Facts vom 15.10.1998
Nummer 42, Seite 128
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Gesellschaft

Drogen

High dir, Helvetia

Eine Drogen-Anthologie zeigt: Die Schweizer haben ein intimes Verhältnis zum Rausch.

VON STEPHANIE RIEDI
Ein Seidenkleid umschmiegt ihren Körper. In Händen hält sie einen kolossalen Joint; ihr Kopf balanciert einen roten Hut mit weissen Tupfen - eine Hommage an den Fliegenpilz. Derart gewandet machte «high» Helvetia vergangene Woche an der Frankfurter Buchmesse Furore. Die Schweizer Schutzpatronin warb für eine Neuerscheinung auf dem Buchmarkt: «Die berauschte Schweiz».

Das Kompendium zur Drogenkultur ist einzigartig, prickelnde Nabelschau und ernste Betrachtung des Drogenkonsums in einem. Einzigartig ist auch des Schweizers Verhältnis zum Rausch. Kein Land zeigt einen derart innovativen Geist, dem menschlichen Bewusstsein grenzüberschreitende Dimensionen abzugewinnen.

In der Schweiz wurden in den vierziger und fünfziger Jahren die beiden Halluzinogene LSD und Psilocybin entdeckt; hier blüht eine üppige Flora an psychoaktiven Pflanzen, und die Renaissance des Hanfes gedeiht wie nirgendwo sonst: In Ossingen befindet sich die grösste Hanfgärtnerei Europas, und mit «Higugegl» (Hanf ist gut und gibt eine gute Laune) wurde die Rauschparole für das dritte Jahrtausend postuliert. Auch Heroinabgabe an Schwersüchtige und in Gefängnissen haben die Schweiz weltweit in die Schlagzeilen gebracht. «Je tiefer ich hinter die Kulissen der sauberen Schweiz blicke, desto mehr erkenne ich die Tiefe der berauschten Kultur», sagt der deutsche Ethnopharmakologe Christian Rätsch, Mitherausgeber der Drogen-Anthologie «Die berauschte Schweiz».

Rätsch schildert im Buch seine erste Begegnung mit «La Fée Verte», wie der Absinth poetisch genannt wird. Mitte des 18. Jahrhunderts wurde der Wermutschnaps im verschlafenen jurassischen Val de Travers zum ersten Mal gebrannt und wird heute noch für seinen «alchimistischen Touch» gepriesen. Absinth berausche anders als normaler Schnaps, sagt Rätsch. Er stimuliere, mache wach. «Zum Teil wurde ich von aphrodisischen Gefühlen durchspült, zum Teil hatte ich ein Gefühl des Entschwebens.»

Das Loblied auf den Absinth-Rausch wurde oft angestimmt. Seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts avancierte «La Fée Verte» sukzessive zur Muse von Künslern. Oscar Wilde war dem Wermutschnaps zugetan, Ernest Hemingway, Vincent van Gogh. Die Popularität wurde der grünen Fee zum Verhängnis. Sie geriet als Abtreibungsmittel in Verruf; 1910 wurde Absinth gesetzlich verboten.

Mit dem Absinth geschah, was heute mit jeder illegalen Droge passiert: Er wurde in den Untergrund verbannt.

In privaten Destillerien des Welschlands werde fröhlich weiter gebrannt, sagt Rätsch, obwohl Schwarzbrennern Bussen von 100 000 Franken drohten. «Die Schweizer sind gegen Drogenverbote besonders resistent.» In der Tat: Rund 600 000 Schweizer sind bekennende Kiffer; vor rund einem Jahr wurde die Initiative «Jugend ohne Drogen» mit über 70 Prozent Nein-Stimmen abgeschmettert. Das habe ihn zur Publikation des Buches «Die berauschte Schweiz» inspiriert, sagt Verleger Roger Liggenstorfer. Die Schweizer Drogenpolitik habe sich in den letzten Jahren durch Offenheit ausgezeichnet.

Ende November kommt die «Initiative für eine vernünftige Drogenpolitik» vors Volk. «Die berauschte Schweiz» mit ihren Beiträgen, den neusten Zahlen, Fakten und einer Landkarte, auf der bekannte Fundorte von psychoaktiven Pflanzen eingetragen sind, dürfte im Vorfeld der Abstimmung zu angeregten Diskussionen führen. Das Buch ist ein süffiger Cocktail, gemixt aus anregenden und horizonterweiternden Ingredienzen.

Die Herausgeber, Roger Liggenstorfer, Christian Rätsch und Agnes Tschudin, konnten renommierte Fachleute und eingeschworene Rauschliebhaber für ihr Buchprojekt gewinnen: Chemiker Albert Hofmann porträtiert sein «Sorgenkind LSD»; die Zürcher Altstadträtin Emilie Lieberherr schildert Kämpfe und Krämpfe rund um die Heroinabgabe; der deutsche Sozialwissenschaftler Günter Amendt analysiert die Kultur der Toleranz.

Trotz aller Offenheit gibt es immer noch Widerstände aus der Ecke moralinsaurer Konservativer. Dies zeigt der Beitrag «Anekdote zum Schweizer Wein». Die Weinfirma OSD (Organisation Frédéric Dubois SA in Genf) verbot den Herausgebern, ein Kapitel des Buches «Schweizer Wein» in «Die berauschte Schweiz» aufzunehmen. Die legale Drogenlobby wollte nicht mit illegalen Rauschmitteln in Verbindung gebracht werden.

Auf der Frankfurter Buchmesse wurden die Verleger und Autoren mit Weiss- und Rotwein empfangen. «High» Helvetia mit Fliegenpilzhut hingegen blieb nüchtern: Der Joint war Attrappe.

helvetia mit fliegenpilzhut

An der Frankfurter Buchmesse warb eine Helvetia mit Fliegenpilzhut und Joint für das Buch «Die berauschte Schweiz».

Roger Liggenstorfer, Christian Rätsch, Agnes Tschudin, «Die berauschte Schweiz», Nachtschatten Verlag, Solothurn, 312 Seiten, 48 Franken
schweizer drogen

Engelstrompeten

Traurige Berühmtheit erlangte die gängige Zierpflanze diesen Sommer durch den Tod einer jungen Frau in Zürich. Engelstrompeten wirken halluzinogen und bereits in geringen Dosen toxisch.

Spitzkegliger Kahlkopf

Für den Zauberpilz fahren Liebhaber aus der ganzen Schweiz in den Jura. Er kommt auch bei Zürich und auf vielen Almen vor. Die zahnstocher- dünnen Pilze rufen Visionen und oft Lachkrämpfe hervor.

Fliegenpilz

Landläufig gilt der Fliegenpilz als giftig. In winzigen Dosen jedoch wirkt er halluzinogen. Laut Ethnopharmakologe Christian Rätsch nutzen ihn einige Schweizer Skifahrer als Dopingmittel.

Klatschmohn

Die rote Pflanze ist der kleine Bruder des Schlafmohns, des Opiumlieferanten. Klatschmohn hat leicht betäubende Wirkung. Er wurde früher zur Zähmung widerspenstiger Kinder und als Schlafmittel angewandt.

 

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