WDR, ServiceZeit Gesundheit, Inhalt des Beitrags vom 16. September 2002
found @
Zauberpilz Website
http://www.zauberpilz.com

Biodrogen; Rechte WDR (Standbild) Sendung vom 16. September 2002

Biodrogen – Gesundheitsgefahr aus der Natur
Von Claudia Wolters

 

Im Herbst beginnt wieder die Pilzsaison und dabei denkt man natürlich zunächst an kulinarische Freuden. Jugendliche hingegen benutzen bestimmte Pilze als Rauschmittel, wie zum Beispiel die so genannten „Magic Mushrooms“ oder rauscherzeugende Fliegenpilze. Diese gehören zu den biogenen Drogen. Auch der Liebling der Hobbygärtner, die „Engelstrompete“, ist bei Jugendlichen als Droge beliebt. Beide sind aber keineswegs harmlos. Die Zahl der Rettungseinsätze steigt, manche Party endet auf der Intensivstation, denn Jugendliche unterschätzen das Risiko.


Risiko Vergiftung

Im Kölner Marienhospital wurden vor einigen Monaten mehrere Jugendliche mit Vergiftungserscheinungen und Halluzinationen in die Notfallambulanz gebracht. Im vergangenen Jahr wurden hier etwa drei bis vier Patienten aufgenommen, die offensichtlich Engelstrompete eingenommen hatten, meistens in Form von Tee. Das auffälligste bei der Aufnahme der Patienten ist, dass sie ausgesprochen unruhig sind und häufig halluzinieren.

Die ganz gravierenden Vergiftungserscheinungen haben die Ärzte im Marienhospital glücklicherweise bei ihren Patienten noch nicht gesehen. Es kann bei Vergiftungen durch Engelstrompete zu Hirn-Krampfanfällen oder zu schweren Herzrhythmusstörungen kommen.


Lokale Naturdrogentrends

Immer mehr Jugendliche experimentieren mit biogenen Drogen. Die Engelstrompete ist nur eine psychoaktive Pflanze unter vielen. Was gerade in ist, ist regional sehr unterschiedlich: Zum Beispiel Engelstrompete in Köln, Psilocybe-Pilze besonders an der holländischen Grenze in NRW oder die Stechapfelwelle im Hunsrück. Die Natur- und Biodrogen-Szene besteht aus vielen lokalen Trends und ist auch in ländlichen Regionen stark im Kommen.
Die meisten Biodrogen wie Engelstrompete, Stechapfel, Bilsenkraut oder Tollkirsche sind legal und leicht zu beschaffen und in der Technoszene der Renner. Die meisten verursachen, ähnlich wie Haschisch und Marihuana, Halluzinationen und Wahrnehmungsveränderungen. Das Dosierungsproblem macht die Biodrogen aber wesentlich gefährlicher. Nur ein schmaler Grad liegt zwischen dem gewünschten Rausch und einer schweren Vergiftung. Tollkirschen; Rechte WDR (Standbild)
Von wegen harmlos ...

Bei den Jugendlichen gelten Natur- und Biodrogen als ökologisch korrekter und harmloser Partyspaß. Ein gefährlicher Irrtum, sagen Experten. Zwar haben die Biodrogen nicht den Anstrich der harten Drogenszene und ihre Beschaffung ist vergleichsweise problemlos, doch dass sie als relativ leichte Drogen gelten, ist unberechtigt. Die Realität ist, dass sie sehr schwer zu steuern sind, da man sie kaum dosieren kann.
Engelstrompete; Rechte WDR (Standbild) Zum Beispiel die Engelstrompete: Je nach Standort, Witterung oder Erntezeit enthält sie unterschiedlich viel Gift. Die Substanzkonzentrationen sind von Pflanze zu Pflanze sehr unterschiedlich und für den Laien ohne chemische Analyse nicht feststellbar. So spüren Jugendliche bei der Einnahme der gleichen Substanzmenge vielleicht einmal gar nichts, ein anderes Mal nehmen sie eine hochgiftige Dosis ein.
Zudem wirken die Pflanzen je nach Körpergewicht, individueller Empfindlichkeit und aktueller Gemütsverfassung extrem unterschiedlich. Wegen diesem Risikopotential der Biodrogen kommt es auch immer wieder zu schweren Vergiftungserscheinungen. Die Engelstrompete verursacht folgende Vergiftungssymptome: Erbrechen und Durchfall, Gesichtsröte, Pupillenerweiterung, Sehstörungen, Herzbeschwerden. Im schlimmsten Fall endet der Trip mit dem Tod, herbeigeführt durch Atemlähmung. Mittlerweile sind in Deutschland mehrere Todesfälle aktenkundig.


Langzeitfolgen für die Psyche

Es gibt mehrere Gruppen von Biodrogen. Die Engelstrompete gehört, wie Bilsenkraut, Tollkirsche oder Stechapfel zu den Nachtschattengewächsen. Die enthaltenen Wirkstoffe, zum Beispiel Atropin und Scopolamin, wirken antriebssteigernd und haben neben den Herz-Kreislauf-Nebenwirkungen auch das Risiko einer psychotischen Erkrankung. Sie sind starke, das heißt unter Umständen tödliche, Giftpflanzen.
Die Psilocybe-Pilze sind bewusstseinsverändernd und ähneln auch im Risiko dem LSD. Das größte Risiko psychoaktiver Pilze liegt in ihrer unberechenbaren Wirkung auf die Psyche. Denn neben den angestrebten Halluzinationen und einem veränderten Körpergefühl haben die Pilze auch eine intensive psychedelische (die Seele offenbarende) Wirkung. Plötzliche Konfrontation mit verdrängten Konflikten und Erinnerungen können derart heftig sein, dass sie ohne fremde Hilfe kaum noch verarbeitet werden können. Angst- und Panikzustände können einsetzen und der Rausch zum Horrortrip werden. Psychosen und Angstzustände können noch Monate oder Jahre andauern. Endstationen sind Drogenklinik und Psychiatrie. Pilze; Rechte WDR (Standbild)
Der Fliegenpilz ist eine sehr bekannte Giftpflanze, die ebenfalls zu psychischen Veränderungen und Vergiftungserscheinungen führt.


Esoterik- und Technoszene

Die Psilocybe-Pilze enthalten Psilocin und Psilocybin. Diese Substanzen lösen die Halluzinationen aus. Die optischen und akustischen Wahrnehmungen werden stark intensiviert, zum Teil auch völlig verändert. Psychoaktive Pilze gelten als die älteste und am weitesten verbreitete Kulturdroge der Menschheit. Schon vor Jahrtausenden waren mystisch-religiöse Pilz-Rituale in Afrika, Asien, Mittelamerika und Europa verbreitet. Die Nachtschattengewächse Bilsenkraut oder Alraune sind alte „Hexenkräuter“, die die „Hexen“ fliegen ließen – „fliegen“ natürlich im übertragenen Sinn: ihren Geist fliegen ließen.

Im Dunstkreis der Esoterik- und Schamanenszene erfreuen sich Naturdrogen und moderne Pilzrituale auch heute großer Beliebtheit.

Besonders weit verbreitet sind die „Psilos“ in der Partyszene. In den letzten Jahren sind die „magic mushrooms“ als natürlicher und billiger Ecstasy-Ersatz in der Technoszene beliebt, besonders bei Anhängern der Goa- und Trance-Musik.


Psychoaktive Pflanzen – Von heimisch bis exotisch

Ungefähr 80 psychoaktive Pflanzen und Pilze wachsen auch bei uns. Die Engelstrompete steht in vielen Vorgärten, in fast jedem Gartencenter oder in vielen botanischen Gärten. Auf Kuhweiden und im Wald suchen und finden Pilzanhänger Psilocybe und andere Pilze.
Blüten; Rechte WDR (Standbild) In niederländischen smartshops werden die so genannten Psilos frei verkauft. Auch die Nachtschattengewächse Engelstrompete, Bilsenkraut oder Tollkirsche enthalten Halluzinogene, unterliegen aber nicht dem Betäubungsmittelgesetz, das heißt sie sind legal. Auch im Internet kann man Biodrogen bestellen, samt Anbau- und Ernteanleitungen zum Eigenanbau, Rezepten und Erfahrungsberichten, die die Neugier wecken sollen. Auch exotischere Rauschpflanzen, psilocybinhaltige „Zauberpilze“ oder meskalinhaltige Kakteen bekommt man hier.

Biodrogen-User immer jünger

Die Biodrogen-User werden immer jünger, warnen Polizei und Drogenberater. Schon Zwölfjährige probieren arglos nach dem Motto: Was überall wächst, kann nicht gefährlich sein.

Bei ersten Anzeichen für eine Vergiftung müssen die Betroffenen umgehend in die nächste Klinik, am besten per Notruf. Erste Hilfe und stabile Seitenlage sind wichtig, wenn jemand kollabiert. Die Jugendlichen sollten, bis Hilfe eintrifft, nicht allein gelassen werden.



Kontaktadressen:

  • Fachstelle für Suchtvorbeugung der Jugend- und Drogenberatung KRABAT e.V.
    Harscampstr. 20
    52062 Aachen
    Tel. (02 41) 40 91-414
    Fax (02 41) 40 91-517
    E-Mail: krabat.ev@t-online.de


  • ginko e.V
    Verein für psychosoziale Betreuung im dpwv
    Kaiserstr. 90
    45468 Mülheim an der Ruhr
    Tel. (02 08) 3 00 69-31
    Fax (02 08) 3 00 69-49
    Internet: www.ginko-ev.de
    E-Mail: j.gass@ginko-ev.de


  • Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BzgA)
    Postfach 91 01 52
    51071 Köln
    Infotelefon zur Suchtvorbeugung: (02 21) 89 20 31
    Montag bis Donnerstag 10.00 bis 22.00 Uhr
    Freitag bis Sonntag 10.00 bis 18.00 Uhr


  • Giftnotrufzentrale Berlin
    Tel. (0 30) 1 92 40 (Tag und Nacht)


Broschüre und Literatur:

Die Broschüre „Zauberpilze bei uns“ gibt es bei der: Landesarbeitsgemeinschaft Drogen Berlin (in kleinen Mengen kostenlos):

  • Landesarbeitsgemeinschaft Drogen
    im Landesverband Berlin von Bündnis 90/Die Grünen

    z. H. Dr. Joachim Eul
    Oranienstr. 25
    10999 Berlin
    Internet: www.echorausch.org/LAG-Drogen/


  • Andreas Alberts und Peter Mullen
    Psychoaktive Pflanzen, Pilze und Tiere
    Von Fliegenpilz bis Teufelsbeere. Bestimmung, Wirkung, Verwendung
    Kosmos, 2000
    ISBN 3-440-08403-5
    Preis: 19,90 Euro


Links:

Dieser Text gibt den Inhalt des Beitrags der ServiceZeit Gesundheit vom 16. September 2002 wieder.
Eventuelle spätere Veränderungen des Sachverhaltes sind nicht berücksichtigt. © by WDR
– Alle Angaben ohne Gewähr –

 

Zauberpilz Website Menü | Literatur | Artikel 41
Dokument drucken
webmaster@zauberpilz.com