Tages Anzeiger, 21.9.1998,
Stadt Zürich, Seite 17
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"Pilze machen, was sie wollen"

Was gut riecht, ist nicht unbedingt bekömmlich: Wer im Wald nach Pilzen sucht, tut gut daran, seinen Fund bei der Pilzkontrollstelle prüfen zu lassen.

Von Fiona Strebel

"Die hätten Sie nicht nehmen dürfen, die sind noch zu jung", tadelt Kontrolleur Vittorio Zani einen allzu eifrigen Sammler. Über 18 Kilogramm Pilze, vor allem Steinpilze, haben der Getadelte und sein Sohn zur Gratis-Pilzkontrolle im Schulhaus Limmat A im Kreis 5 getragen. Ob er wisse, dass pro Person nur ein Kilogramm erlaubt ist? "Sì, sì. Aber in unserer Familie sind wir 18", kommt es prompt zurück. "Es werden nur vorsortierte Pilze kontrolliert", sagt das Schild über dem grossen Tisch vor dem Kontrollraum. Prallgefüllte Körbe werden auf die Präsentierplatten geleert, die Pilze nach Sorten gehäufelt. Weniger routinierte Sammlerinnen und Sammler schauen dem Nachbarn über die Schulter. Ist die Auslegeordnung komplett, heisst es anstehen, bis man mit seiner Ernte an der Reihe ist.

Manche Leute bringen alles mit

Die eidgenössisch diplomierten Pilzkontrolleure Vittorio Zani, Hanspeter Kellerhals und Berti Hintermeister haben an diesem Wochenende alle Hände voll zu begutachten. "Es ist ideales Pilzwetter", erklärt Hanspeter Kellerhals den Ansturm, während er einen Pilzkontrollschein ausfüllt. Auf jedem Kontrollschein werden Name und Adresse des Sammlers, Anzahl und Gewicht der gefundenen sowie der konfiszierten Pilze notiert. "Bei den konfiszierten unterscheiden wir zwischen ungeniessbaren und tödlich giftigen Pilzarten", erklärt Kellerhals. Ob denn heute schon ein Knollenblätterpilz dabei war? "Nein, im Moment gibt es gar keine Knollenblätterpilze. Die Pilze machen, was sie wollen." Viele Leute, vor allem die Italiener, würden sich sehr gut auskennen und nähmen nur jene Pilze, die sie auch wirklich kennen, erzählt Kellerhals weiter. "Wir erleben aber auch immer wieder, dass die Leute einfach alles bringen."

Auch Verwechslungen seien nicht selten. Eine ist tödlich: Knollenblätterpilz, Hallimasch und Nebelkappe sehen sich ähnlich. Schleicht sich ein Knollenblätterpilz unter die Nebelkappen oder Hallimasche, wandert der ganze Fund in den Eimer.

Lieber rausdrehen als abschneiden

"Wir sind Anfänger", entschuldigt sich ein junger Mann, bevor er seine Ernte auf den Tisch legt. Er und seine thailändischen Bekannten freuen sich über jeden Pilz, der die Prüfung besteht. Fünfhundert Gramm fallen durch. Die Schopftintlinge und die Hallimasche dürfen mit nach Hause. Aber letztere müssen zuerst fünf Minuten gekocht, abgegossen und gewaschen werden. "Kommen eigentlich die Leute auch mit Magic mushrooms vorbei?" will der Mann von Vittorio Zani wissen. Der Pilzkontrolleur lacht. Halluzinogene Pilze würden natürlich, da sie giftig seien, konfisziert.

Ein Pilzliebhaber hat eine ganze Kollektion vor Hanspeter Kellerhals und Berti Hintermeister ausgebreitet: Boviste, Hallimasche, Riesenschirmlinge. Einer duftet besonders gut. Der Pilz, der so gut riecht, wandert aber in den Abfallsack: Der Rettichhelmling ist ungeniessbar.

Jemand möchte wissen, was gescheiter sei, die Pilze beim Pflücken abzuschneiden oder sie rauszudrehen. "Dem Pilz ist's egal", sagt Kellerhals, "aber für uns ist es einfacher, wenn sie rausgedreht werden. Dann hat man den ganzen Pilz, und das ist manchmal wichtig, um ihn zu bestimmen."

Ein junges Paar hat nur wenige Pilze mitgebracht. "Zwei haben wir nicht gekannt, aber es hat uns wundergenommen", erzählt die Frau. "Der eine ist gut, das ist ein Schopftintling", erklärt Kellerhals. "Den müssen Sie aber bald machen, der hält nicht lange." "Reicht morgen noch?" möchten die beiden wissen. "Im Kühlschrank schon", erwidert der Kontrolleur. Beim anderen seien sie nicht sicher, ob es ein Reizker sei, weil es zuwenig Grün obendrauf habe. "Es ist einer", bestätigt Kellerhals. "Super", freut sich das Paar und bekommt den Kochtip des Experten mit auf den Heimweg: "Reizker muss man braten, am besten mit Butter und etwas Zwiebeln."

Wochenendpilzkontrolle für private Sammler in der Stadt Zürich:

Schulhaus Limmat A,
Limmatstrasse 90

jeweils Samstag und Sonntag von 17 bis 19 Uhr
(vom 30. August bis 2. November).

BILDER THOMAS BURLA

Die guten darf Francesco Veneziano mit nach Hause nehmen.

 

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