| Facts vom 10.10.1996 Nummer 41, Seite 110 |
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Zauberpilz Website http://www.zauberpilz.com |
| Gesellschaft Spezial Rausch Von Pilzen, die bezaubern Für die Azteken waren sie das Fleisch der Götter: Pilze mit berauschender Wirkung. Auch hierzulande gedeihen Zauberpilze, und ihre Liebhabergemeinde wächst stetig. Stephanie Riedi Bis vor wenigen Jahren berauschten Pilze nur Althippies und selbst ernannte Schamanen. Jetzt ziehen sie auch die jüngere Generation in Bann. Natürliche Rauschmittel seien zur Zeit eine begehrte Alternative zu chemischen Drogen wie Ecstasy oder LSD, sagt Roger Liggenstorfer, Verleger und Herausgeber der Buchreihe «Edition Rauschkunde». Der Solothurner ist um Aufklärung bemüht, da in unserer Gesellschaft das Drogenerlebnis nicht kulturell eingebettet sei. «In Unwissenheit sind auch natürliche Rauschmittel gefährlich.» Bei den Rauschpilzen ist es nicht anders als bei den Speisepilzen. Es besteht die Gefahr der Verwechslung. Ausserdem rumpelt ein allzu üppiges Pilzragout im Bauch. Mit Kahlköpfen zubereitet, überrumpelt es auch den Geist. Pilze gehören in die Gruppe der magischen oder sakralen Drogen. «Fehlen Vorbereitung und Integration», sagt Liggenstorfer, «kann das umwälzende Erlebnis einen Schock auslösen oder eine Psychose.» Konsum und Verkauf der psychoaktiven Pilze sind in der Schweiz verboten. Das kümmert die Liebhaber kaum. Die Pilze wachsen ohne staatlichen Segen, also trappen die Sammler schnüffelnd über fette, naturgedüngte Matten auf der Suche nach der Pforte zur Erleuchtung. Der Massentourismus in Pilzregionen ist Naturschützern ein Graus. Sie fordern einen bundesrechtlichen Artenschutz, um den Kahlschlag zu unterbinden, denn der Kahlkopf ist vom Aussterben bedroht. Pilzfreunde sitzen in der Zwickmühle. Walter Baumeler hat das Problem für sich gelöst. Der Hobby-Schamane lebt mitten im Berner Jura. Er hat in seiner Wohnung ein Labor eingerichtet, um die Magic Mushrooms zu züchten. Baumeler kultiviert keine Spitzkegligen Kahlköpfe, sondern den mexikanischen Urzauberpilz Stropharia cubensis, den die Azteken Teonanacatl, Fleisch der Götter, nannten. Die Wirkung der beiden sei ähnlich, sagt Baumeler. Der Mexikaner habe jedoch mehr Kraft. «Man dringt leichter in spirituelle Dimensionen vor.» Den Pilzen wird Wundersames nachgesagt. «In manchen Fällen kommt es zu aussersinnlichen Wahrnehmungen», schrieb Aldous Huxley. Der amerikanische Schriftsteller nannte die Pilze Moksha-Medizin und widmete ihnen unter diesem Namen einen Roman. Der Schweizer Orientalist und Autor Rudolf Gelpke protokollierte nach der Rückkehr von einem Pilztrip: «Dieser Rausch war ein Weltraumflug nicht des äusseren, sondern des inneren Menschen, und ich erlebte die Wirklichkeit einen Augenblick von einem Standort aus, der irgendwo jenseits der Schwerkraft liegt.» Die Erfahrungen von Huxley und Gelpke geben Einblick in Sinn und Zweck der Pilzkultur. Ursprünglich wurde das mexikanische Götterfleisch bei religiösen Zeremonien und festlichen Anlässen verwendet. Schamanen nutzten den Pilz als Mittler zwischen den Welten. Er war heilig. Wer ihn selbstsüchtig missbrauchte, zog den Zorn der Götter auf sich. Die ersten schriftlichen Zeugnisse über Pilzberauschte stammen aus dem 16. Jahrhundert. Spanische Chronisten, die nach der Eroberung Mexikos durch Hernan Cortez ins Land kamen, berichteten von einem «Götzendienst» mit Pilzen, bei denen «gesungen und getanzt wurde und alle den Verstand verloren, so dass es eine Schande war». Das «Teufelszeug» wurde verdammt. Vierhundert Jahre später mutierten die vermeintlich diabolischen Pilze wieder zum «Götterfleisch». Am 13. Mai 1957 erschien im US-Bestseller-Magazin «Life» ein Artikel des amerikanischen Bankiers Gordon Wasson. Darin schilderte der passionierte Hobby-Forscher seine Begegnung mit der mexikanischen Schamanin Maria Sabina und die Rauscherfahrung mit Zauberpilzen. Der Bericht machte das über Jahrhunderte geheim gehaltene Wissen um die mexikanischen Magic Mushrooms weltbekannt. Millionen von Lesern wollten das Götterfleisch kosten. Das Interesse der Pharmaindustrie war geweckt. Von Sandoz erhielt der Basler Chemiker und Botaniker Albert Hofmann den Auftrag, die Pilze zu untersuchen und das wirksame Prinzip zu isolieren. Der Vater des LSD zeugte ein zweites Kind. Rund fünfzehn Jahre nach Entdeckung des halluzinogenen Pharmakons gelang es ihm, den berauschenden Wirkstoff der Zauberpilze synthetisch herzustellen. Er nannte die Droge Psilocybin. Im Gegensatz zu LSD und anderen chemisch erzeugten Medikamenten respektive Rauschmitteln tauchte Psilocybin nie auf dem Schwarzmarkt auf, sondern blieb in den Händen von Psych- iatern und Forschern. Auch mit Pilzen wird kaum geschäftet. Zwar gibt es in Holland seit kurzem so genannte Smartshops, wo man Pilze kaufen kann, und auch hierzulande verkaufen Züchter wie Baumeler aus dem Jura ihre Ware. Aber die Preise sind moderat. Ein Trip kostet etwa gleich viel wie eine Flasche Moët & Chandon, doch anders als die Champagner-Produzenten legen Pilzzüchter keinen Wert auf Exklusivität. Sie verbreiten ihr Wissen über Zucht und Kultivierung der Magic Mush- rooms in Büchern - und jetzt auch via Internet. Das könnte dem Spitzkegligen Kahlen den Kopf retten. BERauscht: Die pillensüchtige Mary Lou im Film «Joe» aus dem Jahr 1970. Fleisch der götter: Stropharia cubensis, Zauberpilz der Azteken. BESSER IM KOPF ALS IM TOPF: Der Spitzkeglige Kahlkopf. Der Schizophrenie auf der Spur Der Psychiater und klinische Forscher Franz X. Vollenweider leitet an der Psychiatrischen Universitätsklinik Burghölzli in Zürich ein Forschungsprojekt, in dessen Zentrum Psilocybin steht, der von Albert Hofmann entdeckte und synthetisierte halluzinogene Wirkstoff der mexikanischen Zauberpilze «Teonanacatl» (Fleisch der Götter). FACTS: Herr Vollenweider, Sie veranstalten Settings mit dem mexikanischen Ritual-Halluzinogen Psilocybin, einer bei uns verbotenen Droge. Haben Sie eine Sonderbewilligung als Schamane? Franz X. Vollenweider: Nein, nicht als Schamane, aber als Forscher. Unser Projekt ist streng wissenschaftlich ausgerichtet. Wir untersuchen die Wirkung von Halluzinogenen aufs Gehirn, um der Schizophrenie auf die Spur zu kommen. FACTS: Sie vergleichen den Drogen-Rausch mit einer Geisteskrankheit? Vollenweider: Halluzinogene wie Psilocybin oder LSD führen bei Gesunden vorübergehend zu Veränderungen des Ich-Erlebnisses, der Affekte und der Sinneswahrnehmung, die den psychotischen Zuständen Schizophrener ähnlich sein können. FACTS: Aber die Zustände werden unterschiedlich wahrgenommen. Vollenweider: Der wesentliche Unterschied besteht darin, dass sich unsere Probanden der zeitlichen Begrenztheit ihrer Erfahrung bewusst sind. Halluzinogene bewirken eine Ich-Auflösung, die von den einen als Einswerden mit dem Universum wahrgenommen wird. Dem gegenüber steht die angstvolle Ich-Auflösung, der Horror-Trip. Bei der angstvollen Ich-Auflösung sind ähnliche Hirnregionen verändert wie bei akuten schizophrenen Schüben. FACTS: Welche Rückschlüsse ziehen Sie daraus? Vollenweider: Wenn wir wissen, was bei der angstvollen Ich-Auflösung biochemisch exakt geschieht, könnten sich daraus neue Ansätze zur Therapie der Schizophrenie ergeben. Aus der Psilocybin-Forschung ist bekannt, dass die Droge hauptsächlich das Serotonin-System beeinflusst. Die Kommunikation und Wechselwirkung der Botenstoffe im Gehirn werden durch Halluzinogene gestört. Ähnliches könnte bei schizophrenen Anfällen ablaufen. Wir suchen mit Hilfe der Pharmaindustrie einen Blocker, der diese Störung unterbindet. FACTS: Aufgrund Ihrer Untersuchungen mit freiwilligen Probanden wissen Sie, dass ein Trip auch positive Erfahrungen bringen kann. Was bedeutet der Rausch für den Menschen? Vollenweider: Die Ethnologie und Religionspsychologie haben gezeigt, dass der Mensch schon seit Urzeiten und in fast allen Kulturen nach erweiterten Bewusstseinszuständen, nach einer Verschmelzung mit der Natur und Gott gesucht hat. Halluzinogene sind dabei neben Askese, Meditation oder Gebet nur eine Gruppe der möglichen Induktoren. Interview: Stephanie Riedi |
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