| Tages-Anzeiger vom 29.10.1998 Seite 13 |
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| Schweiz Das grosse Schweben über dem Heimatboden Die Schweiz ist ein berauschtes Land, das sich für nüchtern hält. Die DroLeg-Initiative will diesen Widerspruch auflösen. Von Jean-Martin Büttner Der kleine Schweizer Chemiker aus dem Leimental hat im April 1943 bei Sandoz das stärkste Halluzinogen der Menschheit entdeckt und mit dem LSD das Bewusstsein der westlichen Welt verändert. Später isolierte er das Psilocybin, schrieb, forschte und reiste in der Welt herum. Er geniesst die Beachtung, die ihm weltweit zuströmt. Zugleich geht eine unaufgeregte Sachlichkeit von seinen Auftritten aus, schweizerdeutsche Nüchternheit bei aller mystischen Verzückung. "Die wertvollste Erkenntnis", fasst er im Gespräch sein Leben als Forscher und Psychedeliker zusammen, "ist wieder zu wissen, wohin man gehört; ein Teil zu sein der lebendigen Natur." Teure Güter Hofmanns Zurückhaltung sei "typisch für die Haltung, aus der heraus in der Schweiz über Rausch und Realität geforscht wird", sagt Claudio Vannini, ein Zürcher Psychologe, der mit einem Kollegen die Geschichte der Schweizer Halluzinogenforschung aufarbeitet. Es ist dieselbe Haltung, die trotz Rückschlägen und einer repressiven Grundhaltung die neuen Ansätze in der Schweizer Drogenpolitik beeinflusst: die nüchterne Einsicht, dass die Prohibition, Diktat des amerikanischen Leistungspuritanismus, bei der Bekämpfung der Drogensucht gescheitert ist. "Vielleicht waren wir in dieser Frage einfach ehrlicher als andere", vermutet Jörg Schild, der Basler Justizdirektor. Der Freisinnige lehnt die DroLeg-Initiative ab, "weil ich als Politiker Realist geworden bin", gehört aber mit Emilie Lieberherr zu jenen Politikerinnen und Politiker, die sich seit Jahren für eine moderne Drogenpolitik einsetzen. Nach dem Letten blieb der Schweiz auch keine andere Wahl. Das reichste Land der Welt litt schon damals unter höchsten Aids- und Selbstmordraten und hat, auch wenn die Zahlen seit drei Jahren rückläufig sind, bis heute am meisten Drogentote zu beklagen. In der Schweiz leben 150 000 Alkoholkranke und doppelt so viele Tablettensüchtige, 1,7 Millionen Raucher, über 600 000 Kiffer und gegen 30 000 Abhängige sogenannt harter Drogen bei hoher Dunkelziffer. Das hat, wie so oft bei Drogen, mit Geld zu tun. "Dass die Schweiz eines der grössten Drogenprobleme in Europa hat, ist zunächst einmal eine Folge ihres Reichtums", sagt Martin Killias, Strafrechtsprofessor in Lausanne; "viel mehr Menschen können sich schon viel früher viel teurere Fluchtmittel leisten: Die Schweizer sind es sich gewohnt, teure Güter zu konsumieren." Man kann es auch soziologisch sehen. Die Schweiz sei "viel städtischer strukturiert, als sie aussieht", sagt DroLeg-Mitinitiant François Reusser. "Obwohl sie sich als Insel ausgibt, geht die Umwandlung der Gesellschaft viel schneller durch sie hindurch." Eine Gesellschaft voller Widersprüche, glaubt der Solothurner Buchverleger Roger Liggenstorfer, nicht nur in Drogenfragen, dort aber vor allem. Einerseits pflege man "diesen Hang zur Bauernschläue", aus dem heraus man das eine tue und das andere nicht lasse. Zugleich blühe im verborgenen eine "reiche, alte Rauschkultur". Pflanzen, Pilze, Pillen Die Schweiz hat mehr Drogenerfahrung als andere westliche Länder. Sie ist das Land der Pflanzen und Pillen, Dealer und der Drogengelder, ein Land der Räusche: Schnapsbrenner und Absinth-Trinker, Hascher und Pillenschlucker, Visionäre und Phantasten, Dadaisten und Bewegte, illuminierte Psychiater, LSD-Therapeuten und strahlende Laboranten. Das Land der alten Hanfkultur und der modernen chemischen Industrie, die mit der Veränderung des Bewusstseins führende Wirtschaftspositionen ansteuert oder verteidigt. Erst auf amerikanischen Druck hatte der Bundesrat in den zwanziger Jahren den tonnenweisen Export von Opiaten durch die Basler Chemie unterbunden. Auch das Schweizer Betäubungsmittelgesetz von 1924 ist meist auf Aussendruck hin verschärft und ausgeweitet worden. Seine dringende Revision steht seit Jahrzehnten aus. Daraus zieht die DroLeg-Initiative jetzt ihren radikalen Schluss. "Unser Ziel ist eine pragmatische Drogenpolitik", sagt Liggenstorfer ohne eine Spur von Ironie. Zur Illustration hat er mit zwei Kollegen diese Woche "die berauschte Schweiz" herausgebracht, eine 300seitige Anthologie zum Schwebezustand des Landes. Auf dem Titelbild lockt Mutter Helvetia mit Fliegenpilz und fettem Joint, doch im Vorwort steht das Adjektiv "pragmatisch" schon in der fünften Zeile. Und es sind die sachlichen Beiträge der Soziologen, Historiker, Kunsthistorikerinnen, Botaniker und Ärzte, deren Argumente überzeugen; die selig bekifften Selbsterfahrungsberichte scheitern schon an der Sprache. Es sind im Idealfall nüchterne Typen, die dem Rausch nachhängen. Den Konsum illegaler Drogen freigeben und sie in reiner, dosierter Form vom Staat herstellen und abgeben lassen: das ist es, was die Befürworter der Initiative "für eine vernünftige Drogenpolitik" für pragmatisch halten. Die Prohibition sei ohne Wirkung geblieben, habe aber verheerende Nebenwirkungen produziert, argumentieren sie: Schwarzmarkt, organisierte Kriminalität, Verelendung der Süchtigen bei anhaltendem Drogenkonsum. Was der Fixer von der Langstrasse mit dem Säufer im Lausanner Bahnhof gemeinsam hat, die Hausfrau und ihre Tonopan-Tabletten mit der Kokain-sniffenden Journalistin, die Magersüchtige mit den Amphetamin-Präparaten und der Lehrling unter Ecstasy, es ist für die Droleg-Leute offensichtlich: Sie kommen alle problemlos zu ihrem Stoff. Die Frage ist nur, zu welchen Preisen und in welcher Qualität. Die grössten Schäden erzeuge nicht die Substanz, glaubt der Aargauer Chefarzt Reto Tscholl, sondern ihr Verbot. "Legalität allein verhindert noch keine Sucht", warnt Roger Liggenstorfer, und auch Droleg-Mitbegründer Beat Kraushaar erhofft sich von einer Freigabe die Stabilisierung der Süchtigen, noch nicht den Rückgang des Konsums. Um gegen die Sucht vorzugehen, sagt er, müsse man ihre Ursachen beseitigen. Mit einer Annahme der Initiative würden immerhin Mittel für die Prävention frei, die heute einseitig in die Repression investiert werden und Justiz, Polizei und Gesundheitswesen enorm belasten. Rausch und Realität "Drogen sind kulturelle Konstrukte", schreibt der Historiker Jakob Tanner; die Wirkung einer Substanz hängt auch von den Eigenschaften ab, die ihr die Kultur zuschreibt. Dennoch ist nicht zu übersehen, dass Millionen von Schweizerinnen und Schweizern täglich abheben oder sich zudröhnen. "Drogen sind dazu da", sagt Liggenstorfer lapidar, "um die Realität zu ertragen." In einem "Akt autoaggressiven Verhaltens", glaubt Richard Müller von der Fachstelle für Alkohol und andere Drogen, würden die Schweizer den Druck von Stress, Leistung und Konformität gegen sich selber wenden. Absturz aus Überanpassung. Die Drogenfreigabe will das genaue Gegenteil. Ziel müsse immer "das Ergänzen" sein, sagt Albert Hofmann, "nicht das Ausschliessen". Dem little Swiss chemist scheinen die Ergänzungen nicht geschadet zu haben. Im September reiste der 92jährige nach Amsterdam an einen Drogenkongress; man traf ihn abends tanzend in der Disco.
Ein leuchtender Engel für alle Reisenden: Psychedelische
Plastik von Niki de Saint-Phalle im Zürcher HB. |
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