Tages-Anzeiger, 3.10.2000

Kultur, Seite 67

found @
Zauberpilz Website
http://www.zauberpilz.com

 

ÜBER ALLES MÖGLICHE

Die Pilzgöttin und ihre Kinder

Von Lars Gustafsson

Amanita muscaria heisst er auf Latein, dieser bemerkenswerte Pilz. Der Name roter Fliegenpilz wird in einschlägigen Büchern damit erklärt, dass "Stücke desselben, in Wasser oder Milch gelegt, eine Speise ergeben, an der Fliegen sterben". Er enthält nicht nur ein, sondern mehrere interessante Toxine; das Alkaloid Muskarin, Amanitin und in bestimmten Gegenden einen atropinartig wirkenden Stoff, Pilzatropin oder Muskaridin. Ausserdem findet sich darin das so genannte Pilztoxin, löslich in Wasser, aber nicht in Alkohol, sehr langsam absorbiert und viel giftiger als das Muskarin.

Das Pilzatropin führt zu erweiterten Pupillen, und die Schamanen schrieben ihm jene psychotrope Wirkung zu, die vermutlich die charakteristischen Vorstellungen von einer Reise in die Unterwelt geschaffen hat, von Tod und Auferstehung des Adepten, jetzt jedoch im Bewusstsein einer anderen Welt und ihrer Kräfte. Im Verlauf dieser Reise, von welcher der Erfolgreiche mit magischen Eigenschaften zurückkehrt, die ihn zum Priester seines Stammes machen, zum Geisterbeschwörer, aber auch zum Arzt, begegnet der Schamane verschiedenen Furcht erregenden Gestalten, zur Hälfte menschlich, zur Hälfte Pilze, die ihn ihren Prüfungen unterwerfen und ihm ihre Geheimnisse anvertrauen.

Uralt und unheimlich

Gemäss der modernsten molekularbiologischen Forschung stehen die Pilze den Menschen, das heisst den Tieren, zellbiologisch viel näher als den Pflanzen und sollten nicht als Pflanzen betrachtet werden, sondern als eine eigene Ordnung. Ausserdem hat man festgestellt, dass die ersten und ältesten individuellen Organismen auf der Erde Pilze sind; die sichtbaren Pilze sind nur ausgesandte Späher und Sporenverbreiter des eigentlichen Organismus, der aus dem Myzel mit seinem fein verteilten Fasernetz besteht, durchaus im Stande, einen ganzen Wald von unten zu verzehren. Sie haben etwas Unheimliches an sich. Sind auf vielen anderen Planeten vielleicht die Myzelien die intelligentesten Organismen?

Wodka mit Fliegenpilz

Warum gerade Sibirien die Heimat vieler Schamenenkulturen ist, gehört zu den grossen, tiefen kulturhistorischen Fragen. Eine Theorie ist, dass der Fliegenpilz in Sibirien mehr Pilzatropin und weniger von den übrigen Toxinen entwickelt. Bei den alten Schamanen wurde der Pilz vermutlich in Milch eingenommen. Möglicherweise ist Soma, der heilige Trank, der in den frühesten altindischen Arjuna-Hymnen gepriesen wird, dieselbe Sache. Die alte Religion der Samen, mit der Zaubertrommel als Weissagungsinstrument und dem N|7ajd als spirituellem Führer, besitzt starke Züge von Schamanismus. John Allegro, einer der Experten für die Schriftrollen vom Toten Meer, publizierte in den Sechzigerjahren ein sehr kritisiertes und viel diskutiertes Buch, in dem er die Hypothese vertrat, die christliche Kommunion gehe auf das vorchristliche Gemeinschaftsmahl mit Fliegenpilzen zurück, ursprünglich ein Teil der Fruchtbarkeitsriten.

Es sollen, will man einer Reportage über Sibirien im "Svenska Dagbladet" glauben, dort immer noch schamanistische Kulte und Riten vorkommen, heute allerdings mit in Wodka gelöstem Fliegenpilz.

Ein Artikel von Stephen R. Berlant im "Journal of Prehistoric Religion" (Vol. XIII, Paul |7Aströms förlag 1999) enthält eine überraschende Deutung einiger prähistorischer Skulpturen wie der drallen kleinen Figurine, die als Venus von Willendorf bekannt ist. Diese wird ja meist als ein Kultgegenstand betrachtet, der mit einem Fruchtbarkeitsritus verbunden ist. Berlant und andere Wissenschaftler haben nun eine frappierende Ähnlichkeit zwischen diesen Statuetten und einem jungen Fliegenpilz festgestellt, bei dem die äussere Haut noch nicht geplatzt ist. (Der Fliegenpilz besitzt, im Unterschied zu fast allen anderen Pilzen, eine äussere und eine innere Haut, und wenn die äussere Hülle, nicht unähnlich einer Fruchtblase, platzt, entstehen in feuchter Umgebung die weissen Punkte.)

Ein unangenehmer Tod

Können diese Figurinen Verkörperungen von Pilzen sein? Personifiziertes Obst und Gemüse ist, wie Berlant betont, nicht ungewöhnlich, beispielsweise die sprechende Banane in der Fernsehreklame für Chiquita, und Mr. Potatoe Head, allen amerikanischen Kindern vertraut.

Was könnte die prähistorischen Bildhauer veranlasst haben, A. muscaria als üppige Frau mit milchprallen Brüsten darzustellen? Eine Erklärung ist die Fähigkeit des Pilzatropins, eine mystische Erfahrung vom Tod des Ichs und einer neuen Geburt hervorzurufen, die ein fundamentales mütterliches Wohlwollen für den Adepten ausstrahlt, eine andere lautet, diese Toxine liessen den Konsumenten erleben, dass sich unter der materiellen eine geistige Welt verbirgt.

Und daran mag etwas Wahres sein.

Von Experimenten wird jedoch abgeraten. Der Schamanismus sollte den Profis überlassen bleiben. Der Tod an Pilzvergiftung erscheint als äusserst unangenehm, so, wie er in medizinischen Handbüchern beschrieben wird. Ein Professor und Leberforscher vom Karolinska Institutet in Stockholm hat mich einmal während eines Flugs über den Atlantik mit anschaulichen Berichten darüber unterhalten, wie eine vom weissen Fliegenpilz vergiftete Leber unter der behandschuhten Hand der Obduzenten in erbsengrosse Stücke zerfällt.

Sonderbare Träume

Doch brauchen wir nicht so weit zu gehen, um eine Ahnung von der Sache zu bekommen. Die Auffassung des Artikelverfassers ist, dass alle Pilze eine Spur psychotrop sind. Selbst ein harmloses Ragout aus Pfifferlingen oder Steinpilzen bewirkt beim Sensiblen sehr lebhafte und stets etwas sonderbare Träume, zumal in einer klaren, trockenen Herbstnacht nach eines langen Tages Wanderung in Wald und Feld . . .

Aus dem Schwedischen von Verena Reichel

_____________

Lars Gustafsson, der schwedisch-amerikanische Schriftsteller, schreibt für uns allmonatlich eine Kolumne "Über alles Mögliche". Gustafsson lebt als Philosophie-Professor in Austin/Texas. Seine Werke erscheinen im Carl-Hanser-Verlag, München.

 

Zauberpilz Website Menü | Literatur | Artikel 23
Dokument drucken
webmaster@zauberpilz.com