Facts vom 07.12.2000
Nummer 49, Seite 36
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Trips aus dem Boden

Der Konsum von Magic Mushrooms (Zauberpilzen) steigt massiv. Noch ist die neue Modedroge in der Schweiz legal, soll aber bald verboten werden.

Von Reto Kohler

Das Pilzsammler-Herz schlägt diesen Herbst besonders hoch, denn die Ernte ist so gut wie schon lange nicht mehr. Doch viele, die mit Korb und Kennerblick auf hügligen Weiden und in lauschigen Wäldern unterwegs sind, fahnden nicht nach Gaumenfreuden - sie suchen den Drogentrip. Den finden sie in einem zierlichen, etwa fünf Zentimeter hohen Pilz: dem Spitzkegeligen Kahlkopf.


Der halluzinogene Pilz, der bevorzugt auf Kuhweiden oberhalb von 800 Meter über Meer wächst, ist in den letzten Jahren gross in Mode gekommen. Im Gegensatz zu den meisten anderen Drogen ist der Genuss des Kahlkopfs, einer der stärksten Rauschpilze der Welt, in der Schweiz absolut legal. Nicht mehr lange allerdings. «Wir wollen diese Pilze möglichst bald verbieten», sagt Laurent Medioni, der beim Bundesamt für Gesundheit (BAG) für die Kontrolle und Zulassung von Betäubungsmitteln zuständig ist.


Denn auch den Behörden ist nicht entgangen, dass der Konsum der Rauschpilze in der Schweiz massiv zugenommen hat. So erhält etwa Monika Guirgis, Oberärztin des Toxikologischen Informations-Zentrums (STIZ) in Zürich, heute fünfmal mehr Notrufe wegen unerwünschter Nebenwirkungen von Pilzen als noch 1995. «Das ist nur die oberste Spitze des Eisbergs», sagt Guigris, «zu uns kommen schliesslich nur die, denen es schlecht geht.»


Und bei Leuten unter 20 ist der Pilz sogar drauf und dran, dem Joint ernsthafte Konkurrenz zu machen. «In meinem Bekanntenkreis gibt es eigentlich niemanden, der das noch nie probiert hat», sagt die 16-jährige Jenny, die eine Lehre als Serviertochter macht. Mit 13 die erste Zigarette, mit 14 der erste Joint und dann die Pilze. «Das ist heute normal», findet die zierliche junge Frau.


Das Sammeln und Erkennen des Kahlkopfs ist ein Kinderspiel. «Der wächst überall in der Schweiz», sagt Pharmazeut Stefan Borner, der seine Doktorarbeit zu Psilocybin-Pilzen, zu denen der Kahlkopf gehört, geschrieben hat.


Ein Test gibt dem Fachmann Recht. In den Hügeln oberhalb von Freiburg brauchte ein Team von FACTS nur wenige Minuten, um die ersten Kahlkopf-Grüppchen auszumachen. Kundige Pilzsammler schwärmen auch von Wiesen im Jura zwischen Biel und Basel, wo der Ertrag beträchtlich höher sein soll. Das Erkennen der Pilze ist einfach. «Hat man das Auge dafür entwickelt, ist eine Verwechslung praktisch ausgeschlossen», sagt Pharmazeut Borner. Der Hut des Spitzkegeligen Kahlkopfs läuft zu einer charakteristischen Spitze zu. Die Haut, die den Hut bedeckt, ist hauchdünn und lässt sich einfach abziehen. Das sind die wichtigsten Bestimmungs-Merkmale.


Doch nicht nur ganz Junge fahren auf den Pilz ab, auch reifere Semester greifen immer öfter zur Bio-Droge. Sandra, 31, Personalchefin, ist ein Beispiel für den neuen Typus der Pilz-Enthusiasten. Guter Job, toller Lohn und, was Drogen angeht, eine blütenweisse Weste. «Früher haben mich Drogen nie interessiert», sagt sie. Doch mit 30, als sie ihre berufliche Karriere lanciert hatte, merkte sie, dass ihr etwas fehlte: «Ich suchte nach neuen Erfahrungen, und ich war sicher, dass ich psychisch stabil genug war, ein Drogen-Experiment zu verkraften.» Da sie sich mit Pilzen nicht auskannte, ging sie in eines der einschlägigen Geschäfte, die mittlerweile in allen Schweizer Städten zu finden sind, und kaufte sich einige Exemplare des «Mexikaners», eines nahen Verwandten des Kahlkopfs. 50 Franken zahlt man dort für vier Gramm. Das sind rund vier Portionen. In einem Haus über dem Murtensee ging sie dann mit Freunden auf den Trip. «Es war eine unglaublich schöne Erfahrung», sagt sie.


Doch ganz so harmlos, wie viele Pilz-Freaks glauben, sind die Psilocybin-Pilze nicht. «Rund ein Drittel der Leute erlebt auf dem Trip Angstzustände», weiss Franz Vollenweider, Forscher an der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich. Der Spitzkegelige Kahlkopf ist eine potente Droge, die zu schrecklichen Erlebnissen führen kann. Opfer berichten, dass ihre Wohnungen immer neue Räume bekommen hätten, worauf sie sich in ihren eigenen vier Wänden hoffnungslos verirrt hätten. In Raum Freiburg hat sich letztes Jahr ein junger Mann im Pilzrausch von einem Gebäude gestürzt. Seitdem ist er querschnittgelähmt.


«Mir haben alle erzählt, dass Pilze einen lustig und sozial machen», sagt Irmgard, 45. Darauf beschloss die leitende Angestellte an einer Party spontan, es mal auszuprobieren. Völlig unvorbereitet nahm sie die Drogen-Pilze zu sich. Der Trip wurde prompt zur Horror-Erfahrung: «Ich wurde aggressiv und hätte die anderen Partygäste andauernd beschimpfen können», sagt sie. Für Irmgard ist klar: «Ich nehm dieses Zeug nie mehr.» Sogar der bekennende Pilzfreund und Verleger Roger Liggenstorfer warnt: «Pilze sind keine Party-Droge. Ein erfolgreicher Pilztrip braucht seriöser Vorbereitung.»


Wie gross das Risiko des Pilzrausches tatsächlich ist, darüber streiten sich Experten und Liebhaber. «Der Pilzrausch ist viel einfacher zu kontollieren als ein LSD-Trip», glaubt etwa Jenny, die sich mit vielen Drogen auskennt. «LSD drängt einem die Wahnbilder auf, Pilze wirken viel subtiler». Auch Verleger Liggenstorfer spricht von den Pilzen als «weiche Droge».


Wissenschaftler widersprechen. «Die Zauberpilze als weich zu bezeichnen, ist eine krasse Verharmlosung», sagt Pharmazeut und Pilz-Experte Stefan Borner. Der Rausch auf Psilocybin und LSD ist vergleichbar mit dem, was ein Schizophrener im Anfangsstadium erlebt. Forscher haben nachgewiesen, dass unter der Wirkung von Pilzen ähnliche Hirnregionen aktiviert werden wie bei Schizophrenen. Von LSD ist zudem bekannt, dass ein Prozentsatz der Konsumenten «nicht mehr herunterkommt», also für immer auf dem Trip bleibt. Solche Fälle sind beim Konsum von Pilzen nicht bekannt. Sicher ist aber, dass der richtige Umgang mit der legalen Bio-Droge Pilz eine entscheidende Rolle spielt.


Die Naturvölker Südamerikas pflegen eine alte Tradition des Pilzrausches. Obwohl die Zauberpilze auch hier zu Lande überall aus dem Boden schiessen, verfügen Mitteleuropäer nicht über ein solches Wissen. «Das ist, wie wenn überall Autos rumstehen würden, und man könnte sie benützen, ohne einen Führerschein machen zu müssen», sagt Buchautor Sergius Golowin. Fragt man Experten, wie man sich auf einen Pilztrip vorbereiten soll, winken sie erst einmal ab. «Grundsätzlich sollte man die Finger davon lassen, denn die Wirkung ist sehr unberechenbar», sagen Psychiater Vollenweider und Toxikologin Guirgis. Abschrecken lassen sich davon wohl weder adoleszente Drogen-Freaks noch alternde Akademiker. Deshalb geben die Experten doch einige Verhaltenstipps.


So sollten psychisch labile Leute um die Zauberpilze einen weiten Bogen machen. Die Folgen sind nicht absehbar. Vor dem Erstkonsum sollte sich also jeder fragen, ob er dem intensiven Erlebnis von Wahnbildern oder eines veränderten Körpergefühls gewachsen ist. Studien haben ergeben, dass rigide Leute, die neuem generell skeptisch gegenüberstehen, den Trip oft schlecht vertragen. «Wichtig ist, dass man die Pilze nicht alleine konsumiert, sondern mit Vertrauten, die sich auskennen», sagt Verleger Liggenstorfer.


Womöglich hat die friedliche Reise der Psychonauten, wie sich manche Pilzfreunde nennen, bald ein Ende, wenn das Bundesamt für Gesundheit die Pilze tatsächlich verbieten sollte. Heute ist zwar Psilocybin, der Wirkstoff des Rauschpilzes, laut Gesetz eine illegale Droge, doch Handel und Konsum der Pilze sind noch legal. Man kann sie in einschlägigen Läden in Zürich, Thun oder Winterthur kaufen wie Champignons. «Wir haben diesen Widerspruch erkannt und werden handeln», sagt BAG-Sprecher Medioni viel sagend.


Doch eines ist jetzt schon klar: Egal, was das BAG tut, auch nächsten Herbst werden wieder Tausende Pilzfreunde mit Korb und Kennerblick über die hügligen Jurawiesen im Jura ziehen - und nicht alle suchen nach Gaumenfreuden.

Ich bin zu feige, Pilze zu konsumieren»
Erfolgsautor Martin Suter beschreibt in seinem Roman «Die dunkle Seite des Mondes» Erfahrungen mit halluzinogenen Pilzen.

Martin Suter
Martin Suter:
Lieber kiffen statt pilzen.


FACTS:
Beim Recherchieren für Ihr Buch haben Sie sicher auch zu Pilzen gegriffen. Wie wars?
Martin Suter: Nein, ich habe selber nie Pilze konsumiert. Ich bin zu feige, um Dinge zu tun, bei denen ich derart die Kontrolle verliere. Wenn man 1968 zwanzig war, hat man natürlich mal einen Joint geraucht. Der verstorbene nigerianische Musiker Fela Kuti hat mich vor einiger Zeit genötigt, eine Konfitüre aus Gras zu probieren. Schon das war sehr stark. Aber weiter bin ich nie gegangen. Ich kannte zu viele Leute, die mit härteren Sachen verheerende Erfahrungen gemacht haben.


FACTS:
Sie würden davon abraten, Pilze zu nehmen?
Suter: Das finde ich eine komische Frage. Es ist nicht meine Aufgabe, den Leuten Empfehlungen abzugeben. Wenn ich etwas nicht leiden kann, dann sind es moralisierende Romane. Moralisierende Zeitschriften mag ich übrigens auch nicht. Was ich will, ist eine gute Geschichte erzählen.


FACTS
: Und warum gerade eine Geschichte über halluzinogene Pilze?

Suter: Eigentlich wollte ich gar nicht einen Roman über die Pilze schreiben, sondern einen über den Wald. Dennoch sollte es kein Förster-Roman werden. Ich musste also jemanden in den Wald schicken, der da gar nicht hinpasst


FACTS:
Und dann haben Sie dem Helden erst mal eine kräftige Dosis Zauberpilze verabreicht?
Suter: Es musste eine Droge sein. Mir gefällt es, wenn sich meine Romanhelden während der Geschichte auf eine unfreiwillige Art verändern. Da ich wollte, dass der Held wieder in den Wald geht, lag es auf der Hand, Pilze zu nehmen. Mit synthetischen Drogen wäre das nicht gegangen.


FACTS:
Wussten Sie, dass die Droge Pilz in Mode ist?
Suter: Nein, das war mir nicht klar. Aber ich habe im Internet und in Büchern recherchiert. Und wenn man nach Drogen sucht, kommt man um den Pilz nicht herum.


FACTS: Wie konnten Sie den Pilzrausch so genau beschreiben, ohne ihn selber je erlebt zu haben?

Suter: Da spielten auch die eigenen Gras-Erfahrungen eine Rolle. Und ich habe mit Pilz-Konsumenten gesprochen. Die haben mir erzählt, der Pilz sei etwas Heiliges. Eine Amerikanerin sagte mir, sie hätte im Rausch die grosse Schöpfungserkenntnis gehabt. Wenn man mal begriffen hat, was da alles passieren kann, kann man schnell einen authentischen Pilzrausch beschreiben, ohne ihn selber durchgemacht zu haben.


FACTS: In der Pilz-Szene wurde Ihnen vorgeworfen, Sie hätten die Wirkung dramatisiert.
Suter: In einer Talkshow, ich glaube, das war bei Tele 24, wurde ich mit einem Pilz-Freak konfrontiert, dem hatten die Dosierungen im Buch nicht gefallen. Er bemängelte auch, dass der Held des Buches für die Drogen etwas zahlen musste, das gilt als unschick.


FACTS: Es wurde aber auch bemängelt, Ihr Szenario sei unrealistisch: Bei Pilzen ist kein einziger Fall bekannt, wo einer nicht mehr vom Trip runtergekommen wäre. Und genau das passiert dem Helden Ihres Buches.
Suter: Jede starke Drogen-Erfahrung verändert das Bewusstsein. Hören Sie doch nur mal Leuten zu, die viel Hasch rauchen. Die haben einen ganz anderen Sinn für Humor. Früher, als man noch schwarzen Afghan geraucht hat, fand man ganz spezielle Situationen lustig. Solche Dinge findet man dann auch noch lustig, wenn man wieder nüchtern ist. Solch tiefe Einsichten verändern einen psychisch für eine ganze Weile. Zudem wollte ich nie ein Sachbuch über Pilze schreiben. Da ist viel dichterische Freiheit dabei.

 

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