Biodrogen
- von wegen gesund
Theapie/Forschung
Biodrogen sind in. Ob spitzkegeliger Kahlkopf, mexikanischer Zauberpilz,
Engelstrompete oder Stechapfel: In der Partyszene stehen immer
mehr Jugendliche auf halluzinogene Flower-Cocktails. Diese "Naturdrogen"
sind viel leichter zu beschaffen als herkömmliche Drogen
und gelten außerdem als gesund - sozusagen ein Bio-Rauschmittel.
Doch das ist ein Irrtum.

Denn oft ist das Ergebnis: Notärzte im Wettlauf mit der Zeit.
Die Zahl solcher Einsätze steigt, denn Jugendliche mixen
immer öfter unberechenbare Giftcocktails. Die Party endet
auf der Intensivstation. Von Naturdrogen geschädigte Kids
aus ganz Deutschland landen häufig in der Psychiatrie des
Krankenhauses von Mainkofen, bei Deggendorf.
Viele sind erst um die 20 Jahre alt. Sie alle wollen unerkannt
bleiben, denn sie sind hier auf Drogenentzug und zur Behandlung
ihrer psychischen Schäden. Am Ende eines langen Wegs durch
die ganze Palette von Naturdrogen, ob "Engelstrompeten, dann
Meskalin, also, dieser Kaktus, Pilze"... "Pilze hab
ich schon genommen."... "So mit 16 öfters mal Engelstrompeten,
weil man da einen Tee draus macht, einen Sud halt macht, dann
gekocht und getrunken, ab und zu Psylos und Stechapfel."

Spaß mit ernsten Folgen, wie der Klinik-Psychologe Dr. Thomas
Rieder schildert: "Die Konsumenten von Naturdrogen bekommen
Halluzinationen, Wahnvorstellungen, zum Teil anfangs angenehme,
je nach Dosierung bzw. Überdosierung dann sehr unangenehme,
haben häufig Horrortrips oder dann später auch Psychosen."
Und dabei fing es bunt an: "Der ganze Himmel war rot, Gesichter
waren im Himmel und so, und wenn ich in die Bäume geschaut
habe, dann hat sich alles bewegt, dann sind lauter Figuren aus
den Bäumen rausgekommen."... "Du schaust stundenlang
in den Spiegel rein, dein Gesicht verzerrt sich, also schon krass."...
"Man denkt sich, man muss jetzt gleich sterben, oder so,
und es geht nie wieder vorbei, es bleibt so, es bleibt so, es
bleibt, es bleibt so."... "Die Stimmen, wo du im Kopf
hörst, die sagen zu dir: du bist ein Arschloch, du bist ein
Depp, oder: hau den um, oder: schlag den, oderschlag den, oder:
bring dich um, also, das kann ziemlich schlimm werden, das kann
dazu führen, dass du Selbstmord machst, oder so."

Dr. Rieder sieht diese Drogen als "bedrohlicher als Heroin
an, weil es eben nicht kalkulierbar ist. Der Heroinkonsument,
der den Stoff kennt, seinen Dealer kennt, weiß ungefähr
die Wirkung häufig abzuschätzen und kann das über
Jahre hinweg machen. Die Konsumenten von Naturdrogen sind in einem
Probierstadium und probieren alles auf Teufelkommraus aus."
Eine lebensbedrohliche Gefahr, weil niemand wissen kann, wieviel
Gift drin ist, wenn man psychogene Pilze isst oder Naturdrogentees
trinkt. Mögliche Folgen sind Atemnot und Herzstillstand.
Meist kommen diese Jugendlichen aus Kleinstädten und Dörfern.
Wo die Welt doch angeblich in Ordnung ist? "Na, das stimmt
nicht, du bekommst überall deine Drogen."

Und was nicht vor der Haustür wächst, kann man spielend
leicht übers Internet bestellen. Warnhinweise machen eher
neugierig, als dass sie abschrecken. Mausklick reicht - schon
hat man z.B. ein Duftkissen mit Psylocibin einem der Stoffe für
den Trip. Aber es gibt auch Infoseiten und Foren, die ernsthaft
aufklären wollen über Wirkungen und Risiken der heimischen
psychoaktiven Pflanzen.
Die Aufklärung ist wohl der einzige Weg, den Missbrauch einzudämmen.
Denn strafrechtlich ist den meisten Naturdrogen nicht beizukommen.
Nach dem Betäubungsmittelgesetz sind nur ganz wenige darin
enthaltene Stoffe, wie Psylocibin und Mescalin verboten. Die Naturdrogen
Engelstrompete, Stechapfel und Tollkirsche aber nicht.

Ein Verbot ist auch schwierig, denn sie wachsen ja überall.
Das hat sich inzwischen rumgesprochen. Immer mehr Neugierige,
immer mehr Opfer: Beim Giftnotruf München klingelt es immer
öfter. 1995 waren es sechsunddreißig Anrufe, 1999 schon
neunundachtzig. In der Technoszene haben sich die Naturdrogen
inzwischen festetabliert - als billiger Ecstasyersatz. Und im
Gegensatz zum synthetischen Stoff gelten Naturdrogen als vermeintlich
gesund. In der Szene werden Engelstrompete, Stechapfel und Co.
als harmlose Partydrogen hingestellt.
So wird die Illusion erweckt, sie seien beherrschbar. Daran haben
auch die Jugendlichen in der Psychiatrie von Mainkofen einmal
geglaubt - damals. Heute, nach Horrortrips und Selbstmordphantasien
würden sie jedenfalls keinen Engelstrompetensud mehr trinken.

Gefährlich und unberechenbar sind die angeblich gesunden
natürlichen Rauschmittel für den Konsumenten. Die Wissenschaftler
beschäftigen sich erst seit kurzem mit der Modedroge. In
ersten Studien untersuchen sie jetzt, was im Körper passiert,
wenn das Pflanzengift im Körper wirkt.

Seit einem Jahr beschäftigt sich Klaus Berkefeld, Biologe
im Landeskriminalamt Mainz, verstärkt mit den Naturdrogen.
Er untersucht alle Substanzen, die im Zusammenhang mit Vergiftungsfällen
oder Straftaten sichergestellt werden. Besonders beliebt sind
heimische Pflanzen und Pilze. Sie wachsen im Wald und auf der
Wiese, sind billig und haben den Ruf, harmlos und ökologisch
korrekt zu sein. Doch Wissenschaftler schlagen Alarm.

Gerade die pflanzlichen Wirkstoffe Atropin und Scopolamin aus
Nachtschattengewächsen sind extrem giftig. Meist kommt es
nicht einmal zu den gewünschten Rauscheffekten, ziemlich
sicher aber zu schweren Gesundheitsschäden. "Dauerkonsumenten
nehmen bevorzugt psilocybin-haltige Pilze", schildert Klaus
Berkefeld. "Im Gegensatz zu den Pflanzen stehen diese sogenannten
Psilos als Rauschmittel im Betäubungsmittelgesetz - der missbräuchliche
Besitz ist also strafbar. Trotzdem steigt ihre Beliebtheit enorm
an."

Klaus Berkefeld hat über Inhaltsstoffe und Gebrauch von über
200 psychoaktiven Substanzen eine umfangreiche Datenbank erstellt.
Dabei stützt er sich auch auf neueste medizinische Erkenntnisse.
Und die besagen: Die größte Gefahr von Pilzen liegt
in ihrer unberechenbaren Wirkung auf die Psyche.

Neuro-psychologische Bewusstseinsforschung ist ein Forschungsprojekt
an der Technischen Hochschule Aachen. Einem gesunden Probanten
wurde Psilocybin verabreicht. Damit will man herausfinden, warum
es zu Wahrnehmungs-Veränderungen bis hin zum völligen
Kontrollverlust kommt. Der Positronen-Emissions-Tomograph (PET),
zeigt an, was die Substanz im Gehirn auslöst: Die vordere
Region, der limbische Teil des Gehirns, wird durch das Psilicybin
besonders stark aktiviert. Dadurch kommt es zu einer diffusen
Hyperaktivität, äußere und innere Reizmuster fehlerhaft
werden interpretiert, Bewusstseinsveränderungen sind die
Folge.

"Ob die Halluzinationen positiv oder negativ empfunden werden,
hängt stark von der jeweiligen Stimmung und Persönlichkeitsstruktur
des Konsumenten ab", so Dr. med. Euphrosyne Gouzoulis-Mayfrank.
Noch sind die neurophysiologischen Zusammenhänge nicht ausreichend
geklärt. Fest steht aber: Eine unkontrollierte Einnahme von
biogenen Rauschmitteln läuft ganz schnell auf einen Horrortrip
hinaus. Endstation Drogenklinik.
Wer bei uns Biodrogen nimmt, beruft sich gerne auf die Tradition
alter Kulturvölker, deren spirituelle Rituale etwa das ethnobotanische
Standardwerk "Pflanzen der Götter" beschreibt.
Das Internet ist der neuzeitliche rituelle Rahmen für den
Naturdrogen-Konsum. Anbaukästen für Zauberpilze, getrocknete
Psilos oder Pflanzensamen - alles geboten. Informationen über
die Wirkung der Produkte - meist Fehlanzeige. Fern aller Einbindung
in irgendwelche kulturelle Traditionen kann mit diesen Substanzen
dann wild herumexperimentiert werden.