gehören da auch die Engelstrompeten hinein. Doch wir nehmen es nicht auf die leichte Schulter wie jene, die fahrlässig Informationen übers Internet anbieten. Wir arbeiten nur mit kompetenten Autoren, die wissenschaftlich fundierte Informationen liefern. In unserer Enzyklopädie von Christian Rätsch steht deutlich, dass der Konsum von Engelstrompeten zu Delirien und eine Überdosierung zum Tod führen kann. FACTS: Braucht es überhaupt Bücher zum Thema Rauschmittel? Hunziker: Rauschmittel sind seit je wichtiger Bestandteil unserer Kultur. Mit dem Christentum wurden viele Pflanzen verteufelt und aus der Heilkunde ausgeschlossen, weil sie in gewissen Dosierungen berauschend wirken. Man kann doch nicht einfach einen Teil abspalten, der letztlich bei allen Völkern, zu allen Zeiten eine zentrale Rolle gespielt hat. FACTS: Dann werden Sie weitere Bücher über Drogen publizieren? Hunziker: Ja, weil wir informieren wollen. Dass es auch eine Kehrseite gibt, ist uns klar. Dieses Risiko müssen wir eingehen, wenn die Leute sensibilisiert werden sollen. FACTS: Die Anti-Drogen-Fraktion teilt wohl kaum Ihre Ansicht. Hunziker: Es wäre schade, wenn nach den jüngsten Ereignissen wieder alles in einen Topf geworfen wird. Der kopflose Konsum von Jugendlichen zeigt ja in erster Linie einen Hang zur Grenzenlosigkeit. Da geht es nicht um Erkenntnissuche, sondern um den Kick. Heute ist es Bungee-jumping, morgen ein Tee, gebraut aus Engelstrompeten. Verlagsleiter Urs Hunziker: «Wir werden weiter
Bücher über Drogen publizieren. |
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