Aargauer Zeitung vom 03.10.2003
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Aktuell

«Zauberpilze» wirklich gar nicht zauberhaft

ZOFINGEN · Roland Walther von der Suchthilfe AVS, Bezirk Zofingen, zum «Zauberpilz»-Konsum von Jugendlichen

Gourmets schwören - nicht nur in der aktuellen Pilzsaison - auf den Genuss von Pilzen. Aber nebst den essbaren gibt es auch eine Reihe von Pilzen, die von Jugendlichen als «natürliche Droge» missbraucht werden. Das ZT sprach mit Roland Walther von der Beratungsstelle für Suchthilfe AVS, Bezirk Zofingen, über Wirkung, Nebenerscheinungen und Folgen des «Zauberpilz»-Konsums.

Melek Camci
Haben Sie viele Fälle, in denen Jugendliche zu Ihnen kommen, weil sie «Zauberpilze» konsumieren?

Roland Walther: Grundsätzlich haben wir auf unserer Beratungsstelle in Zofingen eher wenig Jugendliche, die wegen Konsum von so genannten «magic mushrooms» zu uns kommen. Meistens kommen sie wegen einer anderen Droge, im Verlauf der Gespräche zeigt sich, dass sie auch noch Pilze konsumieren oder konsumiert haben. Allerdings ist der Konsum von solchen Pilzen nicht kontinuierlich, sondern eher an speziellen Anlässen und punktuell, wie zum Beispiel an Goa-Partys oder anderen speziellen Events.

Kann es sein, dass Jugendliche die Wirkung dieser «natürlichen Droge» unterschätzen?

Walther: Je nach konsumierter Menge, Form der Einnahme und Persönlichkeitsstruktur des Konsumenten birgt dieser Konsum nicht zu unterschätzende Gefahren. Insbesondere das limbische System des Gehirns, in dem Sinneseindrücke entstehen und Lust- und Unlustgefühle verarbeitet werden, reagiert oft stark auf die verschiedenen Wirkstoffe dieser Halluzinogene. Damit kann die extrem gesteigerte Wahrnehmungsfähigkeit und die überreizten Sinne bei einer Einnahme dieser Substanzen erklärt werden.

Mit welcher Art von Droge kann man die Wirkung der «Zauberpilze» vergleichen?

Walther: Die Wirkstoffe der «magic mushrooms» sind mit dem LSD verwandt und entfalten somit eine ähnliche, psychoaktive Wirkung.

Wie lange hält die Wirkung an?

Walther: Wirksame Dosen beginnen bei drei bis sechs Milligramm der Reinsubstanz. Je nach Dosis und Form der Einnahme, meist durch schlucken, erreichen die Wirkstoffkombinationen nach 10 bis 30 Minuten im Gehirn ihr Maximum. Körperliche Wirkungen wie Schläfrigkeit und Blutdruckabfall setzen jedoch früher ein als die halluzinogenen Effekte. Die Wirkung klingt nach etwa sechs bis acht Stunden ab.

Welche Folgen kann die Einnahme von Halluzinogenen haben?

Walther: Halluzinogene können je nach Dosis, Konsumsituation, Persönlichkeitsstruktur und der momentanen psychischen Verfassung tief greifende Veränderungen im Alltagsbewusstsein sowie im Raum- und Zeiterleben bewirken. Je nachdem kann sich der Konsum in einer «positiven» mystischen Erfahrung entfalten oder der Konsument verfällt in einen Horrortrip, der eine Ich-Auflösung zur Folge haben kann.

Was meinen Sie mit einer «Ich-Auflösung»?

Walther: Es besteht zum Beispiel eine Gefahr für Personen mit einer labilen Psyche, die sich beim Halluzinogen-Gebrauch dem Risiko des Ausbrechens latenter psychischer Krankheiten aussetzen. Zudem führt der Konsum von Halluzinogenen in unserer Umwelt nicht selten zu schweren Unfällen.

Unfälle welcher Art?

Walther: Überdosierungen mit tödlichen Folgen sind meist auch indirekter Art wie etwa eine Selbsttötung mit einem Sprung aus dem Fenster während einer Flughalluzination. Zu den nicht kalkulierbaren Rauschfolgen zählen ebenfalls die häufig auftretenden Nachhalleffekte, Monate oder sogar Jahre nach dem Halluzinogen-Konsum. Dabei handelt es sich um episodisch auftretende, kurze Wiederholungen von Rauschzuständen.

Viele Jugendliche denken, dass bei einer «kleinen» Dosierung nichts passieren kann.

Walther: Halluzinogene enthalten hochpotente, psychoaktive Wirkstoffe, die ein hohes Gefahrenpotenzial in sich bergen. Ein kontrollierter Gebrauch erscheint äusserst schwierig. Bereits geringe Fehldosierungen können auch unter ansonsten «optimalen» Konsumbedingungen zu traumatischen Erlebnissen führen. Menge und Qualität der Droge sind nicht abschätzbar. Einmal konsumiert, hat der Konsument keine Steuerungsmöglichkeit mehr.

Kann der Konsum von «Zauberpilzen» zu einer Abhängigkeit führen?

Walther: Eine körperliche Abhängigkeit entsteht nicht. Allerdings gibt es eine Toleranzentwicklung, das heisst, je länger der Konsum dauert, desto mehr der Substanz braucht es, um die gleiche Wirkung zu erzielen. Dosierungserhöhungen bergen allerdings die Gefahr von akuten Vergiftungen.

Ist Ihnen die Situation in der Schweiz bekannt, was die Beschaffung solcher «Zauberpilze» betrifft?

Walther: Es ist kein Problem, auch in der Schweiz an solche Pilze zu kommen, sei es über den Verkauf oder in der Natur, da diese Pilze zum Teil auch hierzulande wachsen. Mehr möchte ich dazu nicht sagen, da ich nicht Verkaufsstellen oder Orte, wo diese Pilze leicht erhältlich sind, preisgeben will.

Grosse Gefahren und hohe Risiken in vielerlei Hinsicht. Was macht diese «magic mushrooms» für Jugendliche trotzdem so attraktiv?

Walther: Die Geschichte des Gebrauchs von pflanzlichen Halluzinogenen in der Schweiz ist wenig erforscht. Der nichtmedizinische Gebrauch von Halluzinogenen wurde in der Schweiz besonders in den 60er-Jahren zum Drogenproblem, als die Hippie-Bewegung von Amerika nach Europa übergriff. Der Konsum galt - und ich denke gilt immer noch - für die Jugendlichen als Symbol des Protestes gegen die bürgerliche Kultur und hat vor allem in der Pubertät die Bedeutung der Abgrenzung zum bürgerlichen und elterlichen «Groove» einerseits und zur Markierungsfunktion eines im Moment gelebten Lebensstils andererseits.

Könnte mit einem gesetzlichen Verbot der Missbrauch solcher Pilze eingeschränkt werden?

Walther: Es gibt Tausende von psychoaktiven Pflanzen. Ich meine, dass nur mit Verboten das Problem nicht aus der Welt geschafft wird - siehe Cannabiskonsum. Eher sollte man die konsumierende Bevölkerung über die gängigen Pflanzen bzw. deren Wirkungen, Nebenwirkungen und Gefahren aufklären. Dies ist allerdings immer wieder auch eine Gratwanderung, da diese Art von Aufklärung auch einen Werbeeffekt beinhalten kann.

Pilze der Gattungen Kahlköpfe, Sammethäubchen, Düngerlinge und Träuschlinge mit halluzinogen wirkenden Inhaltsstoffen gedeihen auf allen Kontinenten in der Natur. Wer psychoaktive Pilze trocknet, erwirbt, anbaut oder als Rauschmittel missbraucht, macht sich strafbar. Auch der bei uns einheimische Fliegenpilz kann bei Konsum Halluzinationen auslösen. Klinische Symptome sind Depressionen und Angstgefühle. Weder der Verfall in ein Delirium und Lähmungen noch der Eintritt des Todes sind ausgeschlossen. Von der Einnahme von halluzinogen wirkenden Pilzen wird dringend abgeraten! (mec)

Finger weg! Der giftige, spitzkegelige Kahlkopf gehört zu den so genannten halluzinogenen Pilzen. key

 

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