Trips aus dem Boden
Der Konsum von Magic Mushrooms (Zauberpilzen)
steigt massiv. Noch ist die neue Modedroge in der Schweiz
legal, soll aber bald verboten werden.
Von
Reto Kohler
Das
Pilzsammler-Herz schlägt diesen Herbst besonders hoch,
denn die Ernte ist so gut wie schon lange nicht mehr. Doch
viele, die mit Korb und Kennerblick auf hügligen Weiden
und in lauschigen Wäldern unterwegs sind, fahnden nicht
nach Gaumenfreuden - sie suchen den Drogentrip. Den finden
sie in einem zierlichen, etwa fünf Zentimeter hohen
Pilz: dem Spitzkegeligen Kahlkopf.
Der halluzinogene Pilz, der bevorzugt auf Kuhweiden oberhalb
von 800 Meter über Meer wächst, ist in den letzten
Jahren gross in Mode gekommen. Im Gegensatz zu den meisten
anderen Drogen ist der Genuss des Kahlkopfs, einer der stärksten
Rauschpilze der Welt, in der Schweiz absolut legal. Nicht
mehr lange allerdings. «Wir wollen diese Pilze möglichst
bald verbieten», sagt Laurent Medioni, der beim Bundesamt
für Gesundheit (BAG) für die Kontrolle und Zulassung
von Betäubungsmitteln zuständig ist.
Denn auch den Behörden ist nicht entgangen, dass der
Konsum der Rauschpilze in der Schweiz massiv zugenommen
hat. So erhält etwa Monika Guirgis, Oberärztin
des Toxikologischen Informations-Zentrums (STIZ) in Zürich,
heute fünfmal mehr Notrufe wegen unerwünschter
Nebenwirkungen von Pilzen als noch 1995. «Das ist
nur die oberste Spitze des Eisbergs», sagt Guigris,
«zu uns kommen schliesslich nur die, denen es schlecht
geht.»
Und bei Leuten unter 20 ist der Pilz sogar drauf und dran,
dem Joint ernsthafte Konkurrenz zu machen. «In meinem
Bekanntenkreis gibt es eigentlich niemanden, der das noch
nie probiert hat», sagt die 16-jährige Jenny,
die eine Lehre als Serviertochter macht. Mit 13 die erste
Zigarette, mit 14 der erste Joint und dann die Pilze. «Das
ist heute normal», findet die zierliche junge Frau.
Das Sammeln und Erkennen des Kahlkopfs ist ein Kinderspiel.
«Der wächst überall in der Schweiz»,
sagt Pharmazeut Stefan Borner, der seine Doktorarbeit zu
Psilocybin-Pilzen, zu denen der Kahlkopf gehört, geschrieben
hat.
Ein Test gibt dem Fachmann Recht. In den Hügeln oberhalb
von Freiburg brauchte ein Team von FACTS nur wenige Minuten,
um die ersten Kahlkopf-Grüppchen auszumachen. Kundige
Pilzsammler schwärmen auch von Wiesen im Jura zwischen
Biel und Basel, wo der Ertrag beträchtlich höher
sein soll. Das Erkennen der Pilze ist einfach. «Hat
man das Auge dafür entwickelt, ist eine Verwechslung
praktisch ausgeschlossen», sagt Pharmazeut Borner.
Der Hut des Spitzkegeligen Kahlkopfs läuft zu einer
charakteristischen Spitze zu. Die Haut, die den Hut bedeckt,
ist hauchdünn und lässt sich einfach abziehen.
Das sind die wichtigsten Bestimmungs-Merkmale.
Doch nicht nur ganz Junge fahren auf den Pilz ab, auch reifere
Semester greifen immer öfter zur Bio-Droge. Sandra,
31, Personalchefin, ist ein Beispiel für den neuen
Typus der Pilz-Enthusiasten. Guter Job, toller Lohn und,
was Drogen angeht, eine blütenweisse Weste. «Früher
haben mich Drogen nie interessiert», sagt sie. Doch
mit 30, als sie ihre berufliche Karriere lanciert hatte,
merkte sie, dass ihr etwas fehlte: «Ich suchte nach
neuen Erfahrungen, und ich war sicher, dass ich psychisch
stabil genug war, ein Drogen-Experiment zu verkraften.»
Da sie sich mit Pilzen nicht auskannte, ging sie in eines
der einschlägigen Geschäfte, die mittlerweile
in allen Schweizer Städten zu finden sind, und kaufte
sich einige Exemplare des «Mexikaners», eines
nahen Verwandten des Kahlkopfs. 50 Franken zahlt man dort
für vier Gramm. Das sind rund vier Portionen. In einem
Haus über dem Murtensee ging sie dann mit Freunden
auf den Trip. «Es war eine unglaublich schöne
Erfahrung», sagt sie.
Doch ganz so harmlos, wie viele Pilz-Freaks glauben, sind
die Psilocybin-Pilze nicht. «Rund ein Drittel der
Leute erlebt auf dem Trip Angstzustände», weiss
Franz Vollenweider, Forscher an der Psychiatrischen Universitätsklinik
Zürich. Der Spitzkegelige Kahlkopf ist eine potente
Droge, die zu schrecklichen Erlebnissen führen kann.
Opfer berichten, dass ihre Wohnungen immer neue Räume
bekommen hätten, worauf sie sich in ihren eigenen vier
Wänden hoffnungslos verirrt hätten. In Raum Freiburg
hat sich letztes Jahr ein junger Mann im Pilzrausch von
einem Gebäude gestürzt. Seitdem ist er querschnittgelähmt.
«Mir haben alle erzählt, dass Pilze einen lustig
und sozial machen», sagt Irmgard, 45. Darauf beschloss
die leitende Angestellte an einer Party spontan, es mal
auszuprobieren. Völlig unvorbereitet nahm sie die Drogen-Pilze
zu sich. Der Trip wurde prompt zur Horror-Erfahrung: «Ich
wurde aggressiv und hätte die anderen Partygäste
andauernd beschimpfen können», sagt sie. Für
Irmgard ist klar: «Ich nehm dieses Zeug nie mehr.»
Sogar der bekennende Pilzfreund und Verleger Roger Liggenstorfer
warnt: «Pilze sind keine Party-Droge. Ein erfolgreicher
Pilztrip braucht seriöser Vorbereitung.»
Wie gross das Risiko des Pilzrausches tatsächlich ist,
darüber streiten sich Experten und Liebhaber. «Der
Pilzrausch ist viel einfacher zu kontollieren als ein LSD-Trip»,
glaubt etwa Jenny, die sich mit vielen Drogen auskennt.
«LSD drängt einem die Wahnbilder auf, Pilze wirken
viel subtiler». Auch Verleger Liggenstorfer spricht
von den Pilzen als «weiche Droge».
Wissenschaftler widersprechen. «Die Zauberpilze als
weich zu bezeichnen, ist eine krasse Verharmlosung»,
sagt Pharmazeut und Pilz-Experte Stefan Borner. Der Rausch
auf Psilocybin und LSD ist vergleichbar mit dem, was ein
Schizophrener im Anfangsstadium erlebt. Forscher haben nachgewiesen,
dass unter der Wirkung von Pilzen ähnliche Hirnregionen
aktiviert werden wie bei Schizophrenen. Von LSD ist zudem
bekannt, dass ein Prozentsatz der Konsumenten «nicht
mehr herunterkommt», also für immer auf dem Trip
bleibt. Solche Fälle sind beim Konsum von Pilzen nicht
bekannt. Sicher ist aber, dass der richtige Umgang mit der
legalen Bio-Droge Pilz eine entscheidende Rolle spielt.
Die Naturvölker Südamerikas pflegen eine alte
Tradition des Pilzrausches. Obwohl die Zauberpilze auch
hier zu Lande überall aus dem Boden schiessen, verfügen
Mitteleuropäer nicht über ein solches Wissen.
«Das ist, wie wenn überall Autos rumstehen würden,
und man könnte sie benützen, ohne einen Führerschein
machen zu müssen», sagt Buchautor Sergius Golowin.
Fragt man Experten, wie man sich auf einen Pilztrip vorbereiten
soll, winken sie erst einmal ab. «Grundsätzlich
sollte man die Finger davon lassen, denn die Wirkung ist
sehr unberechenbar», sagen Psychiater Vollenweider
und Toxikologin Guirgis. Abschrecken lassen sich davon wohl
weder adoleszente Drogen-Freaks noch alternde Akademiker.
Deshalb geben die Experten doch einige Verhaltenstipps.
So sollten psychisch labile Leute um die Zauberpilze einen
weiten Bogen machen. Die Folgen sind nicht absehbar. Vor
dem Erstkonsum sollte sich also jeder fragen, ob er dem
intensiven Erlebnis von Wahnbildern oder eines veränderten
Körpergefühls gewachsen ist. Studien haben ergeben,
dass rigide Leute, die neuem generell skeptisch gegenüberstehen,
den Trip oft schlecht vertragen. «Wichtig ist, dass
man die Pilze nicht alleine konsumiert, sondern mit Vertrauten,
die sich auskennen», sagt Verleger Liggenstorfer.
Womöglich hat die friedliche Reise der Psychonauten,
wie sich manche Pilzfreunde nennen, bald ein Ende, wenn
das Bundesamt für Gesundheit die Pilze tatsächlich
verbieten sollte. Heute ist zwar Psilocybin, der Wirkstoff
des Rauschpilzes, laut Gesetz eine illegale Droge, doch
Handel und Konsum der Pilze sind noch legal. Man kann sie
in einschlägigen Läden in Zürich, Thun oder
Winterthur kaufen wie Champignons. «Wir haben diesen
Widerspruch erkannt und werden handeln», sagt BAG-Sprecher
Medioni viel sagend.
Doch eines ist jetzt schon klar: Egal, was das BAG tut,
auch nächsten Herbst werden wieder Tausende Pilzfreunde
mit Korb und Kennerblick über die hügligen Jurawiesen
im Jura ziehen - und nicht alle suchen nach Gaumenfreuden.