| SonntagsZeitung vom 10.10.1999 Seite 129 |
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| Trend Ein Pilz zum Abheben Der Fliegenpilz ist kein Killer - aber Ursprung von Mythen, Sagen und mitunter Horrortrips Schon von Ferne grüsst er in den Landesfarben. Doch er zieht nur Schnecken an. Die haben ihn zum Fressen gerne, derweil Pilzsammlern die Lust auf Ragout mit Knoblauch und Weisswein flugs vergeht. Der Fliegenpilz, so weiss das menschgewordene Trüffelschwein, gilt als giftig, in manchen Fachbüchern gar als tödlich. Von wegen. Das Rotkäppchen mit den weissen Flocken wird zu Unrecht verunglimpft. Zweifellos ist der Fliegenpilz nicht harmlos, aber sein schlechter Ruf rührt kaum vom Morden her. «Er verursacht allenfalls einen traumähnlichen Zustand», sagt Roger Liggenstorfer, «man hat das Gefühl, zu fliegen.» Der Leiter der unabhängigen Drogenberatungsstelle Solothurn muss es wissen. Die Amarita Muscaria, so der lateinische Name, ist ein Halluzinogen und als solches das älteste Rauschmittel des Menschen überhaupt. Das Wissen um die berauschende Wirkung des Fliegenpilzes wird auf über 4000 Jahre geschätzt - was dem verehrten und gleichzeitig verachteten Pilz zahllose Legenden beschert hat. Wunderliche Reise in himmlische und irdische Welten Spezialisten und Spinner versuchen seit Jahrhunderten, dem Phänomen Fliegenpilz nachzuspüren. «Der psychoaktive Pilz», sagt etwa der deutsche Ethnopharmakologe Christian Rätsch, «birgt ganze Universen in sich.» Rätsch ist Mitautor eines Kompendiums, das Ende Oktober erscheint und den Horizont erweiternden Pilz gebührend würdigen will. «Der Fliegenpilz - Traumkult, Märchenzauber, Mythenrausch» lädt mit Historischem und Histörchen zu einer wunderlichen Reise in die Kulturgeschichte himmlischer und irdischer Welten. Wer weiss schon, dass die Gartenzwerge des Fliegenpilzes wegen rote Zipfelmützen tragen? Dass die Alchemisten und Zauberer ihm zu Ehren rote Spitzhüte aufsetzen? Oder dass es sich beim Heiligen Gral um den Fliegenpilz handelt? Verrückt? Vielleicht. Andererseits kann bis dato niemand schlüssig erklären, weshalb das vermeintlich todbringende Ding Glückwunschkarten und Geburtstagstorten ziert, am Christbaum baumelt, auf T-Shirts und Partyflyern prangt, Märchenbücher mystifiziert, der Tochter als Strickliesel und den Schlümpfen als Unterschlupf dient. Der Fliegenpilz ist ein Kuriosum. In natura ruft er irrationale Ängste hervor; als Symbol steht das «Männlein im Walde» für magisch zufliegendes Glück. «Man kann ihn hassen oder ehren», sagt Rätsch, «aber letztlich ist er ein heiliges Geschöpf unserer Ahnen.» Was immer damit gemeint sein soll: Bei Grossmutter stand der Fliegenpilz weder auf dem Hausaltar noch auf dem Speiseplan. Aber sie stammt auch nicht aus Sibirien. Dort nämlich wird der Fliegenpilz seit Jahrhunderten als Rauschmittel verehrt. Die erste schriftliche Notiz findet sich im Bericht von Adam Kamienski, der 1658 Kriegsgefangener des russischen Zaren war. Der Pole beobachtete eine Fliegenpilz-Fete unter Einheimischen, worauf er fasziniert niederschrieb: «Und davon werden sie schlimmer betrunken als von Wodka, aber es ist für sie das schönste Bankett.» Solche Zechereien sind bis Anfang des 20. Jahrhunderts verbrieft. «Der Fliegenpilz hat jedoch nicht nur als Rauschmittel für jedermann eine Rolle gespielt», sagt die Ethnologin Alexandra Rosenbohm, Ko-Autorin der Fliegenpilz-Hommage, «sondern vor allem auch in religiösen Zusammenhängen, wie in Zeremonien und Ritualen von Schamanen.» Ähnliche Berichte über die Götterdämmerung der Altvorderen finden sich in allen Teilen der Welt. Auch in Europa. Germanische Sagen weisen auf die Verehrung des Rotkäppchens hin. Wotan, der germanische Gott der Ekstase, reitet zur Wintersonnenwende durch die Wolken. Dort, wo der Geifer seines Pferdes auf die Erde tröpfelt, schiessen neun Monate später im Herbst Fliegenpilze aus dem Boden. Folgerichtig - haben Geistreiche der Moderne weiterspinntisiert - muss es sich auch beim rotweiss gewandeten Weihnachtsmann, der auf dem Rentierschlitten durch die Lüfte fegt, um den Vater des Fliegenpilzes handeln. Rotkäppchen kann auch zum bösen Wolf mutieren Wenns nicht wahr ist, ists gut erfunden: Bewusstseinserweiterungen solcher Art könnten durchaus von einem Pilzrausch selbst herrühren. Laut Wissenschaftlern treten nach dem Fliegenpilzkonsum ausser «parasympatholytischer Erregung, wellenartigem Wechseln von Schlafen und Wachen», auch Illusionen, Halluzinationen und Delirien auf. «Die Berauschten», sagt Ethnopharmakologe Rätsch, «gehen oft auf Reise in die Welt der Zwerge.» Derweil die einen ins Reich der Märchen und Mythen entschlummern, knallen andere durch. Der Fliegenpilz fährt nicht behutsam ein wie ein Damenschnäpschen. «Die Wirkung ist unberechenbar», sagt Fachmann Liggenstorfer, «sie variiert je nach Frische und Grösse der Pilze.» Der goldene Schuss liegt bei 100 Gramm Frischpilz. Zwar findet sich in der toxikologischen Literatur kein seriös nachgewiesener Todesfall, doch unerfahrene Fliegenpilzberauschte schildern ihren Trip als unangenehm, manche gar als blanken Horror. «Warnungen, so antiquiert sie heute klingen, sollten ernst genommen werden», sagt Ethnologin Rosenbohm. Eine sibirische Legende erzähle, dass sogar der Teufel nach dem Genuss eines Fliegenpilzes sieben Tage und Nächte bewusstlos gewesen sei. Eine andere Mythe vermerkt: «Nur wer über den Ursprung des Fliegenpilzes orientiert ist, kann ihn zum Glück essen, wer aber im Rausche nicht die Geister des Pilzes richtig sieht, den könnten diese töten, und er geht im Finsteren irre.» In Sibirien wird heute vorzugsweise Wodka gekippt und bei uns Bier oder Ecstasy geschluckt. Selbst das Rezept von Doktor Universalis Albertus Magnus (1193-1280), der den Fliegenpilz zum Töten von Fliegen empfiehlt, geriet mit der Erfindung der Fliegenklatsche in Vergessenheit. Einzig die Liebe der Schnecken scheint ungebrochen - und jene von Patrioten mit Horizonterweiterung: Die Schweizer Nationalflagge soll - wen wunderts noch? - vom Fliegenpilz inspiriert sein. High dir, Helvetia. Wolfgang Bauer, Edzard Klapp, Alexandra Rosenbohm: «Der Fliegenpilz - Traumkult, Märchenzauber, Mythenrausch», AT Verlag, 250 Seiten, 48 Franken Ein heiliges Geschöpf unserer Ahnen: Die Amarita Muscaria, so der lateinische Name des Fliegenpilzes, soll vieles können und an noch mehr Schuld sein Foto: Prisma
Zipfelmützen: Zwerge hausen im Wald und schlüpfen gerne unter Fliegenpilze. Weil dem seit Jahrtausenden so ist, tragen die unter Menschen weilenden Gartenzwerge dem Rotkäppchen zu Ehren rote Zipfelmützen. Spitzhüte: Alchemisten und Zauberer suchten nach dem Stein der Weisen und nach dem Lebenselixier, das Unsterblichkeit verleihen sollte. Inspirationsquelle ist ihnen oft der Fliegenpilz gewesen, daran erinnern ihre roten Spitzhüte. Nationalflagge: Fliegenpilze gibt es in allen Teilen der Welt. Doch Kenner sind überzeugt, dass es in der Schweiz die schönsten gibt. Darum sei es nahe liegend, dass unsere Altvorderen ihn mit der Nationalflagge würdigten. Himmelsstürmer: Wotan, der germanische Gott der Ekstase, stürmte übers Himmelszelt und liess Fliegenpilze aus dem Boden schiessen. Weils heute keine Götter mehr gibt, hat der Weihnachtsmann Wotans Arbeit übernommen. Glückspilz: Er prangt auf Geburtstagskarten und Partyfliers, schmückt Jubiläumstorten und Christbäume. Fliegenpilze verheissen mit ihren roten Kappen und weissen Flocken magisch zufliegendes Glück. «Eine Frage der Dosis» GHB-Verkäufer F.H. über Drogen SonntagsZeitung: F.H., Sie verkaufen in Ihrem Zürcher Drogenladen Smart Stuff und via Internet Magic Mushrooms. Gehören auch Fliegenpilze zum Sortiment? F. H.: Nein. Fliegenpilze sind gefährlich. Diese Erfahrung habe ich selbst auf einem Trip mit Fliegenpilzschnaps gemacht. Ich erwachte in der Nacht und musste den Notarzt rufen, weil ich fast nicht mehr atmen konnte. Ihren Kunden ergeht es ähnlich. Mit der von Ihnen vertriebenen Droge GHB fallen sie offenbar reihenweise ins Koma. H.: Tatsächlich fahren jetzt mehr Ambulanzen an Partys ein. Viele Konsumenten halten sich nicht an die Spielregeln, schlucken zu viel GHB und kippen erst noch Bier nach. Der Mischkonsum ist die grösste Gefahr. Woher kommt der plötzliche Boom? H.: Vor ein paar Jahren war GHB schon einmal auf dem Markt. Damals meinten wir, es sei Liquid Ecstasy. In Amerika und Deutschland wird es schon seit längerer Zeit konsumiert. Nicht nur von Ravern, sondern auch von Sportlern und Models. Wie bitte? H.: Ja. Ben Johnson zum Beispiel ist ein eifriger Schlucker. Sportler und Bodybuilder benutzen GHB als Aufputschmittel und zum Aufbau der Muskeln, und die Models, damit sie besser drauf sind. Die müssen ja immer lächeln. Und wie kam die Droge in die Schweiz? H.: Vor rund einem Jahr las ich im «Beobachter», dass GHB die kommende Partydroge sei. Damals war die Droge hier zu Lande noch gar nicht bekannt und ich sagte mir: Dafür sorge ich. Offenbar mit Erfolg. Sind Sie skrupellos? H.: Nein. Es ist alles eine Frage der Dosis und der richtigen Anwendung. GHB führt schon in kleinen Mengen zum erwünschten, euphorischen Effekt. Ausserdem hat man danach keinen Kater, und es ist legal. Noch. Laut der letzten Ausgabe des «SonntagsBlick» soll die Droge vom Bundesamt für Gesundheit verboten werden. H.: Ich habe es gelesen, aber mit dem BAG hatten wir bislang noch nichts zu tun. Sie bewegen sich auf Messers Schneide. Sind Sie ein Dealer, der einfach nach Gesetzeslücken sucht? H.: Nein, jeder, der Alkohol verkauft, müsste als Dealer grössere Skrupel haben als ich. Alkohol ist zwar legal, aber wie man weiss, gefährlich, gesundheitsschädigend und Sucht erzeugend. Ein Pilzrausch kann Ihrer eigenen Erfahrung nach auch gefährlich sein. H.: Ja. Im Vergleich zu GHB bergen Fliegenpilze und Magic Mushrooms grössere Risiken, weil sie Halluzinationen hervorrufen. GHB hingegen ist massentauglich. Der Mitteleuropäer versteht eben nicht, dass es sich bei Pilzen um Ritualdrogen handelt. Der kommt aus dem gestressten Alltag und wirft einfach etwas ein. Das ist nicht dasselbe, wie wenn man drei Tage lang fastet und sich sexuell enthält, um danach im Beisein eines Schamanen eine bewusstseinserweiternde Reise anzutreten. «Es ist legal»: F.H. |
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