Das Hauptrisiko bei Verwendung psilocybinhaltiger Pilze - Verwechslung der Arten
Von Jochen Gartz aus dem Jahrbuch für Transkulturelle Medizin und Psychotherapie 1995
Zusammenfassung
Die Verwendung psilocybinhaltiger Pilze läßt sich für das alte Mexiko erstmalig nachweisen und ist heute in weiteren Teilen Amerikas, in Australien, Europa und anderswo verbreitet. Ernsthafte, akute Nebenwirkungen wie Krämpfe wurden nur bei Kindern beobachtet, die unbeabsichtigt Psilocybe- und Panaeolus-Arten zu sich nahmen. In dieser Studie werden psychologische Reaktionen beim Verzehr entsprechender Pilze beschrieben, die durch variable Alkaloidmengen sehr verschieden sein können. Besonders bei Jugendlichen kann gelegentlich psychotisches Verhalten mit Panik induziert werden, das jedoch schnell wieder abklingt. Gewöhnlich ist die Pilzverwendung auf wenige Applikationen beschränkt und stellt insgesamt keine Gefahr für die Gesellschaft dar. Die Möglichkeit der versehentlichen Aufnahme hochtoxischer Arten ist eine weitaus größere Gefahr als der zeitlich limitierte Gebrauch psychoaktiver Spezies. Insbesondere Pilze der Gattung Galerina können auf den gleichen Substraten (Holzreste) wachsen wie manche halluzinogene Psilocybe-Arten. Die Amatoxine dieser Arten verursachen so durch Verwechslung schwere und oft tödliche Vergiftungen. Jedoch zeigen diese Giftpilze keine blauen Verfärbungen wie die meisten Psilocybin bildenden Spezies. Ferner wird auf die Mykophobie bezüglich psychoaktiver Arten eingegangen.
Gliederung
Einleitung
1. Pharmakologisch-medizinische und andere Aspekte psychoaktiver Pilze
2. Verwechslungsmöglichkeiten der psychoaktiven Spezies mit potentiell tödlichen Giftpilzen
3. Schlußfolgerungen
4. English Summary
5. Abbildungen
6. Literatur
Einleitung
ROBERT GORDON WASSON und seine Frau VALENTINA PAWLOWNA kreierten in the 50er Jahren als Ergebnis langjähriger Forschungen zum Wechselverhältnis höherer Pilze und Gesellschaft die Ethnomykologie und konnten als ein Höhepunkt ihres Schaffens am 29. Juni 1955 erstmalig an einer Heilungszeremonie mit psychoaktiven Pilzen der Gattung Psilocybe in Huautla de Jiminez in Mexiko teilnehmen (GARTZ 1993: 35, 89). Daran schloß sich eine fruchtbare Zusammenarbeit mit R. HEIM auf mykologischem Gebiet an und schließlich konnte A. HOFMANN als Wirkprinzip der halluzinogenen Pilze das Psilocybin und als Nebenalkaloid das instabilere Psilocin isolieren, über deren Strukturaufklärung und Synthese 1958 berichtet wurde (BADHAM 1984: 149ff; POLLOCK 1975: 73ff).
Unmittelbar danach wurde Psilocybin als Reinsubstanz analog wie vorher schon das LSD im pharmakologischen Rahmen getestet und schließlich begonnen, die Substanz in der psycholytischen Therapie anzuwenden (ABOUL-ENEIN 1974: 91ff; PARASHOS 1976/77: 83ff). Glücklicherweise begannen diese erfolgversprechenden Versuche vor der zeitweise recht verbreiteten Verwendung der Halluzinogene vor allem des LSD in den 60er Jahren und die Resultate konnten so wissenschaftlich objektiv und noch ideologisch ungefärbt dargestellt werden.
So wurde folgendes Resümee aus einer der ersten pharmakologischen Studien bei Berücksichtigung der ethnopharmakologischen Erkenntnisse gezogen:
"Dieses vorwiegend introversive Wirkungsbild des Psilocybins und das Fehlen triebanregender beziehungsweise enthemmender Auswirkungen der Substanz betrachten wir als einen pharmakologisch bedingten Anteil daran, daß die heiligen Pilze den Mexikanern nicht verhängnisvoll wurden. Anderen Gefährdungsmöglichkeiten des Individuums, das sich dem Genuß der Halluzinogene hingibt, wirken die rituellen Gebote entgegen" (RÜMMELE & GNIRSS 1961: 381).
In den letzten 30 Jahren hat sich die Verwendung psilocybinhaltiger Pilze über die ganze Welt verbreitet, so vor allem in Australien (SOUTHCOTT 1974: 441ff) und den USA (BEUG & BIGWOOD 1982: 271ff; WEIL 1977: 131ff), aber auch in Europa (CARTER 1976: 59; HARRIES & EVANS 1981: 571) sowie auch in anderen Ländern (POLLOCK 1975: 73ff). Dieses umfangreiche Untersuchungsmaterial erlaubt es heute, das Gefahrenpotential bei Verzehr halluzinogener Pilze hinreichend abzuschätzen und mit den Schlußfolgerungen von 1961 bezüglich der rituellen Anwendung in Mexiko zu vergleichen. Der vorliegende Artikel versucht daher eine entsprechende Analyse, ohne moralisierende oder ideologisch gefärbte Aspekte (,,psychedelisch versus psychodysleptisch") einfließen zu lassen. Dabei erfolgt keine Einbeziehung des Fliegenpilzes (Amanita muscaria) mit seinem differenten Wirkungsspektrum im Vergleich zu den psilocybinhaltigen Pilzen.
1. Pharmakologisch-medizinische und andere Aspekte psychoaktiver PilzePsilocybin als Reinsubstanz ist nur sehr wenig akut toxisch und bisher sind irreversible Schäden an Organsystemen nie nachgewiesen worden (ABOUL-ENEIN 1974: 91ff; AUERT, DOLEZAL, HAUSNER & SEMERDZIEVA 1980: 835; GARTZ 1993: 115ff; VAN WENT 1978: 325). Psychoaktive Pilze enthalten zwischen 0,1-2% Alkaloide im Trockenmaterial (BEUG & BIGWOOD 1982: 271ff; SEEGER 1985: 65) und es gibt Schätzungen, daß man von Pilzen mit etwa 0,5% Wirkstoffgehalt sein eigenes Körpergewicht an frischen Pilzen essen müßte, um die im Tierversuch festgestellten letalen Dosierungen zu erreichen (BADHAM 1984: 249ff). Auch wenn der Mensch wie bei anderen psychoaktiven Substanzen wahrscheinlich empfindlicher als das Tier reagiert, bleibt eine mehrhundertfache Sicherheitsspanne zwischen psychoaktiver und letaler Dosis. Unterschiedliche Wirkungstoffkonzentrationen in Plizarten bedingten sehr wahrscheinlich die berichtete differente Reaktionsweise bei Kindern. Die berühmte mexikanische Heilerin Maria Sabina, die den WASSONS das Geheimnis der "Zauberpilze" offenbarte, teilte mit, daß sie bereits als Kind die Pilzwirkung erfahren hatte (ESTRADA 1980: 6ff). Dagegen starb 1960 ein Kind in Milwaukie, Oregon (USA), nach dem Verzehr von Pilzen unter Krämpfen, die heute als Psilocybe cyanescens Wakefield (Abb. 1) angesehen werden (MCCAWLEY, BRUMMETT & DANA 1962: 27ff). Diese Pilzart kann das Zehnfache an Psilocybin als einzelne mexikanische Arten enthalten! (BADHAM 1984: 249ff; BEUG & BIGWOOD 1982: 282ff).
Die pharmakologischen Eigenschaften und der Abbau des Psilocybins im kindlichen Körper sind wahrscheinlich anders als beim Erwachsenen, vielleicht nur bei höherer Dosierung. Auch beim versehentlichen Verzehr des hochpotenten Düngerlings Panaeolus cyanescens (Bk. & Br.) Sacc. (Abb. 1) 1966 in Frankreich reagierten nur die beiden Kinder unter Krämpfen, hier allerdings war der Ausgang nicht letal. Diese Erscheinungen sind mit Sicherheit rein pharmakologischer Natur und nicht "set" und "setting" anzulasten (GARTZ 1993: 118; HEIM, HOFMANN & TSCHERTER 1966: 519ff).
Wahrscheinlich kann Psilocybin bei Kindern gelegentlich latente Epilepsien akut manifestieren, sehr seltene Fälle der Induktion entsprechender Anfälle bei Erwachsenen durch LSD werden ebenfalls erwähnt (POLLOCK 1975: 73ff). Während rein pharmakologisch bedingte Überdosierungen bei Erwachsenen und Jugendlichen nach heutiger Kenntnis somatisch nicht bedrohlich sind, kann die Verwechslung unterschiedlicher psychoaktiver Pilze durch sehr verschiedene Wirkstoffkonzentrationen psychologische Probleme beim Pilzesser verursachen. So ist z.B. im Pazifischen Nordwesten der USA die Psilocybe stuntzii Guzman & Ott an den gleichen Standorten (Holzabfälle) zu finden wie Psilocybe cyanescens und beide sind recht ähnlich (STAMETS 1982: 100ff). Letztere kann jedoch ebenfalls das Zehnfache an Wirkstoff enthalten (BEUG & BIGWOOD 1982: 282ff). Dadurch tritt bei versehentlichen Verzehr der Psilocybe cyanescens statt einer gewohnten und recht milden introvertierten Reaktion ein plötzliches Erleben mit möglicher totaler Verkennung der Umgebung und verschiedener akuter Persönlichkeitstransformationen auf (GARTZ 1993: 38ff), die schizophrenieartig erscheinen können (PARASHOS 1976/77: 83ff).
Zahlreiche akute Überdosierungen sind vor allem aus Großbritannien beschrieben worden, die sich beim Verzehr größerer Mengen vom Spitzkegeligen Kahlkopf Psilocybe semilanceata (Fr.) Kumm. (Abb. 2) ereigneten, welche die verbreiteste psychotrope Pilzart Europas ist und im Durchschnitt den hohen Gehalt von 1% in Trockenpilzen akkumuliert (GARTZ 1993: 21ff). Auffällig ist, daß selbst bei unbeabsichtigtem Verzehr halluzinogener Pilze anstelle von Speisepilzen trotz sehr ungünstigem "set" und "setting" Erwachsene gelegentlich sehr euphorisch den veränderten Bewußtseinszustand erlebten (BERGNER & OETTEL 1971: 61; BUCK 1967: 39ff; GARTZ & DREWITZ 1986: 551ff; WATLING 1977: 187ff), während Jugendliche selbst bei absichtlicher Verwendung als psychoaktive Substanz oft unfähig waren, die Erlebnisse zu integrieren und mit Panik reagierten. So wurden 1978 33 und 1981 sogar 142 Personen in Großbritannien wegen akuter Panikzustände nach Verzehr von Psilocybe semilanceata behandelt, deren Durchschnittsalter zwischen 15 und 19 Jahren lag (FRANCIS & MURRAY 1983: 349ff). Andere Autoren beschrieben analoge Symptome und betonten, daß Magenspülungen bei Ausschluß anderer Pilzarten unnötig sind und als drastische Maßnahme durch die vorherrschende Hypersuggestibilität Aggressivität und Panik erst erzeugen können (HARRIES & EVANS 1981: 571; PEDEN, PRINGLE & CROCKS 1982: 417ff).
Es scheint, daß durch teilweise unangemessenes Eingehen auf die Patienten in der nüchternen Krankenhausatmosphäre in einigen Fällen Panik verstärkt oder sogar erst hervorgerufen wurde. Auch die australischen Erfahrungen (SOUTHCOTT 1974: 441ff) bestärken den Eindruck, daß jugendliches Alter, gekoppelt mit hohen Wirkstoffkonzentrationen in den Pilzen die Hauptursachen für akute Panikzustände waren. In dieser Altersstufe ringt der Mensch mit sich und seiner Umgebung darum, einen festen Platz im Leben zu finden: Konflikte tauchen in großer Zahl auf und müssen durchgearbeitet und integriert werden. Psilocybin und andere Halluzinogene sind nun dafür prädestiniert, einen Strom neuer Emotionen und Konflikte neben den veränderten Wahrnehmungen aufsteigen zu lassen, die bei Jugendlichen besonders verwirren können, da sie schon auf den vorhandenen Konfliktstoff treffen und das schon labile Gleichgewicht bedrohen. Während kleinere Dosierungen von Psilocybin oft nur die abstrakte und ästhetische Ebene eines möglichen Erlebens berühren können (GROF 1975: 55ff) greifen größere Dosierungen tief in psychodynamische Prozesse ein. Dieser Mechanismus entspricht den Grundzügen der psycholytischen Therapie (GARTZ 1993: 121ff).
Trotz der berichteten Panikzustände ist auffällig, daß keine tiefgreifenden und nachteiligen psychologischen Folgezustände nach Abklingen der Pilzwirkungen beschrieben worden sind. Abgesehen davon, daß die 318 Fälle in Großbritannien nur die "Spitze des Eisberges" der Verwendung darstellten, traten keine schweren physischen Symptome oder gar nachfolgende Psychosen auf (FRANCIS & MURRAY 1983: 352). Der kurze Bericht eines Medizinstudenten aus Manchester über das Auftreten einer schweren Depression mit körperlichen Begleitsymptomen für die Dauer von 3 Monaten bei einem 24 jährigen Mann ("persistent psychiatric symptoms") (BENJAMIN 1979: 319ff) überzeugte dagegen nicht, da der Patient in Zeiten persönlichen Stresses auch noch andere Substanzen einnahm. Auch bei Jugendlichen scheint daher die einzige signifikante Gefahr, die von den Pilzen ausgehen kann, allerdings recht leicht auslösbare Panikzustände zu sein, die das Individuum und die Umgebung unter Umständen gefährden können, da das Erlebnis nun nicht mehr nur introvertiert sich manifestiert. Gleichzeitig liegt in dieser nicht eingleisigen pharmakologischen Wirkung des Psilocybins, die von "set" und "setting" modifiziert wird und sich so nicht zur ständigen Erzeugung euphorischer Stimmung wie bei den echten Suchtmitteln verwenden läßt, der limitierende Faktor im Gebrauch der Pilze und auch anderer Halluzinogene. Gleichlautend wurde bei der Pilzverwendung in Kalifornien nur vom "experimentellen Gebrauch" gesprochen, d.h. fast ausschließlich werden die Pilze höchstens zehnmal selbst appliziert (SIEGEL 1985: 7ff). Andere amerikanische Analysen bestätigen diese Feststellungen und weisen daraufhin, das Pilzesser analog wie Marihuanaraucher auch zur Verwendung zusätzlicher psychoaktiver Substanzen neigen, was aus der Persönlichkeitsstruktur resultiert (THOMPSON, ANGLIN, EMBODEN & FISCHER 1985: 111ff). Diese Untersuchungen wurden allerdings auf Studenten beschränkt. Hier wird die relativ leicht kultivierbare Psilocybe cubensis (Earle) Sing. hauptsächlich in interessierten Großstadtzirkeln verwendet (Abb. 3). Sie führt mit einem geringeren Wirkstoffgehalt unter 1% der Trockenmasse (BADHAM 1984: 249ff) seltener zu Überdosierungen als Psilocybe semilanceata oder Psilocybe cyanescens. Aus der geringen Anzahl nur milder akuter Nebenwirkungen und der zeitlichen Limitierung der Pilzverwendung wurde in Analogie zu einer englischen Studie (FRANCIS & MURRAY 1983: 349ff) geschlossen, daß durch Verwendung psychoaktiver Pilze keine signifikante Gefahr für die Gesellschaft vorliegt (THOMPSON, ANGLIN, EMBODEN & FISCHER 1985: 122ff).
Damit übereinstimmend dokumentierte das staatliche "Netzwerk zur Warnung vor Drogenmissbrauch" (DAWN) in den USA, welches Daten aus allen Bundesstaaten auswertet, für 1982 nur 31 notwendige klinische Behandlungen nach der Einnahme psilocybinhaltiger Pilze, die teilweise sogar noch in pharmakologisch unübersichtlicher Kombination mit anderen Substanzen verwendet wurden. Im Vergleich dazu mußte LSD in 1498 Fällen genannt werden, obwohl namhafte Experten zu dieser Zeit einschätzten, daß die Zahl der Verwender halluzinogener Pilze erstmalig die der LSD-Konsumenten überstieg (THOMPSON, ANGLIN, EMBODEN & FISCHER 1985: 122ff).
2. Verwechslungsmöglichkeit der psychoaktiven Spezies mit potentiell tödlichen Giftpilzen
Schon sehr frühzeitig richtete sich die wissenschaftliche Aufmerksamkeit auf die hochtoxischen Gifte der Amanita-Arten (Knollenblätterpilze), die für über 90% aller tödlich verlaufenden Pilzvergiftungen verantwortlich sind (BRESINSKY & BRESL 1985: 26). Die wichtigsten dieser Giftstoffe sind die Amatoxine, deren toxikologisch bedeutenste Vertreter das ±- und ²-Amanitin darstellen. Trotz vieler therapeutischer Bemühungen führen entsprechende Intoxikationen oft zum Tode, besonders wenn größere Mengen an Pilzmaterial aufgenommen wurden. Hauptgrund für die hohe Letalität ist die sehr lange Latenzzeit (ca. 10 Stunden), wobei bereits die Leberzerstörung beginnt. Danach setzt sehr plötzlich eine gastrointestinale Phase ein (12-48 h) und nach einer trügerischen Besserung von etwa 12-24 h schreitet die Erkrankung in schweren Fällen rasch bis zum tödlichen Leberkoma fort (BRESINSKY & BRESL 1985: 18; FLAMMER & HORAK 1980: 10ff). Signifikant für unsere Betrachtungsweise ist, daß die gleichen Toxine in etwas geringer Menge auch in der Gattung Galerina (Häubling) in Europa und Nordamerika nachweisbar sind. So enthält die europäische Galerina marginata (Fr.) Kühn. etwa ein Fünftel an Amanitinen wie Knollenblätterpilze. Galerina-Arten können Holzreste besiedeln und treten somit an Standorten auf, die auch halluzinogene Psilocybe-Spezies in Nordamerika besiedeln. Im Herbst 1991 fand ich Psilocybe stuntzii mit einer Galerina-Art nahe Olympia (Washington) so innig verwachsen, daß schießlich erst durch eine Analyse des Sporenabdruckes die Differenzierung möglich wurde. Im Gegensatz zu anderen Arten solcher Standorte wie Psilocybe cyanescens blaut die Psilocybe stuntzii bei Druck oder spontan im Alter meist nur wenig, die Abgrenzung zu den nicht blau verfärbenden Galerina-Arten kann dadurch schwierig sein. Die Gefährlichkeit einer solchen Verwechslungsmöglichkeit illustriert das folgende tragische Beispiel (BEUG & BIGWOOD 1982: 285):
"Am 16. Dezember 1981 sammelten drei Jugendliche eine Galerina-Art, wobei sie die Pilze mit einer Psilocybe-Art verwechselten. Sie wurden krank, verschwiegen die Krankheit aber zwei Tage lang, weil sie Angst hatten, wegen des Gebrauchs von Psilocybin verurteilt zu werden. Nach der folgenden medizinischen Behandlung erholten sich zwei Jugendliche. Das Mädchen, jedoch, 16 Jahre alt, starb am 24. Dezember 1981."
Es ist bekannt, daß in Nordamerika mehrere Galerina-Arten Amatoxine enthalten, hier erfolgte aber keine Differenzierung der die Intoxikationen verursachenden Spezies. Obwohl auch andere toxische Pilzarten durch Verwechslung so irrtümlich aufgenommen werden können, stellen die Amatoxine bildenden Arten die bei weitem größte Gefahr da. In Europa sind die Holzreste bewohnenden Arten (noch) nicht weit verbreitet. Die zunehmende Verbreitung des Mulches wird zukünftig zur Verbreitung von Pilzen wie Psilocybe cyanescens beitragen, die sehr schnell und aggressiv mit dicken Myzelfäden diese Substrate besiedeln. Galerina marginata wächst allerdings eher auf morschem Nadelholz und wurde auf Mulch noch nicht gefunden. Eine Verbreitung von analogen Galerina-Arten wie in Nordamerika ist durch den Einsatz von Mulch längerfristig allerdings ebenfalls denkbar. Psilocybe semilanceata als wichtigster psychoaktiver Pilz Europas wächst auf gedüngten Böden wie Weiden und ist durch den spitzen, gerieften Hut mit leicht abziehbarer Oberhaut sowie durch den elastischen, gekrümmten und weißlichen Stiel mit eher diskreter Blauungsmöglichkeit, besonders an der Basis, charakterisiert und gut erkennbar (Abb. 2). Dabei ist zu beachten, daß die Hüte feucht dunkelbraun (hygrophan) und beim Trocknen ockerfarbig werden. Entsprechend dieser Charakteristik konnten keine Verwechslungen mit anderen Pilzen bei 318 beschriebenen Fällen nachgewiesen werden (FRANCIS & MURRAY 1983: 352).
Es wurde zwar ein Fall erwähnt, bei der die Psilocybe-Art mit der toxischen Inocybe geophylla (Sow. ex. Fr.) Kumm., die Muscarin enthält, verwechselt wurde, jedoch war die Intoxikation nicht letal (WATLING 1983: 53ff). Diese Pilze sind einander kaum ähnlich. Jedoch muß man sich wundern, was für verschieden aussehende Pilze trotzdem verkannt werden können. Bei von uns näher untersuchten Fällen wurden Speisepilze mit völlig anders aussehenden Panaeolus-Arten (BERGNER & OETTEL 1971: 61) sowie einer "neuen" Inocybe-Spezies (GARTZ & DREWITZ 1986: 551ff) verwechselt, die halluzinogen wirkten. Schließlich ist noch zu erwähnen, daß in den Südstaaten der USA die stark blauende Psilocybe cubensis (Abb. 3) relativ häufig mit einer ebenfalls einen Ring ausbildenden Chlorophyllum-Art verwechselt wird, die heftige, aber vorübergehende Magen-Darmreizungen induziert, aber nicht blauverfärbt.
3. Schlußfolgerungen
Das vorliegende, umfangreiche Untersuchungsmaterial zur Verwendung psychoaktiver Pilze in neuerer Zeit zeigt eindeutig auf, daß es in Analogie zur australischen "Pilzepidemie" Ende der 60er Jahre (SOUTHCOTT 1974: 441ff) zum kurzzeitigen, breiten Gebrauch kommen kann, indem von interessierten Kreisen versucht wird, das Halluzinogen als Modedroge zu etablieren, was jedoch dauerhaft nicht gelingt. Die katalytische Wirkung des Psilocybins auf seelische Vorgänge führt nicht zur vorhersehbaren, konstant euphorischen Wirkung, die Anwendung limitiert sich zeitlich in der Regel dadurch selbst. Bei niedriger Pilzdosierung trifft die Charakterisierung des Wirkungsprofils entsprechend des klassischen Zitats der Einleitung zu, wobei bei höherer Dosis besonders bei Jugendlichen in einem unstrukturierten Rahmen differente Wirkungsbilder beobachtet werden können, die nicht mehr nur introvertiert verlaufen und bis zur akuten Panikreaktion sich manifestieren. Gewöhnlich klingt diese mit Nachlassen der Pilzwirkung folgenlos ab. Eine längerfristige, jedoch nur gelegentliche Verwendung ist in intellektuellen "psychedelischen Kreisen" anzutreffen, die eine eher unbedeutende Randgruppe darstellen und die Pilze in einem ähnlichen Rahmen einnehmen, wie er von Mexiko beschrieben worden ist, wobei auch das Aufsteigen der "Schattenseite der Psyche" als Selbsterfahrung akzeptiert wird.
Die mit Abstand größte Gefährdung liegt beim Verwechseln der psychoaktiven Pilze mit potentiell tödlich wirkenden Arten anderer Gattungen vor, hier vor allem Galerina-Spezies, die Amatoxine bilden können und ähnliche Standorte (Holzreste) bewohnen. Die Beweggründe für die auch im deutschen Schrifttum anzutreffende Verknüpfung von Fakten zur Pilzwirkung mit ideologisch gefärbter Mykophobie (BRESINSKY & BESL 1985: 112ff) kommt bereits in einem ausgewogenen, frühen Werk über die LSD-Kontroverse deutlich zum Ausdruck und trifft aus heutiger Sicht auch auf die psilocybinhaltigen Pilze zu:
"Und wenn LSD auch keine Suchtgefahr birgt und bei den meisten keine schädlichen Nachwirkungen zeigt - um so schlimmer. Ein prominenter Psychologe sagt dazu: die Vorstellung, daß Drogen Vergnügen verschaffen, ohne dafür einen Preis zu verlangen, steht im Widerspruch mit unserer puritanischen Moral" (CASHMANN 1966: 139).
The primary risk of using hallucinogenic mushrooms: misidentification of the species
This paper examines the usage of psilocybin-containing mushrooms from an initial perspective of their historic usage in ancient Mexico to their relatively recent spread to other areas of the world, including America, Australia and Europe. Serious acute side effects of Psilocybe mushroom ingestion have only been reported in the context of accidental poisonings in children via Psilocybe and Panaeolus species. A range of psychological responses are noted in this study. Variations in alkaloid composition across different species can cause transient psychotic states with panic reactions, particularly in adolescents. However; these effects are usually short-lived. In most cases, the usage of the mushrooms is inherently self-limiting and does not pose a danger to society in general. The possibility of accidental ingestion of highly toxic species of fungi must also be considered, as this poses a far greater danger than any risks associated with usage of the psychoactive species. This mainly occurs with species of the genus Galerina, which can grow at the same locations as the hallucinogenic species. In cases of mistaken ingestion of these species, the amatoxins in these mushrooms induce often fatal illnesses. Unlike most Psilocybe species, these toxic fungi do not turn noticeably blue. Finally, some facts about mycophobia toward psychoactive mushrooms are discussed.
5. Abbildungen
Abb. 1: Panaeolus cyanescens von Hawaii
Fig. 1: Panaeolus cyanescens from Hawaii
Abb. 2: Psilocybe semilanceata auf Kompost
Fig. 2: Psilocybe semilanceata on compost
Abb. 3: Psilocybe cubensis auf Pferdedung/Reis-Gemisch
Fig. 3: Psilocybe cubensis on horse dung/rice grain mixture
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