| Tages Anzeiger vom 7.8.1996 |
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Nordischer Pilzrausch Nach Haschisch und Ecstasy entwickeln sich nun die Magic Mushrooms aus den Niederlanden zum neuen Exportschlager. Doch so harmlos, wie sie aussehen, sind die niedlichen Pilzchen nicht. TEXT
Hans Peter Waltisberg Wie Pilze schiessen sie aus dem Boden. In den achtziger Jahren boomten in Holland die Coffeeshops, die Marihuana und Hasch verkaufen, doch in den letzten Monaten explodiert die Anzahl der Smartshops. Ihr Business sind Magic Mushrooms. Unkompliziert gehen die «Mexikaner» und «Hawaianer», wie die Trip-Pilze heissen, über den Ladentisch. Ebenfalls im Angebot sind alle möglichen Tees, die etwa wach halten, alle möglichen Gefühle auslösen und vor allem, so steht es zumindest bei den meisten Sorten, das Sexualleben stimulieren sollen. Während sich halb Europa noch über die niederländischen Coffeeshops streitet, ist die Regierung in Den Haag angesichts dieses neuartigen Drogenproblems ratlos. Denn so harmlos sind die Pilzchen nicht. Eine hohe Dosis kann unter Umständen schwere psychotische Schübe auslösen. In längeren Beratungsgesprächen und auf ausführlichen Beipackzettel wird denn auch auf die Vor- und Nachteile der verschiedenen Sorten hingewiesen: «Be careful to join your trip into your inside», wird gewarnt. Der Trend zu «natürlichen Drogen» war nach acht Jahren Ecstasy und anderer Chemie abzusehen. Nach der House- und Technowelle ist das Hippierevival nicht mehr aufzuhalten. Vor ein paar Jahren pilgerten Freunde noch auf die Inseln im holländischen Wattenmeer, um die gefragten Pilze zu pflücken. Heute gehen sie mal schnell um die Ecke zu «Conscious Dreams», «Dr. Paddo» oder in den «Headshop». Die Ware kommt längst nicht mehr von den idyllischen Inseln, sondern wird nach neusten, industriellen Landbaumethoden in Grosszüchtereien produziert. Der Pilzboom führte zu einer echten Medienhysterie. Obwohl der psychoaktive Stoff der Pilze, das Psylozipin, auf der Betäubungsmittelliste steht, ist gegen den Verkauf der frischen Landprodukte gesetzlich nichts einzuwenden. «Die Frage ist, ob es sich bei den verkauften Artikeln um ein Präparat, also eine zielgerichtet bearbeitete Substanz, handelt oder nicht», meint Anneke Verlind, Sprecherin des Ministeriums für Volksgesundheit. In Headshops sind Teebeutelchen mit Pilzinhalt erhältlich. Das sind doch Präparate? «Wir könnten natürlich diese Sache in Beschlag nehmen. Allerdings bestände dann die Gefahr, dass wir vor den Richtern abblitzen und alles wieder zurückgeben müssen», meint Verlind. Die Amsterdamer Polizei erfuhr dies peinlich am eigenen Leibe. Letztes Jahr liess sie sogenanntes Herbal XTC abtransportieren. Das Gericht zwang die Gesetzeshüter zur Rückgabe der Waren an den rechtmässigen Eigentümer. Das letzte Wort ist in dieser Angelegenheit jedoch noch nicht gesprochen. Von seiten der Smartshops, die sich nach gutholländischer Tradition in einem Interessenverband zusammengeschlossen haben, ist keine Stellungnahme zu bekommen. Jaap Kappers vom unabhängigen Beratungsbüro für Drogen, zu dessen Kunden auch die Gemeinde Amsterdam gehört, findet das verständlich: «Die enorme Publizität hat die Händler scheu gemacht.» Die liberale niederländische Drogenpolitik stehe sowieso unter Druck: «Und nun wird auch noch so getan, als ob hier plötzlich jede und jeder unablässig Pilze schmeisse. In Wahrheit handelt es sich um einen relativ kleinen Kundenkreis. Zudem reguliert sich der Konsum von selbst: Wenn man zu oft Pilze zu sich nimmt, gehe die Wirkung verloren.» Kappers glaubt, dass die Justiz weiterhin zurückhaltend bleibt: «Die Entwicklung der Szene verläuft doch kontrolliert und ruhig.» Auch in Zürich gibt es derzeit ein halbes Dutzend Coffeeshop-ähnliche Lokale, die unter der Hand «natürliche Drogen» verkaufen. Feilgeboten werden von Cannabis-Produkten über Peyote-Kakteen, Psylozipin-Pilze bis hin zu Opium. Offiziell will die Polizei von solchen Drogenverkaufsstellen nichts wissen, auch von einer stillschweigenden Duldung nicht. Klar ist aber, dass diese Shops die Legalisierung bereits vorwegnehmen. Vielleicht wird man sogar eines Tages in der Bahnhofstrasse ein kleines Pilzgebäck oder ein Dutzend Cannabissablés für besondere Teegäste erstehen können, ohne Gewähr. |
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