| DER SPIEGEL 28.02.2000 Gesellschaft |
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Drogen
Kick per Klick Das Internet macht's möglich: Illegale Drogen wie Cannabis und Zauberpilze kommen mit der Post bis zum Endverbraucher nach Deutschland. Noch versagen fast alle Kontrollen des Zolls.
Doch hinter einer Trennwand aus Holz und Glas mit der Aufschrift "Mickys Workshop" werden ungewöhnliche Geschäfte getätigt - mit Pillen, psychedelischen Pilzen, Cannabis und anderen Partydrogen. "Wir sind hier das Sales Departement für den gesamten Online-Bereich", sagt Dyon Roberts, 29. Der Daten-Highway ist der modernste Vertriebsweg für alles, was high macht: Über die Suchmaschinen im World Wide Web lassen sich nicht nur umfassende Informationen über Drogenmissbrauch und Gesundheitsgefahren abrufen, sondern auch Bezugsquellen für die gängigen Dröhnmittel. Auf Konsumenten in Ländern mit strikten Anti-Drogen-Gesetzen wirken die Internet-Offerten besonders verlockend. "Dort sind unsere Produkte zunehmend gefragt", sagt Roberts, der ein paar Semester Marketing studiert hat. Die Abwicklung folgt den Allgemeinen Geschäftsbedingungen für den elektronischen Versandhandel. Ob Kreditkarte, Scheck oder Zahlungsanweisung - alles ist willkommen, in jeder Währung, am liebsten aber in Dollar. Geliefert wird prompt per Post und auf Kundenwunsch auch via Airmail oder Kurierdienst. Die Versandkosten liegen bei rund fünf Dollar pro Sendung. Bei Orders über 75 Dollar müssen Erstkunden "wegen häufiger Betrügereien" eine Faxkopie ihrer Kreditkarte schicken. Zwar beteuert die Climax, "keine illegalen Drogen" auszuliefern. Doch die braunen, gepolsterten Jiffy-Tüten, versehen mit unauffälligen Firmenaufklebern in Druckschrift, befördern regelmäßig die gesamte Produktpalette des "Online Smartshop" in alle Welt. Einige der Waren unterliegen dem deutschen Betäubungsmittelgesetz, dessen Paragraf 29 Anbau, Besitz oder Veräußerung von Drogen mit bis zu fünf Jahren Haft oder Geldstrafe ahndet. Online-Kunden hoffen, per Web-Bestellung und Post-Versand das Risiko zu umgehen, auf schmuddeligen Bahnhofsplätzen beim Drogeneinkauf geschnappt zu werden. Die Rückverfolgung der Netz-Transaktionen ist technisch zwar möglich, aber angesichts der wachsenden Datenströme immer aufwendiger. Das wissen auch die Manager des holländischen Marihuana-Versands "The High Shoppe", der im klein Gedruckten seine Kundschaft beruhigt: "Es ist unwahrscheinlich, dass Deine Bestellung vom Zoll gestoppt wird." Sollte der Drogentransport doch abgefangen werden, "passiert Dir nichts". Das ist nicht ganz zutreffend. Denn der Päckchenempfänger kann, wenn er nicht gerade ein "verlassenes Haus, eine Kirche oder eine anonyme Büroadresse" nutzt, durchaus auffliegen, wie ein Ermittler sagt. In einer speziellen Vereinbarung mit den privaten Kurierdiensten haben die deutschen Sicherheitsbehörden bereits Schulungen zum Erkennen verbotener Sendungen vereinbart. Im Zollamt Oberhausen, Umschlagplatz für Post aus den Niederlanden, schnüffeln gelegentlich Rauschgift-Spürhunde an der Importpost. "Wir erwischen allerdings nur einen Bruchteil", sagt ein Fahnder - jährlich kommen bundesweit 1,3 Milliarden Päckchen und Pakete zur Auslieferung. Beim Wiesbadener Bundeskriminalamt (BKA) fahndet zwar bereits seit 1998 eine eigene Internet-Beobachtungsgruppe nach Cyberkriminellen, die Kinderpornografie, Schießzeug oder verbotene Medikamente verbreiten. Aber selbst Innenminister Otto Schily (SPD) ist skeptisch gegenüber der seit längerem propagierten freiwilligen Selbstkontrolle der Web-Wirtschaft. Daran hat in der Grauzone des E-Commerce kaum jemand Interesse. Zudem ist das Risiko für die Versender jenseits der Landesgrenzen gering. So gibt ein amerikanischer Drogenanbieter eine "tropische Insel" mit buntem Strandbild als Geschäftssitz an. Postfächer sind die häufigsten Kontaktadressen einschlägiger Internet-Firmen. Die Zahl der Drogendelikte, die per Netz begangen und per Zufallsfund aktenkundig geworden sind, liegt daher, so ein BKA-Sprecher, "unter zwei Dutzend" - nicht gerade viel: Allein der holländische Netzhändler "Smart Botanics", gibt an, seine Website sei bereits von mehr als 177 000 Besuchern aufgerufen worden. Der Trend zum Kick per Klick scheint daher kaum aufzuhalten. Laut einer internen Lagebeurteilung des Kölner Zollkriminalamtes (ZKA) werden zwar immer wieder Großsendungen von Kokain oder Heroin abgefangen, aber nur ein Bruchteil der internationalen Drogenrouten sei überschaubar. Das "Entdeckungsrisiko" für Kurierpäckchen wird auf Grund des "enormen Aufkommens an Sendungen" als "eher gering" eingeschätzt. "Das gewinnt mit dem Internet-Handel eine ganz neue Dimension", sagt ZKA-Sprecher Leonhard Bierl. Auf einer südafrikanischen Homepage kann das in der Partyszene beliebte "Liquid Ecstasy" geordert werden. Als "synthetisches Kokain" wird das Narkosemittel Ketamin über einen indischen Web-Händler offeriert. Und das Erkältungsmedikament Ephedrin, das, hoch dosiert, als Speed für die Technoszene dient, kommt auf Online-Bestellung aus den Vereinigten Staaten. Von den neuen Handelsformen bleibt auch das herkömmliche Ladengeschäft mit den Drogen nicht unberührt. "Wir bauen jetzt unseren Online-Shop aus", sagt Rodney Yzer, 29, Chef der Amsterdamer "Magic Mushroom"-Läden. Er rechnet damit, in Zukunft ein Drittel seiner Ware über das Netz verkaufen zu können. In holländischen Verkaufsstellen, die auch Testsets für Kokain anbieten, liegen schon Flyer mit nützlichen Internet-Adressen aus. Neues Personal und PCs für den weltweiten Handel sind geordert. Auch "Elements of Nature"-Läden im Amsterdamer Rotlichtviertel spüren bereits die Konkurrenz der eigenen Internet-Tochter Climax. "Das Geschäft schichtet sich um", beobachtet Ladenmanager Brain van Eick. Psychedelische Pilze mit den Bezeichnungen "mexican" oder "hawaiian", die von den Holländern im Netz offeriert werden, kommen keineswegs aus Übersee. In umgerüsteten Glashäusern bei Amsterdam, in denen früher Champignons wuchsen, werden - ganz legal - die Drogenpflanzen für den E-Commerce gezogen. Der Preis für die Versandware liegt etwa um die Hälfte höher als im Straßenverkauf. Neuerdings ermitteln die elektronischen Drogendealer sogar schon die Kundenzufriedenheit mit Hilfe von "Feedback"-Rubriken auf der Homepage. Dort erkundigt sich etwa ein Geschäftspartner der Climax, wo er "noch härtere Drogen" bekommen könne. Und ein amerikanischer Nutzer bittet die Rotterdamer um elektronische Verschlüsselung des Datenverkehrs, "weil ich den Computer meiner Großmutter benutze". SEBASTIAN
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