nano online, 06.04.2001
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Biodrogen - von wegen gesund
Theapie/Forschung



Biodrogen sind in. Ob spitzkegeliger Kahlkopf, mexikanischer Zauberpilz, Engelstrompete oder Stechapfel: In der Partyszene stehen immer mehr Jugendliche auf halluzinogene Flower-Cocktails. Diese "Naturdrogen" sind viel leichter zu beschaffen als herkömmliche Drogen und gelten außerdem als gesund - sozusagen ein Bio-Rauschmittel. Doch das ist ein Irrtum.




Denn oft ist das Ergebnis: Notärzte im Wettlauf mit der Zeit. Die Zahl solcher Einsätze steigt, denn Jugendliche mixen immer öfter unberechenbare Giftcocktails. Die Party endet auf der Intensivstation. Von Naturdrogen geschädigte Kids aus ganz Deutschland landen häufig in der Psychiatrie des Krankenhauses von Mainkofen, bei Deggendorf.


Viele sind erst um die 20 Jahre alt. Sie alle wollen unerkannt bleiben, denn sie sind hier auf Drogenentzug und zur Behandlung ihrer psychischen Schäden. Am Ende eines langen Wegs durch die ganze Palette von Naturdrogen, ob "Engelstrompeten, dann Meskalin, also, dieser Kaktus, Pilze"... "Pilze hab ich schon genommen."... "So mit 16 öfters mal Engelstrompeten, weil man da einen Tee draus macht, einen Sud halt macht, dann gekocht und getrunken, ab und zu Psylos und Stechapfel."




Spaß mit ernsten Folgen, wie der Klinik-Psychologe Dr. Thomas Rieder schildert: "Die Konsumenten von Naturdrogen bekommen Halluzinationen, Wahnvorstellungen, zum Teil anfangs angenehme, je nach Dosierung bzw. Überdosierung dann sehr unangenehme, haben häufig Horrortrips oder dann später auch Psychosen."

Und dabei fing es bunt an: "Der ganze Himmel war rot, Gesichter waren im Himmel und so, und wenn ich in die Bäume geschaut habe, dann hat sich alles bewegt, dann sind lauter Figuren aus den Bäumen rausgekommen."... "Du schaust stundenlang in den Spiegel rein, dein Gesicht verzerrt sich, also schon krass."... "Man denkt sich, man muss jetzt gleich sterben, oder so, und es geht nie wieder vorbei, es bleibt so, es bleibt so, es bleibt, es bleibt so."... "Die Stimmen, wo du im Kopf hörst, die sagen zu dir: du bist ein Arschloch, du bist ein Depp, oder: hau den um, oder: schlag den, oderschlag den, oder: bring dich um, also, das kann ziemlich schlimm werden, das kann dazu führen, dass du Selbstmord machst, oder so."




Dr. Rieder sieht diese Drogen als "bedrohlicher als Heroin an, weil es eben nicht kalkulierbar ist. Der Heroinkonsument, der den Stoff kennt, seinen Dealer kennt, weiß ungefähr die Wirkung häufig abzuschätzen und kann das über Jahre hinweg machen. Die Konsumenten von Naturdrogen sind in einem Probierstadium und probieren alles auf Teufelkommraus aus."

Eine lebensbedrohliche Gefahr, weil niemand wissen kann, wieviel Gift drin ist, wenn man psychogene Pilze isst oder Naturdrogentees trinkt. Mögliche Folgen sind Atemnot und Herzstillstand. Meist kommen diese Jugendlichen aus Kleinstädten und Dörfern. Wo die Welt doch angeblich in Ordnung ist? "Na, das stimmt nicht, du bekommst überall deine Drogen."




Und was nicht vor der Haustür wächst, kann man spielend leicht übers Internet bestellen. Warnhinweise machen eher neugierig, als dass sie abschrecken. Mausklick reicht - schon hat man z.B. ein Duftkissen mit Psylocibin einem der Stoffe für den Trip. Aber es gibt auch Infoseiten und Foren, die ernsthaft aufklären wollen über Wirkungen und Risiken der heimischen psychoaktiven Pflanzen.

Die Aufklärung ist wohl der einzige Weg, den Missbrauch einzudämmen. Denn strafrechtlich ist den meisten Naturdrogen nicht beizukommen. Nach dem Betäubungsmittelgesetz sind nur ganz wenige darin enthaltene Stoffe, wie Psylocibin und Mescalin verboten. Die Naturdrogen Engelstrompete, Stechapfel und Tollkirsche aber nicht.




Ein Verbot ist auch schwierig, denn sie wachsen ja überall. Das hat sich inzwischen rumgesprochen. Immer mehr Neugierige, immer mehr Opfer: Beim Giftnotruf München klingelt es immer öfter. 1995 waren es sechsunddreißig Anrufe, 1999 schon neunundachtzig. In der Technoszene haben sich die Naturdrogen inzwischen festetabliert - als billiger Ecstasyersatz. Und im Gegensatz zum synthetischen Stoff gelten Naturdrogen als vermeintlich gesund. In der Szene werden Engelstrompete, Stechapfel und Co. als harmlose Partydrogen hingestellt.

So wird die Illusion erweckt, sie seien beherrschbar. Daran haben auch die Jugendlichen in der Psychiatrie von Mainkofen einmal geglaubt - damals. Heute, nach Horrortrips und Selbstmordphantasien würden sie jedenfalls keinen Engelstrompetensud mehr trinken.



Gefährlich und unberechenbar sind die angeblich gesunden natürlichen Rauschmittel für den Konsumenten. Die Wissenschaftler beschäftigen sich erst seit kurzem mit der Modedroge. In ersten Studien untersuchen sie jetzt, was im Körper passiert, wenn das Pflanzengift im Körper wirkt.



Seit einem Jahr beschäftigt sich Klaus Berkefeld, Biologe im Landeskriminalamt Mainz, verstärkt mit den Naturdrogen. Er untersucht alle Substanzen, die im Zusammenhang mit Vergiftungsfällen oder Straftaten sichergestellt werden. Besonders beliebt sind heimische Pflanzen und Pilze. Sie wachsen im Wald und auf der Wiese, sind billig und haben den Ruf, harmlos und ökologisch korrekt zu sein. Doch Wissenschaftler schlagen Alarm.



Gerade die pflanzlichen Wirkstoffe Atropin und Scopolamin aus Nachtschattengewächsen sind extrem giftig. Meist kommt es nicht einmal zu den gewünschten Rauscheffekten, ziemlich sicher aber zu schweren Gesundheitsschäden. "Dauerkonsumenten nehmen bevorzugt psilocybin-haltige Pilze", schildert Klaus Berkefeld. "Im Gegensatz zu den Pflanzen stehen diese sogenannten Psilos als Rauschmittel im Betäubungsmittelgesetz - der missbräuchliche Besitz ist also strafbar. Trotzdem steigt ihre Beliebtheit enorm an."



Klaus Berkefeld hat über Inhaltsstoffe und Gebrauch von über 200 psychoaktiven Substanzen eine umfangreiche Datenbank erstellt. Dabei stützt er sich auch auf neueste medizinische Erkenntnisse. Und die besagen: Die größte Gefahr von Pilzen liegt in ihrer unberechenbaren Wirkung auf die Psyche.



Neuro-psychologische Bewusstseinsforschung ist ein Forschungsprojekt an der Technischen Hochschule Aachen. Einem gesunden Probanten wurde Psilocybin verabreicht. Damit will man herausfinden, warum es zu Wahrnehmungs-Veränderungen bis hin zum völligen Kontrollverlust kommt. Der Positronen-Emissions-Tomograph (PET), zeigt an, was die Substanz im Gehirn auslöst: Die vordere Region, der limbische Teil des Gehirns, wird durch das Psilicybin besonders stark aktiviert. Dadurch kommt es zu einer diffusen Hyperaktivität, äußere und innere Reizmuster fehlerhaft werden interpretiert, Bewusstseinsveränderungen sind die Folge.



"Ob die Halluzinationen positiv oder negativ empfunden werden, hängt stark von der jeweiligen Stimmung und Persönlichkeitsstruktur des Konsumenten ab", so Dr. med. Euphrosyne Gouzoulis-Mayfrank. Noch sind die neurophysiologischen Zusammenhänge nicht ausreichend geklärt. Fest steht aber: Eine unkontrollierte Einnahme von biogenen Rauschmitteln läuft ganz schnell auf einen Horrortrip hinaus. Endstation Drogenklinik.


Wer bei uns Biodrogen nimmt, beruft sich gerne auf die Tradition alter Kulturvölker, deren spirituelle Rituale etwa das ethnobotanische Standardwerk "Pflanzen der Götter" beschreibt. Das Internet ist der neuzeitliche rituelle Rahmen für den Naturdrogen-Konsum. Anbaukästen für Zauberpilze, getrocknete Psilos oder Pflanzensamen - alles geboten. Informationen über die Wirkung der Produkte - meist Fehlanzeige. Fern aller Einbindung in irgendwelche kulturelle Traditionen kann mit diesen Substanzen dann wild herumexperimentiert werden.

 

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