Basler Zeitung vom 18.01.2006
Seite 27
found @
Zauberpilz Website
http://www.zauberpilz.com

Gesundheit

Ärzte setzen auf heilsame Trips

Die pharmakologischen Wirkungen von LSD sollen zum Beispiel bei Kopfschmerzen helfen

Stefan Stöcklin
Bewusstseinsverändernde Stoffe wie LSD wurden lange Zeit als schädliche Drogen abgestempelt. Sie haben auch einen medizinischen Nutzen, sind manche Experten überzeugt.

63 Jahre nach der Entdeckung von LSD durch Albert Hofmann seien «neue Anzeichen für die fällige Rehabilitierung» der Droge erkennbar, sagte Dieter Hagenbach, Organisator des gut besuchten LSD-Kongresses in Basel, letzte Woche. Zumindest in einem Bereich, dem medizinischen, sind einige Ansätze erkennbar, wie das einst verteufelte Halluzinogen etwas nüchterner angegangen werden könnte. Eine kleine Schar von Ärzten, Pharmakologen und Psychologen ist von den Heilkräften der Droge überzeugt und dabei, diese zu untersuchen. Ein Zentrum dieser Renaissance ist die Schweiz, eines der wenigen Länder, in denen die Forschung mit Halluzinogenen möglich sei, wie am Kongress lobend erwähnt wurde. Die andere Grossmacht in der Erforschung der Heilkräfte bewusstseinserweiternder Drogen sind die USA.

Auf beiden Seiten des Atlantiks arbeiten die Forscher mit Stoffen wie Ecstasy (MDMA) oder Psilocybin, einem dem LSD nahe verwandten Stoff aus Pilzen, um ihre Wirkung bei verschiedenen medizinischen Problemen zu erforschen. Wurde LSD in den 60er Jahren zunächst vor allem in der Psychiatrie eingesetzt, um Zugang zu tieferen Schichten des Bewusstseins zu erlangen, arbeiten die Mediziner und Psychiater heute in mehreren Krankheitsbereichen: Psilocybin respektive LSD wird zur Behandlung von Ess-störungen und schweren Kopfschmerzen (Cluster-Headache) sowie psychischen Störungen (Neurosen) geprüft. MDMA soll die Heilung bei traumatisierten Personen (Posttraumatische Belastungsstörungen, PTBS) verbessern und Krebs-patienten die Todesängste nehmen.

Erste Studien. Ein Pionier dieser Forschung in der Schweiz ist der Psychiater und Neuropsychopharmakologe Franz X. Vollenweider von der Psychiatrischen Universitätsklinik in Zürich. «Wir haben viele Jahre Grundlagenforschung mit Psilocybin gemacht, nun planen wir die ersten klinischen Studien», sagt Vollenweider im Gespräch. Bei diesen Arbeiten standen bisher der Stoffwechsel und die Wirkungsweise der Substanzen im Gehirn im Zentrum. Nun steht die medizinische Wirksamkeit auf dem Prüfstand. «Psilocybin oder LSD soll nur dann zum Einsatz kommen, wenn es besser ist als bestehende Therapien.» Dazu braucht es prüfbare Hypothesen und Erklärungsmodelle, die in klinischen Studien verifiziert werden können.

Serotonin. Über LSD respektive Psilocybin ist diesbezüglich herzlich wenig bekannt. Zwar stapeln sich die Erfahrungsberichte über die halluzinogene und bewusstseinsverändernde Wirkung der beiden Stoffe. Im Zentrum stehen eine ozeanische Entgrenzung und Ich-Auflösung, die sowohl angst- als auch glückvoll erlebt werden können. Dabei beschreiben Eingeweihte den Psilocybin-Trip etwas weniger intensiv, auch sei die Gefahr von Angstzuständen kleiner. Im Vergleich mit dem zwölfstündigen LSD-Trip dauert die Reise mit dem Inhaltsstoff der «heiligen Pilze» gerade mal sechs Stunden. Es war im Übrigen auch der Sandoz-Chemiker Albert Hofmann, der den Wirkstoff Psilocybin aus mexikanischen Pilzen Ende der 50er Jahre isolieren und chemisch beschreiben konnte.

Der umfangreichen, psychedelischen Literatur steht wenig Fachliteratur gegenüber. «Es gibt zwar etwa 1600 Studien über LSD», sagt Felix Hasler, Forschungsassistent im achtköpfigen Team von Vollenweider, «aber vieles ist unbrauchbar.» Denn oftmals handelt es sich um anekdotische Beschreibungen von Einzelfällen - unbrauchbar, um klare Schlüsse zu ziehen.

Verbürgt sei folgende Wirkungsweise von LSD respektive Psilocybin, wie Vollenweider ausführt: Im Zentrum steht die Wirkung auf Serotonin-Rezeptoren im Gehirn. Zwölf dieser Andockstellen sind bekannt, LSD stimuliert vor allem den Subtyp 2A. Gleichzeitig werden auch Dopamin-Rezeptoren aktiviert. Eine Folge ist die Anregung einer Hirnregion namens Thalamus, die äussere und innere Sinnesreize verarbeitet, filtert und an das Grosshirn weiterleitet. Der Verlust der Filterwirkung des Thalamus durch Halluzinogene scheint für die gesteigerte Wahrnehmung von Sinneseindrücken verantwortlich zu sein und kann zu Halluzinationen führen. Das Stirnhirn wird mit Glutamat überflutet. Hirnareale, die sonst nicht miteinander in Beziehung stehen, beginnen synchron zu reagieren. Die Beziehung zur Umwelt verändert sich, Sinneseindrücke können sich überlagern. «Wir stellen fest, dass verschiedene Hirnfunktionen - die neuronalen Korrelate des Bewusstseins - verändert werden», sagt Vollenweider. Wie letztendlich Bewusstsein entsteht, darüber wissen wir nichts.

Gegenwärtig ist Felix Hasler an der Planung einer klinischen Studie mit Psilocybin zur Behandlung schwerer Essstörungen (Bulimie und Anorexie). Pharmakologisch könne man sich eine Wirkung erhoffen, weil die Serotonin-Rezeptoren ins Krankheitsgeschehen involviert seien. Die Auswirkungen des Pilzstoffes auf die Funktionen des Körpers werden im Detail untersucht. Mit LSD arbeite man in Zürich nicht, unter anderem aus praktischen Gründen, denn Versuche mit 12-stündiger Dauer (so lange wirkt die Substanz) würden einen enormen Aufwand verursachen. In den USA hingegen plant eine Gruppe um Rick Doblin, dem Gründer von Maps (Mulitdisciplinary Association for Psychedelic Studies), eine LSD-Studie. Dabei gehe es um die Behandlung schwerer Cluster-Kopfschmerzen, gegen die wirksame Rezepte fehlten. Laut einzelnen Erfahrungsberichten wirke LSD bei diesen Beschwerden sehr gut. «Die Gesundheitsbehörden (FDA) sind offen gegenüber der LSD-Forschung», sagte Doblin, der mit einer baldigen Bewilligung rechnet.

Mitarbeiter von Maps untersuchen in einer weiteren klinischen Studie auch die Wirkung von MDMA im Zusammenhang mit Posttraumatischen Belastungsstörungen PTBS. Erste Ergebnisse bei der Behandlung traumatisierter Kriegssoldaten aus dem Golfkrieg seien viel versprechend, hiess es in Basel. Die Substanz löse Ängste und erhöhe die Empathie der Betroffenen, was sie der psychologischen Behandlung zugänglicher mache.

Zu den Wurzeln. Mehrmals war am Kongress zu hören, dass die LSD-Forscher mit ihren neuen Vorhaben eigentlich eine alte Tradition fortführten. Als Sandoz LSD in den 50er Jahren für kurze Zeit unter dem Markennamen «Delsyd» auf den Markt brachte, wurde der Stoff zur Verwendung in der Hirnforschung und der Psychotherapie angepriesen.

>www.baz.ch/go/vollenweider

>www.maps.org

>www.heffter.org

Heilkräfte. Halluzinogene weisen neue Wege zur Behandlung von Krankheiten. Foto Caro

Streit um LSD - «sakrale» Droge oder «Teufelszeug»?

Kleines Risiko. Der Entdecker und Erfinder von LSD, Albert Hofmann, bezeichnete am Basler Kongress das von den amerikanischen Gesundheits-Behörden in den 70er Jahren erlassene Verbot von LSD als «politisch motiviert». Für den Chemiker und Naturstoff-Forscher ist LSD eine «sakrale» Droge und ein «Psychostimulans». Aufgrund der starken Wirkung gehöre es allerdings in die Hände von Ärzten.

Hofmann selbst hat den potenten Stoff meistens unter kontrollierten Bedingungen zusammen mit Freunden eingenommen, denn es ist bekannt, dass LSD zu extremen Glücksgefühlen aber auch zu Angstzuständen führen kann - und dies auf dem selben Trip. Der Zürcher Halluzinogenforscher Franz X. Vollenweider bezeichnet das Gefährdungsrisiko mit Halluzinogenen wie Psilocybin oder LSD bei gesunden Menschen als «minimal». Wenn die Dosierung vernünftig gewählt werde und die Sauberkeit der Stoffe gewährleistet sei, bestehe nur ein kleines Restrisiko. Gefährlich werde es, wenn der Stoff in hohen Dosen von Leuten in unkontrollierten Situationen eingenommen werde. Vollenweider hat im Verlaufe seiner 15-jährigen Forschungstätigkeit bei rund 600 Probanden nie Probleme mit Psychosen gehabt, die von den Halluzinogenen angeblich ausgelöst würden. Dabei arbeitet er unter anderem mit Psilocybin, das in der Wirkung LSD vergleichbar sei. Vollenweider und seine Mitarbeiter wählen ihre Versuchspersonen sorgfältig aus und schliessen Leute, in deren Familien Fälle von Schizophrenie und anderen psychiatrischen Erkrankungen dokumentiert sind, aus.

Der Konsum von LSD ist in der Schweiz verboten. Vollenweider ist gegen eine Freigabe, aber er könnte sich vorstellen, dass man den Stoff unter medizinischer Kontrolle in einem therapeutischen Kontext in speziellen Häusern zugänglich machen könnte. Für die klinischen Versuche seiner Gruppe mit Psilocybin braucht es eine Lizenz des Bundesamts für Gesundheit, die Vollenweider besitzt. Zusätzlich müssen die Studien von der lokalen Ethik-Kommission begutachtet und von der Swissmedic freigegeben werden. sts

 

Zauberpilz Website Menü | Literatur | Artikel 47
Dokument drucken
webmaster@zauberpilz.com