Tages Anzeiger vom 19.3.1997, ERNST
found @
Zauberpilz Website
http://www.zauberpilz.com

 

Dealen in der Schweiz

«Eigenanbau ist geschäftsschädigend»

Text und Interview Udo Theiss und Dani Winter / Illustrationen Chrigel Farner

Pulver und Pillen, Pilzli und Filzli: Drogen werden in der Schweiz aus den verschiedensten Gründen konsumiert und gehandelt. ERNST sprach mit Dealern über Geld und Geist im illegalen freien Markt.

«Wenn du in den USA eine Schiffsladung Haschisch verkaufst und mit dem Erlös ein Firmenimperium gründest, kräht kein Hahn danach, woher du die Knete genommen hast», sagt der 28jährige Marcel Hess (Name geändert). «Und wenn die Geschichte irgendwann doch rauskommt, betrachtet man den Deal als Kavaliersdelikt.»

Doch hierzulande ist bekanntlich alles anders, und deshalb bäckt Marcel kleinere Brötchen. Die zentralen Erkenntnisse des American way of life indessen sind ihm während seiner regelmässigen Aufenthalte ennet dem grossen Teich in Fleisch und Blut übergegangen: «Alles ist möglich», weiss Marcel, und: die Nachfrage bestimmt das Angebot. «Für die Leute von heute gehören Drogen einfach dazu. Und wenn nicht ich sie ihnen verkaufe, machts eben ein anderer.»

Mit «ehrlicher Arbeit» hat Marcel nicht viel am Hut. Gelegenheitsjobs nimmt er nur zu Alibizwecken an, längere Zeit behält er eine Stelle nur, wenn sie mit Verkaufen zu tun hat, und Partys interessieren ihn nur, wenn er den Eintritt kassiert. «Das Handeln liegt mir einfach im Blut.»

Dienst am Kunden

Wichtigste Grundlage jeden kaufmännischen Erfolgs, weiss Marcel, ist der Dienst am Kunden. Dem Gesetz des freien Marktes gehorchend, ist er immer mindestens zehn Prozent billiger als die Konkurrenz, und auf Wunsch liefert er seine Ware ohne Aufpreis frei Haus.

Keine Droge auf der Welt, die man nicht bei Hess erhält: Das Angebot des geschäftstüchtigen Gemischtwaren-Händlers basiert auf einer reichhaltigen Auswahl an Cannabis-Produkten. Grüner Maroc und Schwarzer Afghane hat Marcel ebenso am Lager wie Gras und Hasch aus einheimischer Produktion. Einen weiteren Grossteil seines Umsatzes macht Marcel mit psycholytischen Pillen. LSD-getränkte Filzli sind bei ihm ebenso zu haben wie gemahlene Rauschkakteen aus Mexiko und Zauberpilze aus dem Jura. «Dank der Werbung in der Tagesschau und in den Zeitungen sind die Psylos zum echten Renner avanciert», sagt er. Doch seine Freude darüber wird getrübt von der Unzuverlässigkeit der Hippies, die die Magic Mushrooms sammeln: «Um die Nachfrage zu decken, müsste man die Dinger selbst anbauen.»

Harte Drogen führt der «Dealer aus Überzeugung» derzeit nicht: «Sugar kann mir sowieso gestohlen bleiben, und Koks gibts heute an jeder Strassenecke. Aber wenn du etwas Besseres willst als diesen synthetischen Zahnarzt-Verschnitt...» - Marcel würd es dir besorgen, auch wenn es nicht mehr richtig rentiert: «Beim Pulver sind die Margen komplett zusammengebrochen», klagt der Dealer.

Billiges Heroin

Thomas Ackermann (Name geändert) hingegen profitiert vom Preiszerfall bei den harten Drogen. Da er nur noch 50 Franken - statt wie früher 500 - für das Gramm Heroin bezahlen muss, kann er seine Sucht durch den vergleichsweise stressfreien Haschischhandel finanzieren. «Das Heroin», so Thomas, «ist heute so billig, dass sich jemand mit einem guten Job die Sucht leis-ten kann ohne zu verelenden.»

Ein gutbezahlter Job ist für Thomas aber so illusorisch wie ein Leben ohne Stoff. Deshalb hat der 33-Jährige ein florierendes illegales Kleingewerbe aufgebaut. Etwa 50 Stammkunden besuchen ihn regelmässig während seiner «Sprechstunde» zwischen fünf und zehn Uhr abends, um kleinere Mengen Haschisch für den Eigenbedarf zu erstehen. Nebenbei verdient er sich mit Gelegenheitsjobs ein legales Zubrot. «Ich tu ja niemand etwas Böses. Harten Stoff verkaufe ich aus Prinzip nicht, und ich biete den Leuten eine anständige Dienstleis-tung für einen korrekten Preis. Der Staat kann froh sein, dass ich mein Geld so verdiene und weder der Fürsorge auf der Tasche liege noch harmlose Bürger beklaue.»

Im Monat setzt Thomas zwischen 750 und 1000 Gramm um und erwirtschaftet damit einen Gewinn von 2500 bis 3500 Franken. Die Preise auf dem Haschischmarkt sind seit Jahrzehnten einigermassen stabil. Zwar schlägt sich der Druck, den die Uno derzeit auf die marokkanische Regierung ausübt, für den Händler in der Schweiz in höheren Einkaufspreisen und einer geringeren Marge nieder. «Für ein Kilo zahle ich im Moment 1000 Franken mehr als vor einem Jahr», sagt Thomas. «Doch das wird sich bald wieder geben.»

Das Haschischgeschäft in der Schweiz hat sich in den letzten Jahren stark verändert. Vor einigen Jahren hat Thomas, quasi als fliegender Händler, die Szenetreffpunkte in der ganzen Schweiz abgeklappert, um in kurzer Zeit grosse Mengen zu verkaufen. Heute spielt sich der Handel fast nur noch in Privaträumen ab. «Ich wüsste gar nicht mehr, wo ich hin muss, um den Shit auf der Gasse zu verkaufen. Ich habe den Eindruck, dass Heroin heute auf der Strasse einfacher zu bekommen ist als Hasch.»

Sein beschauliches Schattengeschäft hat Thomas' Lebensqualität enorm verbessert. Er lebt in einer bescheidenen, aber gemütlichen Wohnung, kann im Gegensatz zu früher ruhig und ohne Angstträume schlafen und ist in Freundeskreis und Nachbarschaft gut integriert. Als störend empfindet er einzig, dass immer mehr Schweizer Kiffer in ihren Kellern mit Natriumdampflampen ihr eigenes Spitzengras anbauen. «So langsam wird der zunehmende Eigenanbau geschäftsschädigend.»

«Vergiss Zürich»

Massimo Antoniazzi (Name geändert), 30, knallt seit elf Jahren. In seiner Junkie-Karriere hat er den Heroinhandel in allen erdenklichen Formen betrieben: «Angefangen hab ich als Kleinhändler im Freundeskreis.» Ein paar Monate lang war er Kurier auf der Strecke Mailand-Zürich, brachte es zwischenzeitlich sogar zum gutverdienenden Zwischenhändler. «Auf dem Trockenen bin ich damals nie gelegen.»

Als er im Knast landete, versorgte er als Halbgefangener die Mithäftlinge mit dem begehrten Stoff. Doch von diesem Karriereknick erholte sich Massimo nie mehr richtig. Zwar hat er sich inzwischen von der untersten Kategorie des Filterli-Fixers am Letten wieder zum Kleinsthändler hochgearbeitet. Doch das Geschäft vor dem Gassenzimmer ist alles andere als rentabel und dabei erst noch riskant. Heute haust Massimo in einer schäbigen Ein-Zimmer-Loge in einer mittelgrossen Stadt. «Zürich kannst du glatt vergessen», schimpft er. «Dort ist der Sugar heute so billig, dass es sich für die ausländischen Dealerclans gar nicht mehr lohnt, den Strassenverkauf einem Schweizer zu überlassen.» Und so finanziert sich Massimo seine Kicks vom Verkauf gestreckter Kleinstportionen an jene, die selber zuwenig Geld für die Einkaufstour nach Zürich zusammenkratzen konnten.

Den Stoff besorgt er sich bei einem Zürcher Privatdealer, der schon für Fünf-Gramm-Portionen Mengenrabatte gewährt. Massimo hütet sich, an seinem Wohnort Connections aufzubauen: «In Zürich kennt mich kein Mensch mit meinem richtigen Namen. Das Risiko, sozusagen nebenbei hopsgenommen zu werden, ist dementsprechend kleiner als am Wohnort, wo man je nachdem schon von jemandem verpfiffen wird, der einfach sauer auf einen ist.»

Für die ganz unerfahrenen Käufer hat Massimo immer auch ein paar linke Portionen in der Tasche. «Erstens tun denen die paar Franken eh nicht weh», und zweitens glaubt es Massimo vielleicht selbst, wenn er sagt. «Vielleicht hälts den einen oder anderen Foliensauger ja sogar vom Fixen ab, wenn er ein paarmal reinläuft . . .»

Zahlen und Fakten zum Drogengeschäft

Mit harten Drogen werden weltweit jährlich zwischen 300 und 700 Milliarden Franken erwirtschaftet. Der Drogenmarkt wirft damit mehr Profit ab als die Erdölwirtschaft.

In der Schweiz werden für harte Drogen pro Jahr zwei bis drei Milliarden Franken ausgegeben. Dies, obwohl der Stoff in den letzten Jahren etwa zehnmal billiger geworden ist. Der Schweizer Durchschnitts-Junkie ist 31 Jahre alt. Es gibt aber auch Methadon-Bezüger im AHV-Alter.

Die Methadon-Abgabe gräbt dem Schweizer Junkmarkt jährlich zirka 0,5 bis 1 Milliarde Franken ab.

In der Schweiz werden jährlich 30 Tonnen Cannabisprodukte verdampft.

Rohypnol wird auf der Gasse für 10 Franken pro Stück verkauft. Immer öfter von AHV-Rentnern (Packung à 30 Stück kostet 13 Franken, Selbstbehalt: 1.30 Franken).

Für die Repression gibt die Schweiz jedes Jahr 500 Millionen Franken aus. Mit bescheidenem Erfolg: Mehr als zehn Prozent des vorhandenen Rauschgiftes sind nach Ansicht von internationalen Experten auch mit den aufwendigsten Polizeimethoden nicht vom Markt zu fegen.

Die Zahl der Verzeigungen wegen Drogenkonsums und Handels hat sich zwischen 1990 und 1993 auf jährlich rund 38000 verdoppelt und ist seitdem stabil. Nur jede siebte verzeigte oder verurteilte Person ist weiblich.

Nur jeder 16., der von der Polizei erwischt wird, ist ein reiner Drogenhändler. 80 Prozent der Verzeigungen betreffen den reinen Drogenkonsum. Die meisten der Bestraften sind Haschisch-Konsumenten: 1994 waren dies 11 890 Personen.

«Aus Profitgier dealen die Wenigsten»

Thomas Kessler, Koordinator für Drogenfragen des Kantons Basel-Stadt

Herr Kessler, die breite Öffentlichkeit versteht unter einem Dealer einen Finsterling, der auf Schulhöfen Drogen an Kinder verkauft. Wie sieht es in der Realität aus?

Die Gruppe von Dealern, die mit Abstand am häufigsten verzeigt - und verurteilt - wird, sind Konsumenten, die mit dem Kleinhandel ihren Eigenbedarf finanzieren. Jene Dealer, die ohne Not und aus reiner Gewinnabsicht Stoff verkaufen, sind eine ziemlich kleine, aber immer raffinierter organisierte Gruppe. Eine wachsende neuere Dealergruppe sind ältere Menschen, die aus blanker finanzieller Not zum Beispiel die vom Arzt verschriebenen Rohypnol-Tabletten auf der Gasse verkaufen. Immer häufiger tauchen auch Dealer auf, die Cannabisprodukte oder Ecstasy aus ideologischen Gründen anbieten. Die lehnen aber nicht unser politisches System an sich ab wie früher die Hippies, sondern sehen ihre Geschäftstätigkeit als Widerstand gegen das Betäubungsmittelgesetz.

Welche Auswirkungen hat der Drogenhandel auf die Schweizer Gesellschaft?

Der Drogenhandel, wie wir ihn kennen, ist ein Produkt der Verbote. Durch ein Verbot können gigantische Gewinne mit einer Substanz erzielt werden, die eigentlich kaum etwas wert wäre. Diese Gewinnaussichten sind dermassen verlockend, dass dem Drogenhandel mit Druckmitteln, die den rechtsstaatlichen Regeln entsprechen, nicht beizukommen ist.

Die Folgen der Verbote sind über lange Zeiträume wissenschaftlich erforscht. Auch mit maximalem Kontrollaufwand ist es unmöglich, mehr als fünf bis zehn Prozent der Drogen zu beschlagnahmen. Das Drogenverbot fördert die Bestechlichkeit. Auch in der Schweiz haben in den letzten Jahren Bestechungsfälle stark zugenommen.

Durch die grossen Geldmengen, die im Drogenhandel umgesetzt werden, werden immer breitere gesellschaftliche Kreise in den Handel involviert. In der Türkei ist kürzlich bekanntgeworden, dass selbst höchste Regierungskreise Kontakte zur Drogenmafia haben. Im Nahen Osten ist es eher die Regel, dass sich Geheimdienste und Militär durch Drogenhandel finanzieren, und in Südamerika sind halbe Staatswesen bestochen. So weit sind wir noch lange nicht. Aber selbst im Kanton Zürich musste einer der härtesten Kritiker einer liberaleren Drogenpolitik, der SVP-Kantonsrat Eugen Kägi, sein Amt niederlegen, weil er über eine Verwicklung in den Kokainhandel stolperte.

Sie halten Repression also für die falsche Strategie im Kampf gegen den Drogenhandel?

Probleme der Volksgesundheit löst man nicht mit Strafgesetzen. In einem Vorort von Liverpool wurde Heroin an alle Süchtigen ärztlich abgegeben. Die Folge war, dass alle Probleme, die wir im Zusammenhang mit der Drogenszene kennen, praktisch verschwunden sind. HIV-Infektionen bei Süchtigen, Beschaffungskriminalität, die Zahl der Drogentoten und Gewaltverbrechen gingen drastisch zurück. Jetzt ist der Liverpooler Versuch gestoppt worden und die Situation präsentierte sich in kürzester Frist so schlimm wie zuvor. Es stellt sich natürlich die Frage, welche Ziele die Befürworter der repressiven Drogenpolitik eigentlich verfolgen. Die Mechanismen des Schwarzmarktes sind heute allgemein bekannt, und da von den Verboten nur der Drogenhandel profitiert, sind kritische Fragen nach den echten Motiven der Befürworter von Verboten nicht abwegig.

 

Zauberpilz Website Menü | Literatur | Artikel 17
Dokument drucken
webmaster@zauberpilz.com