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5.2
Biogene Substanzen
(Fortschreibung zum Rauschgiftjahresbericht 1996)
Die Anwendung
von Pflanzen, Kräutern und Sträuchern zur Erzeugung bewußtseinsverändernder
Zustände erfreute sich in den letzten Jahren stetig wachsender Beliebtheit.
Seit Beginn der 90er Jahre bemerkt die mitteleuropäische Drogenhilfe
eine Veränderung im Konsummuster und in der Mißbrauchsfrequenz.
Auffällig wurde die Veränderung der Konsumgewohnheiten bei jungen
Abhängigen durch die Verwendung von synthetischen Drogen.
Im Schatten der "Designerdrogenwelle" entwickelten sich Abhängigkeiten
von Wirkstoffen pflanzlicher Herkunft.
Während
das Wissen über die Pharmakologie und den psychischen Effekt biogener
Substanzen in der Bevölkerung eher gering ist, existiert innerhalb
der Szene ein gelegentlich fachlich verblüffendes, jedoch häufig
durch Gerüchte genährtes Teilwissen. Darüber hinaus wird
die Anwendung in Form von Tee bzw. Kräuterextrakten von den Nutzern
als natürlich und unschädlich angesehen.
Wie bei anderen
Drogen besteht auch bei den biogenen Suchtstoffen die Gefahr der Überdosierung,
der Abhängigkeitsentwicklung und der unkontrollierbaren Nebenwirkungen.
Die Nutzungshäufigkeit dieser Suchtstoffe gewinnt zunehmend an Bedeutung.
Allein in der einheimischen Flora sind mindestens 60 Arten mißbräuchlich
zu nutzen oder ohne nennenswerten Aufwand nutzbar zu machen.
Die interkontinentale
Mobilität, der internationale Warenfluß und eine zunehmende
ethnische Immigration führten zu einem weiteren potentiellen, aber
auch tatsächlichen Import von mißbrauchsfähigen Substanzen
sowie einer Verbreitung von Mißbrauchsgewohnheiten fremder Regionen.
In einschlägiger Szeneliteratur werden zwischenzeitlich Bezugsadressen
psychoaktiver Pflanzen von Südafrika über Indien bis Hawaii
aufgeführt. Neben den bereits erwähnten einheimischen Pflanzen
kommen insbesondere nachfolgenden Pflanzenarten besondere Bedeutung im
Zusammenhang mit der Mißbrauchsfähigkeit zur Rauschentwicklung
zu:
Psilocybe-Arten
Die Blätterpilze
Psilocybe zählen zu den häufigsten mißbrauchten biogenen
Substanzen. Sie wurden bereits von den Azteken als Rauschdrogen bei Kult-handlungen
eingesetzt.
Die Hauptwirkstoffe Psilocybin und Psilocin treten in einer Vielzahl von
Pilzen aus dem tropischen, aber auch aus dem mitteleuropäischen Raum
auf.
Eine gewisse Bedeutung und Verbreitung kommt insbesondere folgenden Gattungen
zu:
Spitzkegliger
Kahlkopf (Psilocybe semilanceata)
Blaufleckender Kahlkopf (Psilocybe cynescents)
Dunkelrandiger Düngerling (Panaeolus subbalteatus)
Runzeliger Düngerling (Panaeolus retirugis)
Auch in Rißpilzarten
(Inocybe) und Nabelingen (Gerronema) kommt der Wirkstoff Psilocybin, wenn
auch in wesentlich verringerter Konzentration, vor.
Nach polizeilichen Erkenntnissen hat sich für Psilocybin bereits
ein nicht unerheblicher Markt gebildet. Getrocknete Psilocybe-Pilze werden
samt Einnahmerezepturen mit Aufzuchtanleitungen und Erntegarantien illegal
gehandelt.
KHAT (Catha edulis)
Die Pflanze
Catha edulis ist im gesamten östlichen Teil Afrikas ein weitverbreiteter
Strauch, der selbst in Höhen bis 1.800 Meter vorkommt.
Der Khat-Strauch wächst wild, wird aber auch zur Gewinnung der rauscherzeugenden
Blätter systematisch angebaut. Die als Drogen gehandelten Blätter
werden gekaut und sind bei der ostafrikanischen und arabischen Bevölkerung
weit verbreitet.
Die Hauptwirkstoffe des Khats sind das Cathinon sowie Norephedrin und
Norpseudoephedrin. Cathinon hat eine ähnliche pharmakologische Wirkung
wie Amphetamin, jedoch in abgeschwächter Form.
Medizinische Folgen des Khatkonsums sind einerseits eine Erregung des
zentralen Nervensystems mit der Folge einer gesteigerten Motorik sowie
andererseits die Hemmung des Appetits und eine Abnahme der sexuellen Funktion.
Eine massive Abmagerung und eine Anfälligkeit für Infektionen
sowie psychische Abhängigkeit und Persönlichkeitszerfall sind
bei Dauerkonsumenten aus dem arabischen Raum bekannt geworden.
Kakteen
Die wohl
bekanntesten Kakteen zur Rauscherzeugung sind der San-Pedro-Kaktus (Trichocereus
pachanoi) und der Peyotl-Kaktus (Lophophora williamssii). Beide Kakteen
sind in den gleichmäßigen und warmen Zonen Südamerikas
bzw. in Mexiko und Texas beheimatet. Während es sich bei dem Peyotl-Kaktus
um eine kleine, dornenlose, kugelige Pflanze von graugrüner oder
bläulichgrüner Farbe handelt, ist der San-Pedro-Kaktus ein verästelter,
oft stachelloser Säulenkaktus bis zu einer Höhe von sechs Metern.
Der San-Pedro-Kaktus besitzt einen sehr hohen Mescalingehalt, der in getrocknetem
Zustand bei 2 % des Gewebes liegt.
Der Hauptwirkstoff der Kakteen ist das Mescalin, ein typisches Halluzinogen,
dessen Einflüsse auf die Psyche von denen des LSD nicht unterschieden
werden können.
Die körperlichen Nebenwirkungen sind dagegen stärker ausgeprägt,
was mit der Form des Mescalinkonsums zusammenhängt. Die getrockneten
Pflanzenteile der Kakteen schmecken im Gegensatz zum geschmacksneutralen
LSD stark bitter und regen das Brechzentrum an. Ein weiteres körperliches
Symptom ist die Erweiterung der Pupillen, die sich auch bei Licht nicht
mehr verengen.
Der Peyotl-Kaktus
hat sich inzwischen zu einer in der Szene genutzten Substanz entwickelt,
zumal Vermehrung und Aufzucht mühelos möglich sind. Lediglich
der lange Anzuchtszeitraum von mehreren Jahren steht dem entgegen.
Fliegenpilz (Amanita muscaria)
Eine weitere
mißbräuchlich benutzte Pflanze ist der im gesamten eurasischen
Raum auftretende rote Fliegenpilz. Der Pilz kann als das wohl älteste
Halluzinogen in der Geschichte der Menschheit bezeichnet werden. Von manchen
Abhängigen werden die Pilze und somit die Inhaltsstoffe Muscarin,
Muscimol und der überwiegende Anteil an Ibotensäure regelmäßig
als Rauschdroge eingenommen.
Zur Rauscherzeugung werden die Pilze roh, in der Regel in welkem Zustand,
gegessen. Gelegentlich werden die Pilze auch in Milch oder Wasser eingeweicht
und nach einem gewissen Zeitraum als Aufguß getrunken (Kochen oder
Braten zerstören die psychoaktiven Stoffe).
Je nach Dosis führt der Konsum von Fliegenpilzen zu Übelkeit,
Schwindel und Schläfrigkeit. Dazu können Euphorie und ein Gefühl
der Schwerelosigkeit, vereinzelt auch farbige Visionen, auftreten. Größere
Mengen lösen eine deutliche Vergiftung mit muskulären Zuckungen,
Verwirrtheit und lebhaften Halluzinaionen aus, an die sich ein traumreicher
Schlaf anschließt.
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