| Facts, 30.8.2001 Schweiz: Drogen (Seite 40; Nummer 35) |
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| Bio-Boom im Drogenmarkt Nach den chemischen Partypillen sind jetzt die Bio-Drogen im Kommen. Sie sind natürlich - und oft gefährlich. Von Dani Winter Hardcore-Freaks und Alt-Hippies sind den Samenkörnern schon lange zugetan, jetzt boomt Hawaiian Baby Woodrose plötzlich bei der Jugend. Vor allem die Goa-Szene experimentiert mit dem psychoaktiven Pflänzchen, das die Wissenschaftler auch Argyreia nervosa nennen. «Die Wirkung ist ähnlich wie bei LSD, nur viel körperlicher und nicht so stark halluzinogen. Man fühlt sich fantastisch, und auch das Hirn arbeitet auf Hochtouren», schwärmt Markus *, 22. Die Woodrose-Samen enthalten verschiedene Lyserg-Säure-Amide (LSA). Sechs bis zehn der braunen Körner reichen für einen fünf- bis sechsstündigen Trip. Dieser verläuft indes nicht immer angenehm. Viele User berichten von fürchterlichen Brechorgien, manche von veritablen Horrortrips. Woodrose ist nicht die einzige Droge aus dem Schoss von Mutter Natur, die gegenwärtig einen Boom erlebt. Psilocybin-Pilze und die «Wahrsagesalbei» Salvia divinorum gibt es in jedem gut sortierten Hanfladen. Aber auch exotischere Naturdrogen wie die Wurzeln des Iboga-Strauchs, die unter anderem das hochwirksame Alkaloid Ibogain enthalten, haben den Sprung in die Regale hiesiger Head-Shops geschafft. In Deutschland, wo die Hanf-Shops nie Duftsäckchen verkaufen durften, ist der Trend zu den Naturdrogen noch offensichtlicher. Dort bieten die Shops Probiersets an mit einem bunten Mix von Naturdrogen, die nicht unter das Betäubungsmittelgesetz fallen. Aber auch die Broker an der New-Yorker Wallstreet stellen zunehmend vom teuren Koks auf billigeren und ebenfalls aufputschenden Ephedra- Tee um. An die Drogen zu kommen, ist für die Konsumenten kein Problem. In der Schweiz steht in jeder grösseren Stadt ein Head-, Smart- oder Hanf-Shop, wo die Substanzen relativ frei verkauft werden. Wem der Weg zum nächsten Shop zu weit ist, der bestellt seine Biodrogen im Internet. Der Pöstler liefert sie anstandslos ins Haus. Angesichts der Vielzahl der neuen und wieder entdeckten Drogen, die den Markt derzeit überfluten, sehen sich auch gestandene Experten überfordert. «So viele Broschüren können wir gar nicht produzieren», sagt Matthias Meyer, Leiter des Infodoc-Centers der Schweizerischen Fachstelle für Alkohol- und andere Drogenprobleme (SFA). So bleibt den Beratern der SFA gar nichts anderes übrig, als die «Enzyklopädie der psychoaktiven Pflanzen» aus dem Regal zu nehmen und nachzuschlagen, was der Naturdrogen-Papst Christian Rätsch zur fraglichen Pflanze zu erzählen weiss. Rätschs nahezu 1000-seitiges Standardwerk wird nicht nur von Präventionsfachleuten, Ärzten und Apothekern geschätzt. Den Konsumenten dient es als eigentliche User-Fibel. Das Buch kostet zwar 178 Franken, doch im Internet-Zeitalter sind die für eine nennenswerte Anzahl von Konsumenten interessanten Teile des Buchs jedermann auch gratis zugänglich. Sorgen macht den Präventionsstellen, dass die Naturdrogen in ihrer Wirkung oft unterschätzt werden. Zwar gibt es tatsächlich milde Mittelchen wie das aus Ozeanien kommende Kava-Kava, das auch mal an einem interkulturell geprägten Kirchentag zur Verkostung gereicht wird. Andere Substanzen aber, wie zum Beispiel Woodrose, wirken so stark wie ein LSD-Trip oder eine MDMA-Pille. «Die legale Erhältlichkeit und der Begriff «Naturdrogen» täuschen oft über die Potenz und die Konsumgefahren hinweg», erklärt Experte Meyer. «Ein weiteres Risiko liegt in der Erwartungshaltung, mit der die Leute die Drogen konsumieren. Das ist natürlich etwas ganz anderes als der traditionelle Gebrauch in einem religiös-schamanistischen Zusammenhang.» Meyer rät eindringlich, sich vor dem Konsum solcher Substanzen gut zu informieren. Doch mit einer entsprechenden Publikation kann die SFA selbst nicht aufwarten. Umso wichtiger ist die Konsumentenberatung in den Shops. «Mit einer guten Aufklärung lassen sich die schlimmsten Risiken ausschalten», sagt Roger Wüthrich vom Thuner Ethnobotanik-Shop Secret Nature. «Das bedingt allerdings, dass man auch mal einen Kunden wegschickt, ohne ihm etwas verkauft zu haben.» Rund zwei Dutzend «ethno-botanische Naturprodukte» vom aztekischen Traumgras bis zum afrikanischen Voacanga-Strauch hat Secret Nature im Angebot. Dazu kommt eine grosse Auswahl an Fachliteratur, Räucherwerk, Steinen und Amuletten. Die Psilocybin-Pilze, die bis vor kurzem noch das gefragteste Produkt im Laden waren, mussten die Betreiber aus dem Sortiment nehmen, obwohl sie von der Legalität ihres Tuns nach wie vor überzeugt sind. «Zwei Razzien und vier Tage U-Haft haben uns zu einem vorläufigen Verkaufsstopp bewogen, bis die Rechtslage eindeutig geklärt ist», erklärt Mitinhaber Patrick Hunziker. Wer im Kanton Bern Psilos kaufen will, braucht trotzdem nicht weit zu fahren. Eine ganze Reihe von Shops verkaufen die Pilze nach wie vor unbehelligt. Noch. Aber das soll sich bald ändern. «Wir prüfen derzeit, ob psilocybin- und psilocinhaltige Pilze sowie meskalinhaltige Kakteen der Betäubungsmittel-Kontrolle unterstellt werden sollen», erklärt Laurent Medioni, Leiter der Sektion Kontrollen und Bewilligungen im Bundesamt für Gesundheit (BAG). Eine entsprechende BAG-Verordnung sei in Vernehmlassung. Im Thuner Shop Secret Nature gilt das Psilo-Verbot schon heute. Seit dem Verkaufsstopp ist die Kundschaft merklich zurückgegangen. Auf 20 bis 30 Leute pro Tag schätzt Hunziker die Zahl der Kunden: «Spirituell Erfahrene, Psychologen und Psychiater, Raver mit Lust auf etwas Neues und gwundrige Normalos.» Einer von ihnen ist der Ostermundiger Arzt Daniel Berner. «Schon meine Grossmutter interessierte sich für Heilpflanzen, das hat sich bei mir wohl fortgesetzt», sagt er. Sein Interesse an der Ethno-Botanik sei auch medizinisch begründet. «Psychoaktive Substanzen wie das Psilocybin versetzen uns in die Lage, die Grenze zwischen Bewusstem und Unbewusstem aufzuheben. Hierin liegt ein grosses therapeutisches Potenzial.» Ein Risiko will er nur bei Konsumenten mit einer versteckten Psychose ausmachen. Im Laufe seiner zweijährigen Tätigkeit an einer psychiatrischen Klinik sei er keinem einzigen solchen Fall begegnet. Ortswechsel. Ein abgelegenes Dorf im Süden der Schweiz. Hier lebt Giorgio *, 23. Giorgio sammelte seine ersten Erfahrungen mit psychoaktiven Pflanzen im zarten Alter von 13 Jahren. «Im Garten unseres Nachbarn wuchs eine wilde Hanfpflanze, vielleicht war das der Auslöser.» Giorgios Interesse an Cannabis wich schnell einer unbändigen Faszination für exotischere Gewächse mit psychedelischem Potenzial. Doch diese zu erforschen, gestaltete sich schwierig. «Viele Pflanzen wachsen in Gegenden wie den Dschungeln Amazoniens und waren bei uns gar nicht verfügbar.» Das wollte Giorgio ändern. Heute betreibt er einen florierenden E-Shop mit ethno-botanischen Produkten. «Das Web erschien mir von Anfang an als idealer Vertriebsweg für meine Zwecke», sagt Giorgio, der für sich in Anspruch nimmt, anno 1994 der Erste gewesen zu sein, der Hanfsamen über das Internet verkaufte. Gut fünfzig Produkte umfasst das aktuelle Sortiment. Die Palette reicht vom Samen des Absinth-Krauts Artemisia absinthum für 3 US-Dollar das Gramm bis hin zum halluzinogenen Krötensekret zu 300 US-Dollar pro Gramm. Giorgios Kunden wie auch seine Bezugsquellen sind über die ganze Welt verstreut. «Afrika, Australien, ein Viertel bis ein Drittel der Ware kommt aus Amerika, denn da gibt es einen Markt für ethnobotanische Produkte.» Das Geschäft geht nicht schlecht. «Zeitweise ist die Nach- frage so gross, dass fast schon ein Full- Time-Job draus wird.» Reich werde er dennoch nicht damit. «Als Web-Designer verdiene ich mehr.» Giorgios Klientel beschränkt sich nicht auf Konsumenten, die nach einer günstigen oder legalen Ersatzdroge suchen. Auf seiner Kundenliste sind botanische Gärten und Universitäten, die absolut legitime Interessen verfolgen. Sie finden in Giorgio einen ebenso verlässlichen wie kompetenten Lieferanten. Denn obwohl er nie eine Universität besucht hat, erreichen seine Kenntnisse auf dem Gebiet der Ethnobotanik durchaus akademisches Niveau. Giorgio korrespondiert mit den renommiertesten Autoren und schreibt gegenwärtig selbst an einem Buch über Opium. «Mein Interesse reicht weit über die berauschende Wirkung der Pflanzen hinaus. Viele haben ein bislang unerkanntes oder eben vergessen gegangenes Heilpotenzial.» Seine Produkte seien grundsätzlich nicht für den Konsum bestimmt, sagt Giorgio. Wen er beliefert und was der Belieferte mit der Ware bezweckt, kümmert ihn wenig, solange der Kunde erwachsen ist und eine Erklärung unterzeichnet, dass er das Produkt nur für legale Zwecke verwendet. Schliesslich steht keiner von Giorgios Artikeln auf der Liste der verbotenen Betäubungsmittel. «Jeder muss selbst wissen, was er sich und seinem Körper zumuten will», sagt er. «Ich persönlich finde legal erhält- liche Naturdrogen wie Woodrose oder Ephedra weit weniger schädlich als Amphetamine oder Koks vom Schwarzmarkt.» Zwar stört ihn, wenn Mitanbieter den Markt allzu aggressiv bearbeiten. Verurteilen mag er sie aber nicht. «Es ist ihr gutes Recht. Und ein Verbot würde sowieso nichts bringen. Denn die gefährlichsten Drogen, die die Natur bereithält, wachsen bei uns direkt neben der Strasse: Stechapfel und Engelstrompete.» Es spriesst: Zoom-Party nach der Zürcher Street Parade. Es fährt ein: Gut fühlen an der Zoom-Party. Es verkauft sich: Stand an der Zoom-Party.
Tabernanthe iboga Die Wurzeln des Iboga-Strauchs enthalten als Hauptwirkstoff das Indolalkaloid Ibogain. Sie werden von afrikanischen Naturreligionen rituell verwendet. Die psychoaktiven Wirkstoffe des Iboga-Strauchs sind in der Wurzel enthalten, konzentrierte Mengen finden sich in der Wurzelrinde. Die emp- fohlene Anfangsdosierung liegt bei etwa 1 Gramm, Höchstdosis rund 5 Gramm. Wirkung: Euphorisierend, anregend, in hohen Dosen halluzinogen. Kommt von den Naturdrogen am ehesten in die Nähe von MDMA (Ecstasy). Nebenwirkungen: Bei Überdosierung Schüttelkrämpfe, Koma, im Extremfall Tod. Finger weg bei Herz-Kreislauf-Problemen! Die Substanz Ibogain in reiner Form steht im Verdacht, bei verschiedenen Konsumenten zum Tod geführt zu haben. Verbreitung: Noch exotisch, aber zunehmend. Verboten ist nur der isolierte Wirkstoff Ibogain. Die Iboga-Wurzel steht nicht auf der Liste der verbotenen Stoffe. Preis: Etwa 2 Franken pro Gramm. Woodrose Argyreira nervosa Die Hawaiian Baby Woodrose ist ein Windengewächs, das in allen tropischen Regionen anzutreffen ist. Von hawaiischen Schamanen wird sie seit Urzeiten kultisch verwendet. Ihre Verwandte Ipomoea (Prunkwinde) wächst auch in Europa und ist ein beliebtes Ziergewächs. Berauschendes Potenzial haben die etwa 5 Millimeter grossen Samen der Holzrose. Die empfohlene Anfangsdosierung liegt bei 6 bis 8 Samen. Wirkung: LSD-ähnlich, stark euphorisierend, stimulierend, halluzinogen. Nebenwirkungen: Übelkeit, Erbrechen, schlechte Trips. Verbreitung: Populärste, da potente und berechenbarste unter den ethno-botanischen Rauschdrogen. Woodrose und der Wirkstoff LSA stehen nicht im Verzeichnis der verbotenen Stoffe. Preis: Zirka 2 Franken pro Samen oder 6 Franken pro Gramm. Ephedra Meerträubel/Mormonentee Ephedra ist eine der ältesten Medizinalpflanzen der Welt. In der chinesischen Medizin wird sie seit mehreren tausend Jahren eingesetzt. Hauptwirkstoff ist das Alkaloid Ephedrin, das auch in der Schulmedizin als Bestandteil von Asthma-, Husten- und Schnupfenmitteln verwendet wird. Wirkung: Anregend, euphorisierend, den Tastsinn verstärkend. Wird von den zur Alkoholabstinenz angehaltenen Mormonen ebenso geschätzt wie von gestressten Managern und ausgepumpten Ravern, denen es unter anderem als Bestandteil von Herbal Ecstasy verkauft wird. Anwendung: Aus 2 bis 5 Gramm des Krauts wird ein Tee gebraut. Nebenwirkungen: Finger weg bei Herz-Kreislauf-Problemen, Leberschäden und Schwangerschaft. Bei Überdosierung: Schweissausbrüche, Kreislaufstörungen, Schock. Bei regelmässigem Gebrauch psychische Abhängigkeit. Preis: Zirka 9 Franken für 50 Gramm. Untersteht dem Heilmittelgesetz und darf nur zu Räucherzwecken verkauft werden. Pedicularis Atollens/Bracetosa Pedicularis ist ein semiparasitäres Kraut, das an den Wurzeln anderer Pflanzen wächst und in zahllosen Varianten vorkommt. Geerntet wird die Pflanze unter anderem in den USA. Wirkung: Geschätzt wird die Pflanze, weil sie beruhigt und entspannt. Da die Wirkung relativ mild ist, wird in der Regel ein 2:1-Konzentrat geraucht. Die Dosierung entspricht jener von Marihuana. Nebenwirkungen: Gelten als vernachlässigbar. Preis: Rund 15 Franken pro Gramm Konzentrat. Legal.
«Ich hatte auch schon miese Trips. Aber selbst denen kann man etwas Positives abgewinnen, wenn man sich mit der Erfahrung auseinander setzt.» Mathias, 18, Musiker «Ich kam über Cannabis und Psilo-Pilze zu Woodrose. Wie die Droge wirkt, hängt stark von einem selbst ab. Mir hat die Erfahrung viel Gutes gegeben.» Patrick, 22, derzeit auf Jobsuche «Ich habe mit Naturdrogen nur positive Erfahrungen gemacht. Anders als chemische Drogen haben sie meistens eine natürliche Schwelle eingebaut, die einen übermässigen Konsum verhindert.» Joachim, 19, Temporärarbeiter «Wenn man sich informiert und sich an die Sachen herantastet, sollte nichts passieren. Ausser dass man eine andere Lebensart kennen lernt. Das kann labilen Persönlichkeiten aber zu schaffen machen.»
Mehr Verbote Das Bundesamt für Gesundheit will die Liste der verbotenen Betäubungsmittel verlängern. A2, 2C-B, 4-MTA, 2C-T-2, 2C-T-7: Die ständig wachsende Drogenpalette hält Behörden und Präventionsfachleute gleichermassen auf Trab. Da die Substanzen in unterschiedlichen Formen und unter den abenteuerlichsten Bezeichnungen gehandelt werden, weiss auch der Dealer in den seltensten Fällen, was er genau verkauft. Bis die Pillen beim Endverbraucher angelangt sind, werden sie diesem in aller Regel als Ecstasy angeboten. «Es gibt ziemlich viele Möglichkeiten, Pflanzen und Stoffe zu berauschenden Zwecken einzusetzen», sagt Laurent Medioni von der Sektion Kontrolle und Bewilligungen des Bundesamts für Gesundheit. «Nicht alle der Substanzen, die auf den Markt kommen, haben das Potenzial, die öffentliche Gesundheit zu gefährden.» Salvia divinorum etwa, das aktuell einen ziemlichen Boom erlebt, werde bald wieder verschwinden, sagt der Experte, «weil das High nicht das ist, was der Durchschnittskonsument sucht». Handlungsbedarf sieht das BAG nur dort, wo die leichte Erhältlichkeit zu einer massiven Zunahme des Konsums geführt hat. Und bei Substanzen, die international geächtet werden. So will das BAG neben psychoaktiven Pilzen und Kakteen auch die Substanzen 2C-B (Szenenamen: Nexus, Erox) und 4-MTA (Flatliner) auf die Liste der verbotenen Betäubungsmittel setzen. Dies, obwohl Nexus- und Flatliner-Pillen im Markt eine vernachlässigbare Rolle spielen. Die amerikanische Anti-Drogen-Behörde DEA sieht die Schweiz neben Deutschland dennoch als wichtigste Quelle für die Verbreitung von 2C-B auf dem Weltmarkt. Andere Pillen, wie das bislang legal erhältliche und massenhaft konsumierte Benzylpiperazine (A2), werden nicht auf die Liste gesetzt. Auch bei den zunehmend beliebten 2C- T-2- und 2C-T-7-Pillen sieht das BAG keinen akuten Handlungsbedarf: «Solange keine Zwischenfälle bekannt werden, ist mit einem Verbot nicht zu rechnen.» Ecstasy: Pillentests fehlen immer noch.
«Naturdrogen sind unberechenbar» Der Party- und Präventionsexperte Roger Liggenstorfer glaubt nicht, dass ein Verbot den Konsum von Naturdrogen verhindern kann FACTS: Woodrose, Salvia, Iboga und wie sie alle heissen. Nach den Designerdrogen erleben Naturdrogen einen Boom. Woher kommt der Trend? Roger Liggenstorfer: Die Naturdrogen sind sicher im Aufwind. Die meisten, wie etwa Hanf und Pilze, sind aber auch in unseren Gefilden mindestens seit den Sechzigerjahren bekannt. Der aktuelle Trend ereignet sich im Zug der Partydrogen. Viele Leute sind der Chemie überdrüssig und steigen auf natürliche Substanzen um. FACTS: Mit dem Bio-Boom allein wird sich der Trend kaum erklären lassen. Und aus präventiver Sicht ist er sicher nicht ganz unproblematisch. Liggenstorfer: Problematisch wird es, wenn die Leute uninformiert und unkontrolliert experimentieren. Viele gehen davon aus, dass natürliche Substanzen harmloser sind als chemische. Das ist aber nicht immer so. Naturdrogen können stark wirken und sind ziemlich unberechenbar. Je nach Standort und Wachstum können Pflanzen unterschiedlich gedeihen und schwankende Wirkstoffmengen enthalten. Chemische Drogen sind wesentlich einfacher zu hand- haben. Aber natürlich auch nur dann, wenn Wirkstoff und Gehalt bekannt sind, Stichwort: Drug Checking. FACTS: Das Bundesamt für Gesundheit will jetzt den Verkauf von psychoaktiven Pilzen und Kakteen verbieten. Sollten nicht alle Naturdrogen der Betäubungsmittel-Kontrolle unterstellt werden? Liggenstorfer: Ein Verbot würde den Konsum kaum verhindern und die Probleme nur verschlimmern, weil sich der Informationsstand und die Qualität der gehandelten Substanzen verschlechtern würde. Nicht die Substanzen sind das Problem, sondern das Unwissen der Konsumenten. Ein Verbot wäre eine Abkehr von dieser Erkenntnis und somit ein Rückschritt ins drogenpolitische Mittelalter. Die Prohibition verschärft die Risiken nur. FACTS: Wie müsste eine sinnvolle Prävention aussehen? Ist Aufklärung, wie Sie sie verstehen, nicht immer auch Werbung für die Drogen? Liggenstorfer: Es gibt so etwas wie ein Urbedürfnis des Menschen, sich zu berauschen. Und durch Verbote lassen sich die Leute nicht mehr davon abhalten. Nur wer das erkannt hat, kann offene, sachliche und glaubwürdige Prävention leisten. Die Leute zu bevormunden, bringt nichts. Roger Liggenstorfer ist Präsident der Party- und Präventionsorganisation Eve & Rave (Schweiz) und Geschäftsführer des auf Drogenthemen spezialisierten Nachtschatten-Verlags. Natur statt Chemie: Roger Liggenstorfer. Berauschende Bücher Christian Rätsch, «Enzyklopädie der psychoaktiven Pflanzen. Botanik, Ethno- pharmakologie und Anwendung», AT Verlag 1998, ISBN 3-85502-570-3, 178 Franken. Richard E. Schultes, Albert Hofmann, «Pflanzen der Götter», AT Verlag 1998, ISBN 3-85502-645-9, 48 Franken. Bookmarks Die Schweizeriche Fachstelle für Alkohol- und andere Drogenprobleme bietet einen interaktiven Auskunftsservice an: www.sfa-ispa.ch/QuestionReponse/fragen_antworten.htm Online-Lexikon für Rauschsubstanzen: www.erowid.org/languages/german/ drug_reference/index.shtml Fotos:
Martin Rütschi/Keystone, Gian Vaitl |