"Amanita muscaria"

- der Fliegenpilz -

"Der psychedelische Pilz - ein kulturhistorischer Streifzug"

- Seminararbeit zum Thema Drogen im Prozeß der Zivilisation an

der Uni Bremen (FB Sozialwissenschaften) WS 1997/98 -

Verfasser: Michael Schmidt

 

Einleitung

1. Der psychedelische Pilz - Steckbrief einer Pflanze

2. Zum Wirkungsbild des Fliegenpilzes

3. Kulturgeschichtlicher Streifzug rund um den Fliegenpilz

4. Die Vergangenheit in der Gegenwart - 'Neue Heiden' ?

6. Literatur

 

Bemerkungen, Kritiken, Anregungen an:

Michael

InterviewpartnerInnen zum Thema "Zauberpilze" gesucht (anonym).

Meldet Euch bei:

Susanne

 

Einleitung in das Thema:

Pilze sind den meisten Menschen fremd, sie entsprechen so gar nicht dem gewohnten Bild, das man von einer Pflanze hat. Sie vermehren sich nicht aus Samen, brauchen kein Licht zum Wachsen und haben keine Blätter. Manchmal stehen sie plötzlich, etwa nach einem warmen Sommerregen, über Nacht in voller Größe an einer unvermuteten Stelle, oder sie bilden die sogenannten ‘Hexenringe’, wo hunderte von Pilzen in kreisförmig auf dem Boden wachsen. Auf dem Rasen sind sie nicht gern gesehen, aber man wird keinen Erfolg haben, wenn man versucht, sie auszurotten, sie kehren immer wieder.

Meist weiß man nicht mehr über diese Pflanzen, als daß Pfifferlinge, Champignons und Steinpilze gut schmecken, Knollenblätterpilze hingegen tödlich giftig sind. Viele Menschen trauen sich deshalb nicht, Pilze selbst zu sammeln und zu verspeisen; sie befürchten, gefährliche Giftpilze mit eßbaren zu verwechseln. Die Angst ist einerseits berechtigt, andererseits nur eine soziale Konstruktion mit dem Zweck, Menschen von rauscherzeugenden Pflanzen fernzuhalten.

Die vorliegende Arbeit wendet sich aber gerade dieser Seite zu und versucht am Beispiel des Fliegenpilzes eine rekonstruierende Darstellung einer Pflanze, welche ausschließlich durch ihre psychogene Potenz als sogenannter ‘Zauberpilz’ in einer Vielzahl von Kulturen unterschiedlicher zeitlicher Perioden Eingang gefunden hat.

Pflanzen, die von entsprechend ausgebildeten bzw. ausgewählten Mitgliedern einer Gemeinschaft eingenommen oder verabreicht werden, um in gewöhnlich unsichtbare Wirklichkeiten Einblick zu gewinnen, werden - pharmakologisch gesprochen - als Psychedelika, Etheogene, Psychotomimetika, Ekstatika oder auch als Halluzinogene benannt. Am ausdrucksreichsten hat Albert Hofmann (ein Erforscher der mexikanischen Zauberdrogen) die Wirkungsweise der Halluzinogene, zu denen auch der Fliegenpilz gehört, charakterisiert: "Die Halluzinogene unterscheiden sich von allen anderen psychoaktiven Stoffen durch ihre außerordentlich tiefgreifenden Wirkungen auf die menschliche Psyche. Sie bewirken umwälzende seelische Veränderungen, die mit einem veränderten Erleben von Raum und Zeit; den grundlegenden Kategorien der menschlichen Existenz, verbunden sind. Auch das Bewußtsein der eigenen Körperlichkeit und des eigenen Selbst wird zutiefst verändert. Die Halluzinogene bringen uns in andere Welten, in eine Art Traumwelten, die aber als ganz real erlebt werden, noch intensiver und deshalb noch realer als die gewöhnliche Alltagswelt. Dabei bleibt das Bewußtsein und das Erinnerungsvermögen, wenn die Dosis nicht zu hoch ist, voll erhalten, was ein wichtiger Unterschied gegenüber den Opiaten und anderen Rauschmitteln ist (...). Oft scheint die Zeit ganz stillzustehen. Man lebt zeitlos, ganz im Hier und Jetzt, was zu einer ungeheuren Intensivierung des Erlebens führt." (in: C. Rätsch 1988:17).Pflanzen, die solche Erfahrungen möglich machen, gelten in den meisten Kulturen als heilig und werden oft in gemeinschaftlichen Ritualen eingenommen.

 Auf den folgenden Seiten soll nun der Versuch unternommen werden, den Fliegenpilz erstens von seiner physiologischen Seite und hinsichtlich seiner Auswirkungen auf das menschliche Bewußtsein und dann - in einem zweiten Schritt - in seiner kulturgeschichtlichen Dimension zu betrachten, die sich weit aus der Vergangenheit bis in die Gegenwart erstreckt.

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  1. Der psychedelische Pilz - Steckbrief einer Pflanze

1.1. Pflanzenphysiologisches Porträt der 'Amanita' - Gruppe

 Den Anfang dieser Arbeit soll ein kleiner botanischer Exkurs in die physiologische Welt des Fliegenpilzes bestimmen. Dazu empfiehlt es sich, der Übersicht halber, kategorisierend vorzugehen. Im Titel dieser Arbeit ist von psychedelischen respektive halluzinogenen Pilzen die Rede, die nachstehend auf folgende allgemeine Art beschrieben werden sollen: Die halluzinogenen Pilze gehören - wie etwa 30 Prozent aller bekannten Pilzarten - zur Klasse der Ständerpilze (Basidomycetes), genauer zur Ordnung der Blätter- und Röhrenpilze, die praktisch alle Speisepilze, aber auch die meisten giftigen Pilze stellt. Sie alle zeichnen sich durch einen mehr oder minder ausgeprägten Fruchtkörper mit Stiel und Hut aus. Die halluzinogenen Pilze zählen zu nur drei der fünfzehn Familien dieser Ordnung. Als erste muß die Gruppe der Tintenpilze (Coprinaceae) genannt werden, anschließend die der Schuppenpilze (Strophariaceae), wozu auch die psilocin- bzw. psilocybinhaltigen Pilze - die hier keine Berücksichtigung finden werden - gehören. Die dritte Familie in dieser Aufzählung ist nun die der Knollenblätterpilze (Amanitaceae). Diese letztgenannte Gattung wird, unter bevorzugter Herausgreifung eines Vertreters, im Mittelpunkt nachfolgender Betrachtungen stehen:

Amanitaceae, oder aber weniger kompliziert, die ‘Amanita’- Familie, besteht aus fünf Basismitgliedern, deren deutsche Bezeichnungen wohl recht geläufig sein werden. Zum einen sei der ‘Grüne Knollenblätterpilz’, der ‘Spitzhütige’ und der ‘Kegelige Knollenblätterpilz’ genannt, auf deren Konto über neunzig Prozent aller tödlichen Vergiftungen durch Pilze gehen. Andere Arten der Gattung ‘Amanita’ sind der ‘Pantherpilz’ (Amanita pantherina) und der - schon durch das Thema dieser Arbeit favorisierte - ‘Fliegenpilz’ (Amanita muscaria). Letzterer findet sich leicht zwischen Ende Juli und Anfang Dezember beinahe in der gesamten nördlichen Hemisphäre der Erde, allein oder in verstreuten Grüppchen unter Birken, Buchen, Haselnuß, Kiefern oder Lärchen stehend. Weiterhin bevorzugt er siliziumhaltige Böden1). Fliegen- und Pantherpilze enthalten beide als wirksame Bestandteile Ibotensäure, Muscimol und Muscazon (welche früher gemeinsam als ‘Myca’ oder ‘Pilz-Atropin’ bezeichnet wurden, was bereits andeutet, daß die Wirkung der von Atropin ähnlich ist. In beiden Arten findet sich - in verschiedenen Konzentrationen zwar - das gefährliche Pilzgift Muscarin2)), dessen Wirkung der des Atropin3) entgegengesetzt ist. In europäischen Pantherpilzen wurden - im Gegensatz zu ihren nordamerikanischen Artgenossen - diese drei Wirkstoffe nicht gefunden, dafür enthielten sie jedoch ‘Pantherin’, eine der Ibotensäure ähnliche Verbindung. Es kann heute nicht mehr mit Sicherheit behauptet werden, daß der Hauptteil der Giftwirkung der beiden Arten dem Muscarin anzulasten ist, da jüngere Forschungen annehmen (Schulte 1989), daß das Muscarin nur in erheblich geringerer Konzentration als allgemein angenommen und dazu größtenteils in inaktivierter Form (wird durch das gegenteilig wirkende Pilz-Atropin neutralisiert) in den Pilzen vorkommt. Die Gefährlichkeit beider Arten scheint vielmehr darin zu bestehen, daß auch von den psychoaktiven Substanzen Ibotensäure, Muscimol und Muscazon eine nicht geringe Giftwirkung ausgeht. Der jeweilige Anteil dieser Stoffe ist allerdings, aufgrund ihrer geringen Konzentration in der Trockenmasse, nicht voraussagbar und kann mitunter sehr stark - je nach Standort - schwanken4). Im Pantherpilz liegt der Wirkstoffgehalt gewöhnlich um einiges höher als im Fliegenpilz. Die höchste Wirksamkeit schreibt man der Huthaut zu, die gelegentlich anstelle des ganzen Pilzes verzehrt wird.

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Mit dieser knappen Darstellung soll es auch genug zur Physiologie und Chemie des Pilzes sein. Mehr als für die rein äußerliche Gestaltung dieser Pilze interessier(t)en sich die Menschen für die bewußtseinsverändernde Potenz von Fliegenpilz & Co (vgl. G. Habermehl 1988).

 

1.2. "Alles verändert sich..." - zum psychischen Wirkungsbild und dem Genuß des Fliegenpilzes

Wie bei jeder Droge, läßt sich das Wirkungsprofil nur recht grob beschreiben oder anhand eines ‘standardisierten Ablaufs’ darstellen, da die individuelle physische und psychische Verfaßtheit einen nicht unwesentlichen Einfluß auf die Effekte einer psychoaktiven Substanz hat. Es gibt also kein Patentrezept für den Rausch. Grundsätzlich unterscheidet man drei Formen der Verwendung (bzw. Einnahme) des Pilzes: erstens Essen, zweitens Trinken und drittens Rauchen. Die üblichste Form ist wohl das Essen. Verzehrt wird dabei in der Regel der rohe (frische oder getrocknete) ganze Hut bzw. die Huthaut. Der frische Pilz selbst ist vollkommen geruchs- und geschmackslos. Weiter kann der Pilz auch in Wasser (oder Milch) einige Tage eingeweicht und der so entstandene Aufguß getrunken werden. Mit keiner anderen Droge teilt der Fliegenpilz die Eigenschaft, daß seine Wirkstoffe - wie später noch zu sehen sein wird - nahezu unverändert in den Urin übergehen.

Den halluzinogenen Effekt, der durch den Pilz bewirkt wird, ist teilweise auf das schon erwähnte ‘Muscinol’ zurückzuführen5). Dieser ist zwar beträchtlich - es werden Raum - und Zeitvorstellungen sowie Wahrnehmung und Sprache verändert und die Umwelt illusionär verkannt6), jedoch nicht so intensiv wie beispielsweise der von LSD. Gordon Wasson - ein Ethnopharmakologe -, der in seinem ‘Stufenmodell’ davon ausgeht, daß ein bis vier mittelgroße Pilze zu halluzinogenen Effekten führen, beschreibt den ‘Ablauf’ der Intoxikation auf folgende Art und Weise: "Zucken, Schlummrigkeit und möglicherweise Übelkeitsgefühle etwa eine halbe Stunde nach der Einnahme mit darauf folgendem Taubheitsgefühl in den Füßen. An diesem Punkt verfällt der Einnehmende häufig in eine Art Halbschlaf, der rund zwei Stunden anhält. Er mag farbige Visionen erleben und Geräusche um sich herum wahrnehmen, doch ist es ihm unmöglich, Reaktionen zu zeigen. Danach wird sich eine wohllaunige Euphorie mit Gefühlen der Leichtigkeit und eventuellem Drang zu Tanzen einstellen. Während dieser Phase wird eine Person oft zu größeren Kraftanstrengungen fähig sein als im Normalzustand. Darauf können sich Halluzinationen anschließen. Gegenstände erscheinen dann größer, als sie tatsächlich sind. Bisweilen kann sich jemand dazu gedrängt fühlen, wohlbehütete Empfindungen zu enthüllen. Diese Phase, welche auf den Schlafzustand folgt, kann drei bis vier Stunden anhalten" (Schulte 1989:13). Im gleichen Selbstversuch berichtet Wasson von einem befreundeten Wissenschaftler, der - als er aus der Schlafphase erwachte - sich gezwungen sah, drei Stunden lang, und ausschließlich in Reimen, hymnenhaft zu reden. Auch Schultes und Hofmann (welche sich auch schon um die Erforschung der mexikanischen Psilocybin-Pilze berühmt machten) schildern die im Rausch erfolgte Verwirrung der Sinne: "(...) die Gegenstände der näheren Umgebung erscheinen übergroß oder besonders klein, es treten Halluzinationen auf, begleitet von impulsiven Bewegungen und Krämpfen. Soviel ich beobachten konnte, wechseln Anfälle großer Lebensfreude ab mit Augenblicken tiefster Depression. Der vom Fliegenpilz Berauschte sitzt da, sich friedlich hin und her wiegend, und beteiligt sich sogar an den Gesprächen seiner Familienangehörigen. Plötzlich weiten sich seine Augen, er beginnt krampfhaft zu gestikulieren, unterhält sich mit einem unsichtbaren Gesprächspartner, singt und tanzt. Dann tritt erneut eine Ruhepause ein (...)" (Schultes/Hofmann 1992:37).

Wie bereits erwähnt wurde, ist der Fliegenpilz in seiner Giftwirkung keinesfalls tödlich. Notwendig ist allerdings, um unerwünschte Randerscheinungen wie Erbrechen, starke Übelkeit usw. zu vermeiden, eine sorgsame und korrekte Anwendung. Jonathan Ott (1979) stimmt dem weitgehend zu: "Man sollte auch mit der Dosierung Vorsicht walten lassen. Die Pilze wirken sehr stark. Die Spanne zwischen wirksamer Dosis und Überdosis kann klein sein7). Wird sie nur in geringer Menge überschritten, so kann sich als Ergebnis eine Erfahrung von Identitätsauflösung einstellen, manchmal sogar ein komaähnlicher Zustand oder eine Funktionsunfähigkeit. Natürlich gibt es viele, die einen derartigen Effekttypus wünschen; aber zweifellos wäre dieser für andere wiederum alarmierend (...)" (in: Schulte 1989:15). Bei den sogenannten Überdosierungen spielt das in geringen Mengen vorhandene Pilzgift ‘Muscarin’ eine meist untergeordnete Rolle. Als Gegenmaßnahmen und um einen relativen Zustand von Normalität herzustellen, wird hier das Trinken von Salzwasser (Erbrechen) bzw. die Magenspülung angegeben.

Keine Droge ist, wie oben dargestellt, vollkommen ungefährlich. Ob psychische oder physische ‘Abhängigkeit’, Zerstörung von Gehirn - und Nervenzellen; klar ist, Drogen bergen Gefahren. Meist siegt jedoch das Interesse am möglichen (halluzinogenen) Effekt über die körperliche Gefährdung

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Aufgabe dieses Kapitels war es, die bewußtseinsverändernden Eigenschaften des Fliegenpilzes zu schildern. Dabei wurde jedoch - ganz bewußt - auf die ausführliche Darlegung von ‘Stufen’ bzw. ‘Wirkmodellen’ der Droge verzichtet. Vielmehr sollten an dieser Stelle exemplarisch (und subjektiv) einige wenige Berichte als beschreibende ‘Erzählung’ eine ungefähre Vorstellung der psychogenen Potenz des Fliegenpilzes geben, die - wie anschließend zu erfahren sein wird - auch für viele Kulturen der Welt nicht ohne Reiz gewesen ist.

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2. Auf den Spuren des Fliegenpilzes - ein kulturgeschichtlicher Streifzug

 2.1. Das Soma der Veden

Der Fliegenpilz (Amanita muscaria) wächst in Europa und Asien bis nach Sibirien sowie in den nördlichen Regionen des amerikanischen Kontinents. Gewaltig wie seine Verbreitung ist auch seine Geschichte, die sich sagenumwoben und rätselhaft durch die Jahrtausende zieht. Erste historische Erwähnungen dieses halluzinogenen Pilzes fallen in die Epoche der indoeuropäischen bzw. indogermanischen Wanderungsbewegung des zweiten Jahrtausends vor der christlichen Zeitrechnung 1).

Eines der bekanntesten Völker dieser Wanderung waren die Ur-Indo-Iraner (oder Arier), als deren Heimat höchstwahrscheinlich der Raum zwischen dem Kaspischen Meer und der Ostsee angegeben werden kann. Diese brachen um das Jahr 1600 v. Chr. zu einer Wanderung auf, die sie über den Kaukasus bis nach Indien führte. Mit dem Eindringen der Arier in das Industal begannen sich auch deren Mythen und Legenden sehr rasch zu verbreiten, so auch der Kult um ‘Soma’. ‘Soma’ - eine altindische, zur Gottheit erhobene Rauschdroge - stellte in den magisch-religiösen Zeremonien der Arier einen zentralen Bestandteil dar. Sie beteten dieses Rauschmittel an und tranken bei sakralen Handlungen einen aus diesem Rauschmittel gewonnenen Extrakt. Während die meisten psychoaktiven Pflanzen überwiegend die Funktion eines geheiligten Vermittlers zwischen Menschen und Göttern übernahmen, wurde ‘Soma’ als selbständige, personifizierte Gottheit anerkannt und geachtet (R. E. Schultes/A. Hofmann 1992). Nach altindischen, in der ‘Rig-Veda’ (Veda der Lieder: die erste der vier Sammlungen der Veda 2)) festgehaltenen Überlieferungen, war der Vater des Gottes ‘Soma’ Parjany - der Gott des Donners; ‘Soma’ selbst diente der vedischen Gottheit ‘Indra’ als Quelle ihrer Kraft: "Dring ein in das Herz von Indra (...), wie Flüsse in den Ozean" (Rig-Veda). Nach den vedischen Texten haben die Götter ihren Mit-Gott ‘Soma’ erschlagen und somit das erste Opfer eingeführt. Das Auspressen des ‘Soma’ wiederholt nun die kultische Handlung dieser Tötung. Der Saft, der dabei entstand, ergab einen Trank, der "(...) den Göttern Unsterblichkeit, den Menschen jedoch Visionen verschaffte" (D. F. Schulte 1989:7). In der vedischen Religion gab es keine sehr aufwendigen Schauzeremonien. Die Religion manifestierte sich im Menschen als mystische Erfahrung. Der Somatrank diente der ekstatischen Verschmelzung mit der Ewigkeit und den Göttern (H. Wagner 1995). Dies muß als Hinweis dafür verstanden werden, daß Soma ein Halluzinogen war.

In der ‘Rig-Veda’ wird Soma schätzungsweise über eintausendmal erwähnt und bestätigt somit seine Wichtigkeit in der arischen Religion. Von den zehn Mandalas (Liedkreise) der ‘Rig-Veda’ besteht eines, das neunte, ausschließlich aus Somahymnen. Keiner anderen Natur- oder Gotteskraft wurde sonst ein ganzer Liedkreis reserviert. In diesem Liedkreis nun wird Soma folgendermaßen charakterisiert: "Laß uns deine Lichter leuchten, du allererster Paramana (Beiname von Soma), rege uns zu Rat und Tat an! (RV,9,36,3); dieser ist ein Anblick wie die Sonne, dieser läßt Seen, sieben Ströme zum Himmel fließen (RV,9,54,3); der König über alles, was die Sonne sieht, läutert sich: er hat die Erkenntnis der Wahrheit laut hinausgeschrien, die weisen Seher noch übertreffend, der mit dem Strahl der Sonne gereinigt wird, der Vater der Gedanken von unerreichter Sehergabe (RV,9,72,5)". Weiter heißt es im zehnten Mandala zu Ehren ‘Somas’:

"So, fürwahr ist mein Sinn Rind und Pferd möchte ich verschenken Ich merke, daß ich Soma getrunken habe. Wie die wilden Winde, So haben mich die getrunkenen Somasäfte emporgehoben. Ich merke, daß ich Soma getrunken habe. Der Trank hat mich fortgerissen, wie ein stürmischer Wind,

Das Denken hat sich mir dargeboten wie eine Kuh ihrem kleinen Liebling

Die eine Hälfte meines Ichs läßt die beiden Welten hinter sich, Ich habe an Größe diesen Himmel und diese Erde übertroffen. Ich merke, daß ich Soma getrunken habe." (aus: M. Richter 1989:28)

Dieser Auszug aus der ‘Rig-Veda’ verdeutlicht einmal mehr die halluzinogene Wirkung des Soma. Doch - so wird man an dieser Stelle fragen - welche Pflanze(n) verbergen sich hinter dem Mysterium des Somakults? Die pflanzenphysiologische Identifizierung dieser rätselhaften Rauschdroge blieb lange Zeit ein Geheimnis für Mythologen und Psychopharmakologen. Jedoch gab es eine Vielzahl von Spekulationen, die dieses Rätsel lüften sollten. Eine Theorie sieht eine Ähnlichkeit zwischen der Somapflanze und dem Koka-Strauch (M. Richter 1989). Diese Annahme fußt auf folgender Begründung: "(...) Soma wuchs nur in den hohen Bergen, es war ein Strauch ohne besonderen Fruchtkörper (...); man trank Soma vor jedem Kampfe, und schrieb der Somawirkung den Siegeserfolg zu; Soma wirkte also ähnlich Kokain kräftigend, stimulierend und ermutigend (...)" (ders.1989:27). Das Soma mußte nun aber ausgepreßt und bald getrunken werden; es kann sich folglich auch nicht um Wein oder andere alkoholische Getränke gehandelt haben. Das in der ‘Rig-Veda’ in seiner Wirkung als stark halluzinogen eingestufte Soma läßt sich als Efeu-Art allerdings auch nicht enttarnen, da bei diesen genannten Pflanzen kein visionärer Effekt zu verzeichnen ist (Schmidbauer/v. Scheidt 1981). Den Beweis für die Identifizierung der Somapflanze lieferten schon 1968 interdisziplinäre Forschungen. Als Entdecker des Geheimnisses gilt Gordon Wasson, der durch Vergleich und Analyse einer Vielzahl von Materialien der Pflanze auf die Spur kam: Soma - das heilige Rauschmittel der alten Inder - war ein Pilz: ‘Amanita muscaria’ - der Fliegenpilz (Schultes/Hofmann 1992). Eine weitere mögliche Bestätigung dafür ist die schon erwähnte Tatsache, daß die wirksamen Substanzen des Fliegenpilzes im Körper kaum verstoffwechselt werden und beinahe unverändert mit dem Urin ausgeschieden werden, d.h. der menschliche Urin enthält die fast vollständige Wirkungskraft des Pilzes. Dies ist von keinem anderen Halluzinogen bekannt. In der ‘Rig-Veda’ nun wird recht eindeutig auf den Urin angespielt: "Die aufgeblähten Männer pissen das überfließende Soma (...). Die Herrscher, mit ihren vollen Blasen, pissen schnell das Soma (...)" (Rig-Veda). Urin gilt in den vedischen Gedichten nicht als anstößig, vielmehr steht er als Metapher für den Regen - die Wolken befruchten die Erde mit ihrem ‘Urin’ (Schultes/Hofmann 1992).

Im Laufe der Jahrtausende ging jedoch das Soma der Veden verloren 3). Das aber in Indien mit dem Verlust der Beschaffung des ‘echten’ Soma auch die Soma-Zeremonie unterging, kann nicht behauptet werden, denn im heutigen Indien werden anstelle von Fliegenpilz Ersatzpflanzen benutzt.

Die Kenntnis vom Gebrauch und den visionären Wirkungen des Pilzes blieb jedoch nicht nur den Ariern vorbehalten. Sie existierte auch bei den Völkern Asiens. Gordon Wasson nimmt aufgrund sprachwissenschaftlicher Überlegungen an, daß die Sitte des Fliegenpilzessens von den Ariern an die sibirischen Stämme weitergegeben wurde 4).

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  ‘Ojibway’- Indianern, weich bei dem niedrigen geistigen Niveau der in Frage kommenden Stämme nicht leicht erkennbar zutage treten. Immerhin wird doch schon angegeben, daß selbst innerhalb dieses Kreises geistiger Beschränktheit eine Abnahme bis zum Stumpfsinn zustande kommt. Der Grad muß nicht gering sein, um noch so auffallen zu können" (1927:172f.).

In Ostsibirien hat sich der Brauch des Fliegenpilzessens in all seinen Traditionen, anders als in Indien, bis in die heutige Zeit erhalten. Der Brauch wird jedoch immer seltener, da ihn die Regierung für unerwünscht hält und bekämpft. Ob allerdings Wodka ein sinniger Ersatz für die Droge darstellt, ist möglicherweise zu bezweifeln.

Eingangs wurde erwähnt, daß nach Annahme Gordon Wassons die Völker Sibiriens den Gebrauch des Fliegenpilzes von den Ariern übernommen haben. Dies kann durchaus zutreffen, muß es aber nicht. Es kann ebensogut möglich gewesen sein, daß Korjaken, Tungusen bzw. andere Völker des nördlichen und nordöstlichen Asiens die halluzinogene Wirkung des Pilzes längst kannten. Erst vor einigen Jahren wurden Hinweise entdeckt, die nahelegen, daß der Fliegenpilz auch von den

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Nachfolgend soll nun mittels gewagter Spekulation versucht werden, eine Verbindung zwischen dem nordamerikanischen Fliegenpilzkult und der Annahme, daß die Volksstämme der sibirischen Region den Fliegenpilz nicht erst mit den Ariern kennenlernten, zu ziehen: Die ersten Besiedler des amerikanischen Kontinents kamen vor etwa 30.000 Jahren über die eiszeitliche Landbrücke (Beringstraße) aus Asien. Anthropologen stellten bei nordamerikanischen Indianervölkern eine Reihe von Resten der früheren asiatischen Kultur fest; sei es bei den Initiationsriten oder aber bei den verwendeten psychoaktiven Pflanzen. Wenn also den eingewanderten ‘Indianern’ der Fliegenpilz und dessen halluzinogene Wirkung bekannt war, ist es da nicht sehr wahrscheinlich, daß auch den asiatischen Großwildjägern jener Zeit dieses Wissen nicht fehlte und von Generation zu Generation weitergegeben wurde ?

Diese Frage soll auch im nächsten Abschnitt nicht aus dem Auge verloren werden.

2.3. Der ‘Blitzpilz’ der Maya

Wie oben schon angesprochen wurde, fand der kultische Gebrauch des Fliegenpilzes auch bei einigen indianischen Stämmen des nördlichen Amerika statt. Doch sprechen mehrere Tatsachen dafür, daß der Pilz möglicherweise sogar in Mittelamerika als Halluzinogen verwendet worden ist (C. Rätsch 1988:63) 11), denn er wächst in mittelamerikanischen (guatemaltekischen) Hochlandregionen. Schultes und Hofmann gehen davon aus, daß die im Hochland von Guatemala lebenden Maya die psychedelischen Eigenschaften von ‘Amanita muscaria (var. americana)’ erkannt haben. Dort wird der Pilz ‘Kakulja-Kox’, "Blitzpilz" genannt, eine Anspielung auf den Gott des Blitzes und Lenker der regenbringenden Zwerge.

Die ‘Quiche-Maya’ bezeichnen den Fliegenpilz einerseits als ‘Kaquija’, was auf den legendären Ursprung des Pilzes hindeutet, andererseits aber auch als ‘Itzelocox’, ein Hinweis auf seine heiligen Kräfte als ‘böser oder teuflischer Pilz’. Blitz und Donner wurden in den Legenden und Sagen vieler früher Völker häufig mit bestimmten Pilzen in Verbindung gebracht. Es ist also anzunehmen, daß die ‘Quiche-Maya’ sich wohl bewußt waren, in dem Fliegenpilz einen Pilz zu haben, der "mit übernatürlichen Mächten im Bunde steht" (Schultes / Hofmann 1992:35) 12). Bekanntgeworden ist außerdem die Anwendung des Pilzes bei den ‘Lakandonen’, die ihn ‘äh-kib lu’um ‘, "das Licht der Erde" nennen und wissen, daß er das Bewußtsein verändert. Die Schamanen der benachbarten ‘Chui’- Indianer sammeln Fliegenpilze, trocknen die Hüte und rauchen sie zusammen mit Tabakblättern und versetzen sich somit in Trance (C. Rätsch 1988). Auch der Stamm der ‘Dogrib’, der im Nordwesten Kanadas lebt, benutzte zweifellos den Fliegenpilz als Halluzinogen während der traditionellen schamanistischen Zeremonien. Dazu Schultes und Hofmann (1992:35): "Ein junger Neubekehrter berichtete, daß der Schamane ihn erwischt hätte (was immer das heißen mag): ‘Ich besaß keine Willenskraft, keine Macht mehr über mich selbst. Ich aß nicht mehr, schlief nicht, dachte nicht - ich befand mich nicht mehr in meinem Körper’. In einer späteren Seance heißt es: ‘ Geläutert und für die Visionen gereift, erhebe ich mich, eine platzende Samenkugel im Raum. Ich habe die Weise gesungen, welche das Universum zerschmettert. Und die Weise, welche das Chaos zerschmettert, und war verdammt. Ich war bei den Toten und stürmte das Labyrinth’".

Vermutlich wird es in Zukunft noch weitere und eindeutigere Beispiele für die magisch-zeremonielle Verwendung des Fliegenpilzes in Nord- und Mittelamerika geben.

"Mit dieser Pflanze haben die auf den neuen Kontinent eingewanderten asiatischen Volksstämme ein sichtbares Überbleibsel ihres kulturellen Erbes hinterlassen" schreiben Schulte und Hofmann (1992:37), und deuten bezüglich der im vorigen Kapitel aufgeworfenen Frage über die Herkunft der Kenntnis des Pilzes bei den sibirischen Stämmen übereinstimmend an, daß die asiatischen Einwanderer dieses Wissen um den Gebrauch des Fliegenpilzes schon vor oder während ihrer ‘Entdeckung’ der Neuen Welt besaßen.

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Doch nun soll ein Sprung durch Zeit und Raum unternommen werden, der im Europa der Jahrhunderte vor Beginn der christlichen Zeitrechnung sein Ziel hat.

 

2.4. Vom ‘Rabenbrot’ und ‘Männlein im Walde’

Du führst dich ja auf wie ein Berserker !

So lautet eine Redewendung, die auch in unseren Tagen noch sehr lebendig ist und sich auf einen Menschen bezieht, der in nahezu ungehemmter Art und Weise seinen Aggressionen freien Lauf läßt. Den Ursprung für diese Redensart findet man bei dem altskandinavischen Volk der ‘Berserker’, die zeitweilig in eigenartige (Rausch-) Zustände von ‘Wildheit und Wut’ geraten sein sollen. "Dies sei, so meinte man, durch Genuß von Fliegenpilz zustande gekommen, der früher für diesen Zweck bei allen nordischen Völkern bis nach Island hin Verwendung gefunden hat " (L. Lewin 1927:168). Das kann allerdings nur eine Vermutung bleiben, denn allein aus dem Wirkungsbild des Muscarins (das zwar zu Tobsucht führen kann, aber - wie schon erwähnt - nur in ganz geringen Mengen vom Körper aufgenommen wird), ist die vermeintliche Raserei dieser Männer 13), die den Legenden zufolge vor Kampfeswut ‘ in ihre Schilde bissen und gegen Eisen und Feuer fest ’ waren (Schmidbauer / v. Scheidt 1981), nicht zu erklären 14). Es ist allerdings denkbar, so bemerken Schmidbauer und vom Scheidt, daß das Wirkungsbild von ‘Amanita muscaria’ durch autosuggestive Einflüsse, etwa ‘der Pilz macht mich zum Berserker’, stark verändert werden könnte (1981:141). Doch auch dieses ‘Entgegenkommen’ vermag die These nicht zu stützen; der Fliegenpilz sei ursächlich verantwortlich für den ekstatischen Ausnahme(?)- zustand der Altskandinavier. Vielmehr muß angenommen werden, daß der Rausch der Berserker, mit dem Ziel in einen kampfeswütigen Zustand ungezügelter Aggressivität zu gelangen, auf eine Zeremonie, in der der Fliegenpilz möglicherweise nur ein Bestandteil in einer Kette von rauschinduzierenden Mitteln war, zurückzuführen ist. Das meint, entweder wurde der Fliegenpilz in Kombination mit anderen (psychedelischen) Genußmitteln benutzt, oder - wahrscheinlicher -, der Pilz stand am Tag vor einer kriegerischen Auseinandersetzung als visionsgebendes und Überschätzung der eigenen Körperlichkeit unterstützendes Halluzinogen zur Verfügung und wurde mit Beginn der Schlacht durch andere Ekstatika bzw. psychoaktive Pflanzen abgelößt15).

Über die Herkunft der Kenntnis des psychedelischen Gehalts der Pilze ist jedoch nichts Eindeutiges bekannt. Es ist aber sicher, daß es im Zuge der europäischen Wanderungsbewegung zu Kontakten und regen Austausch kultureller Praktiken gekommen ist, wie auffällige Ähnlichkeiten in den Mythen und Legenden der nördlichen Völker bestätigen. Für die nordische Mythologie ist die ‘Edda’ ein aufschlußreiches Werk, welches etwa in der Zeit des sechsten / siebenten Jahrhunderts seine Wurzeln hat. Hier wurde das religiöse Welt - und Selbstverständnis der (nord-) germanischen Stämme farbenreich geschildert 16). In der germanischen Vorstellung ist der Fliegenpilz Wotan / Odin, dem Gott der Ekstase (in dessen Dienst sich die Berserker stellten - W. Forstmann 1988) und Entdecker der ‘zauberkräftigen’ Runen, zugeordnet 17). Der Sage nach entstehen Fliegenpilze dort, wo Schaum aus dem Mund von Wotans Pferd (das auch sakramental geschlachtet und verspeist wurde) auf die Erde tropfte. Als Bezeichnung des Pilzes findet sich hier ‘Rabenbrot’18). Der Name ‘Rabenbrot’ deutet auf die beiden allwissenden und allessehenden Raben Wotans hin (H. Wagner 1995), die einerseits den Verstand und die Weisheit verkörpern (Munin), andererseits das Gemüt und die Sinne (Hugin). Beide Raben symbolisieren zugleich den Tod, indem sie sich nach einer Schlacht auf die Leichen der gefallenen Krieger stürzen (W. Forstmann 1988:310). Bis in die heutige Zeit gilt der Rabe auch als ‘Unglücksbringer’, als ein den Tod ankündigender Vogel (ders.).

In der keltischen Mythologie wird unter anderem auch die psychedelische Wirkung des Pilzes bei magisch- religiösen Zeremonien benutzt (N. Tolstoy 1992). Die Ähnlichkeit des Fliegenpilzes in seinem früheren Wachstumsstadium mit einem Ei, hat ihm neben einigen anderen Pilzen auch den Namen ‘Hexenei’ oder ‘Teufelsei’ eingebracht. Nach einer Sage keltischer Druiden wird dieses ‘Wunderei’ geschildert als "(...) Kugel in den Farben des Regenbogens, welche alle Weisheit in sich trägt". In einem bretonischem Volkslied heißt es über den Zauberer ‘Merlin’, daß er eines Morgens in die Einsamkeit der Wälder zieht, um dort das "rote Ei" zu suchen, dem nichts an Kraft gleichkommt (D. F. Schulte 1989:9). Sehr oft ist ein rätselhaftes Ei Bestandteil vieler Sagen und Volksmärchen, auf dessen Suche sich die Helden begeben müssen.

Das Deutschland des Mittelalters sah in den Fliegen das Symbol für den Wahnsinn, Besessene waren von Fliegen befallen 19), und der Teufel galt als deren Herr. Der deutsche Name ‘Fliegenpilz’ leitet sich höchstwahrscheinlich von der Fliege als Zaubertier und / oder der Kraft des Pilzes, den Menschen ‘fliegen zu lassen ‘ ab. Die Assoziation mit einem ‘Fliegengift’ liegt nahe, ist jedoch falsch 20). Es gilt weiterhin als sicher , daß in den mittelalterlichen Hexenkulten der Pilz , als Rudiment germanischer Kulte, Verwendung gefunden hat (D. F. Schulte 1989). Die Hexenverfolgungen und -prozesse müssen auch unter dem Aspekt betrachtet werden, daß diese Elemente einer heidnischen Kultur, die nun als ‘Teufelswerk’ galten, vernichtet werden sollten. Eine andere Art von Verdrängung geschah in der Umdeutung heidnisch-germanischer Dichtung ins Christliche, die sich im Laufe der Zeit vollzog. Dazu ein kurzes Beispiel: Man erinnere sich an die Legende von der Erschaffung des Fliegenpilzes aus dem Schaum von Wotans Pferd. Eine andere Erzählweise ist nun folgende: Pilze haben ihren Ursprung in den Brosamen, die aus dem Mund eines Heiligen herabfallen. War das dem Heiligen dargereichte Brot weiß, dann brachten die Brosamen gute Pilze hervor, war es dunkel, dann sollten daraus giftige Pilze entstehen (O. Kräemer 1987).

Sagen, Legenden und Volksdichtungen bieten eine Vielzahl von Anspielungen auf den Fliegenpilz als Halluzinogen. Häufig wird der Pilz als ein aus dem Gestrüpp hervorgrüssender, pfeiferauchender Zwerg dargestellt; in Holland ist er der "Jan mit der roten Mütze" (Jan met de roode muts). In hiesigen Gefilden heißt er "Rotmützchen" oder auch das "Männlein im Walde":

"Ein Männlein steht im Walde ganz still und stumm Es hat von lauter Purpur ein Mäntlein um.

Sagt, wer mag das Männlein sein, das da steht im Wald allein mit dem purpurroten Mäntelein.

Ein Männlein steht im Walde auf einem Bein und hat auf seinem Haupte schwarz Käpplein klein.

Sagt, wer mag das Männlein sein, das da steht im Wald allein mit dem kleinen schwarzen Käppelein."21)

(Hoffmann von Fallersleben)

Wahrscheinlich ist, daß diese Bezeichnungen von Rauschträumen früherer PilzesserInnen herrühren, die in dem ‘roten Hut’ des Pilzes, die Kopfbedeckung eines geheimnisvollen freundlichen Wichtelmännleins sahen, das den Menschen der Vergangenheit in das ‘Reich jenseits aller Wirklichkeit’ geleitete.

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 2.5. ‘Amanita muscaria’ in Eleusis ?

Abschließend sollen noch einige Völker und Kulturen erwähnt werden, die mit dem Genuß des Fliegenpilzes in Verbindung gebracht werden. Zum einen sind dies die Griechen des klassischen Altertums: "Die alten Griechen gaben niemals das Geheimnis der eleusinischen Mysterien preis, aber viele müssen es gekannt und flüsternd davon gesprochen haben. Wir wissen nur, daß die Eingeweihten einen Trank zu sich nahmen, und später des nachts eine großartige Vision erlebten" (Wasson 1959 in: Schmidbauer / v. Scheidt 1981:649). Die Behauptung, daß Rauschgifte in Eleusis22) eine Rolle gespielt hätten, scheint nicht neu zu sein, wurde doch schon von Mohn und Opium berichtet (ders.1981). Robert Graves vermutete, die eleusischen Mysterien und die des Dionysos würden von ‘Amanita muscaria’ getragen. Als Beweis führt er an, der Name ‘Kykeon’ des Rauschgetränkes entstamme dem Wort ‘Myka’, von ‘Mykes’ - Pilz. Schmidbauer und vom Scheidt liefern als Argument für die Fadenscheinigkeit dieser Annahme, daß es für die eingeweihten Priester schwierig gewesen sein müsse, mit der nötigen Regelmäßigkeit die entsprechende Menge des psychogenen Pilzes zu beschaffen. Weiter heißt es; wenn nicht ‘Amanita muscaria’ die visionengebende Pflanze gewesen ist, welches Halluzinogen könnte wohl dafür verantwortlich sein? Die Anwort lautet hier: die Steppenraute (Peganum harmala) (1981:659ff.). Man sieht also, daß die Frage, ob der Fliegenpilz in den eleusischen Mysterien eine Rolle gespielt hat, noch keineswegs geklärt ist.

Andere Erwähnungen des Fliegenpilzgebrauchs finden sich noch bei einer Reihe von Völkern des südasiatischen Raums. So diente bei den taoistischen Alchimisten (China) der Pilzextrakt als Zutat zu diversen Unsterblichkeitselexieren (H. Wagner 1995). In Usbekistan und Turkmenistan wird der Fliegenpilz dem Hanf beigemischt, um dessen Wirkung zu steigern. Eine Vermutung ist bisher die Verwendung zu geheimen Riten in den tibetanischen Klöstern von Lhasa (Schulte 1989). Sehr überraschend war die Information, daß sogar das Urchristentum auf einen Fliegenpilzkult zurückgeführt wurde (Allegro 1971 in: C. Rätsch 1988).

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Diese kurzen Angaben sollen nun aber genügen und die - beinahe weltumspannende - Reise durch das Fliegenpilzbrauchtum beschließen.

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3. Die Vergangenheit in der Gegenwart - 'Neue Heiden'

 Über die Entstehung von Religionen ist schon viel theoretisiert worden. Die Auffassung scheint jedoch annehmbar, daß bewußtseinsverändernde Pflanzen eine nicht unwesentliche Rolle bei der Formung und auch bei der Entstehung von 'übernatürlichen' Sinnkonstruktionen gespielt haben.

Jede Religion manifestiert sich in profanen Erscheinungsformen, die durch sie geheiligt werden. Auch der Fliegenpilz, in seiner Bedeutung für eine Vielzahl von Kulturen, war und ist eine in die religiöse Verehrung aufgenommene Pflanze. Die Betonung liegt hierbei auf 'ist', denn der Kult um diesen Pilz scheint - einmal abgesehen vom bis in unsere Tage andauernden Gebrauch des Pilzes in Sibirien und auch in Malaysia (C. Rätsch 1988) - auch in unseren Breiten zu neuem Leben erweckt worden zu sein. Es soll deshalb nachfolgend ein Beispiel Erwähnung finden, in dem sowohl der halluzinogene Pilz, als auch eine - nur scheinbar nicht mehr in die heutige Zeit passende - stark religiöse Komponente, einer Symbiose ähnlich zutage treten. Angesprochen sind die sogenannten 'Neuen Heiden', die sich - in einer Art romantischer Verklärung - des Wissens über psychogene Pflanzen einer vorchristlich-polytheistischen Religion bedienen: "Die Zusammenkunft fand in der Nähe des Flusses an einem alter Steinzirkel statt. Man sammelte Holz, entzündete ein Feuer, aß von dem heiligen Pilz und rief die Elementargeister an, Feen, Gnomen und Elfen. Langsam schritten die Teilnehmer um das Feuer herum, wobei die Frauen unter ihnen einen leisen, textlosen Gesang anstimmten. Nach etwa einer Viertelstunde sahen sie im Schein der Flammen fünf kleine Gestalten im Schneidersitz im hohen Gras sitzen. Einer hörte in der Ferne Flötenmusik. Dann riefen die Frauen die Wassergeister an und hörten unmittelbar darauf vom Fluß her Geräusche spritzenden Wassers und ein Lachen wie von kleinen Kindern sowie das helle Klingen winziger Glöckchen" (in: Schulte 1989:24). Das Treffen dieser Gruppe der 'Neuen Heiden' fand in Wales statt. Inwieweit diese Art des Rituals einer wirklichen Religion entspringt, oder ob es bei diesen (meist jungen) Menschen 'nur' um Selbstfindung, vielleicht aber auch Flucht in eine harmonisch anmutende Märchenwelt der Götter geht, kann jedoch im Rahmen dieser Hausarbeit, der mit diesem letzten Abschnitt seine endgültige Gestalt gefunden hat, allerdings nicht beantwortet werden.

Schlußbemerkung

 In diesem kulturgeschichtlichen Abriß habe ich die fast weltweite Verbreitung des Wissens um Fliegenpilzgebrauch zu zeigen versucht. Grenzen hat mir dabei das zur Verfügung stehende Material gesetzt. Ich habe mich bemüht, eng am Inhalt der Texte zu arbeiten und mich von den im Material häufig vorhandenen Widersprüchen und Lücken sowie dem teilweise arg esoterischen Beiwerk nicht zu wilden Spekulationen hinreißen zu lassen. Wo ich es doch nicht vermeiden konnte, habe ich dies, so hoffe ich, entsprechend gekennzeichnet.

Auch haben die Recherchen für dieses Thema eine menge an Einzelheiten und Detailwissen zum Vorschein gebracht, die allerdings nicht alle Erwähnung gefunden haben, um die Lesbarkeit nicht unnötig zu komplizieren.

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Kapitel 1 - Anmerkungen

Der psychedelische Pilz zurück

 

1) Auf eine rein äußerliche Beschreibung des Fliegenpilzes kann wegen des Bekanntheitsgrades verzichtet werden.

2) 1954 hat der Zürcher Pharmakologe P. G. Waser erstmals Muscarin in chemisch reiner, kristalliner Form isoliert (Schmidbauer/v. Scheidt 1981).

3) Atropin wirkt ‘krampflösend’ (es kommt auch in einigen Nachtschattengewächsen -z.B. Tollkirsche - vor.)

4) Zwar liegen nur wenige Berichte über schwere Vergiftungen vor, dennoch ist ein Todesfall bekannt, der nach der Einnahme von 35 (!!!) Pantherpilzen erfolgte.

5) Teilweise deshalb, weil auch Spuren des Halluzinogens ‘Bufotenin’ gefunden wurden. Außerdem werden noch andere psychoaktive Stoffe vermutet (G. Habermehl 1985).

6) Waser hat ‘Muscinol’ mit Wasser getrunken und notiert, daß etwa 5mg zu einem Gefühl von Schläfrigkeit, 10mg zu schwerfälligen Bewegungen Waser hat ‚Muscimol' mit Wasser getrunken und notiert, daß etwa 5mg zu einem Gefühl von Schläfrigkeit, 10mg zu schwerfälligen Bewegungen und gehobener Stimmung sowie veränderter Geschmacks- und Farbenwahrnehmung führen (vgl Schmidbauer/v. Scheidt 1981).

7)Gemeint ist hier mit dem Begriff der ‚Überdosis' der sogenannte ‚Horrortrip'.

 

Kapitel 2 - Anmerkungen

Auf den Spuren des Fliegenpilzes zurück

1) Als Indoeuropäer oder auch Indogermanen gelten die Mitglieder eines Urvolks, aus denen sich zahlreiche Stämme entwickelt haben, deren östlichster Vertreter die Inder, die westlichsten die Germanen sind. Etwa 2000 v. Chr. begannen sie, sich auszubreiten. Im Zuge der weiteren Ausdehnung verschmolzen die Indogermanen mit der einheimischen Bevölkerung .

2) Diese erste Sammlung enthält 1028 Hymnen, die von einem Priester beim Opferfest rezitiert wurden, um die Götter herbeizurufen.

3) Unter den von Gordon Wasson zur Verbindung des Fliegenpilzes mit dem Soma der Veden benutzten Beweisstücken, fanden sich zahlreiche Bezugnahmen auf die Herkunft dieser Substanz aus den Bergen. Dies wird deshalb für wichtig erachtet, weil dieser Pilz in sogenannter ‘mykorrhizaler Verbindung’ mit der Birke, der Tanne, der Kiefer und der Eiche wächst. Das bedeutet, daß dieser Pilz kaum im offenen Gelände sprießt und nur dort gefunden werden kann, wo es eine unterirdische Lebensgemeinschaft mit genannten Bäumen gibt. Wo diese Bäume nicht vorhanden sind, fehlt auch der Fliegenpilz. Dieser wichtige Umweltfaktor gibt jedoch Antwort auf die Frage, warum das in den Veden erwähnte Soma eigentlich verlorengegangen war. Als die Arier vor 3500 Jahren von Norden her nach Indien einwanderten, das zum größten Teil weder Birken-, Tannen-, noch Kiefernwälder aufweist, konnten sie ihren Pilz nur an einigen Fundstellen im Himalaja-Gebirge sammeln. So kam es, daß sie in ihrer Mehrheit den direkten Kontakt mit ihm verloren (Schulte 1989).

4Bei fast allen sibirischen Fliegenpilzessern kann die entsprechende Bezeichnung für Pilz auf die Wortwurzel ‘pong’ zurückgeführt werden, die mit dem griechischen ‘spongos’ (Schwamm) verwandt ist (Schmidtbauer/v. Scheidt 1981).

5) Das Geheimnis der Rolle, die die Birke in den schamanistischen Zeremonien spielte, beruht (wie schon vorab erwähnt) auf ihrer symbiotischen Verbindung mit dem Fliegenpilz, den die Schamanen essen. Häufig ist der Pilz auch bei der Fichte zu finden, die bei einigen sibirischen Völkern oft auch als Weltenbaum gilt (J. Brosse 1995).

6) Diese ‘Verzehnfachung’ muß sich jedoch nicht auf eine tatsächliche Steigerung der körperlichen Kraft beziehen, sondern ist wohl eher das Ergebnis einer Selbstüberschätzung infolge der halluzinogenen Wirkung.

7) Die Wahrnehmungspsychologie liefert auch dafür eine Erklärung: so bestimmt die Umgebung die (individuelle) Erwartungshaltung und die kulturelle Prägung zum großen Teil das visionäre Bild.

8) Im Unterschied zu den heiligen (Psilocybin-) Pilzen Mexicos, wo der Pilz zum Menschen ‘spricht’, ‘redet’ in Sibirien der ‘Geist’ des Pilzes.

9) Die sibirischen Stämme haben den Alkohol erst viel später durch intensiven Kontakten mit russischen Händlern kennen (und schätzen ?) gelernt, besaßen allerdings einen ähnlichen Extrakt.

10) Bei dem genannten Indianerstamm dient der Pilz als geheiligtes Halluzinogen und trägt den Namen Oshtimisk Wajashkwedo - ‘Pilz mit dem roten Scheitel’ (ders.). zurück

11) Zusätzlich zu den bekannten heiligen Pilzen Mexikos, die Psilocybin / Psilocin enthalten.

12) Im mexikanischen Staat Nayarit wurde eine Miniatur gefunden, die einen Schamanen unter einem Pilz darstellt, den man aufgrund seiner auffälligen Pilzhutgestaltung (plastische Hervorhebung der hellen Tupfen) als Fliegenpilz identifizieren kann. Die Keramik stammt aus dem ersten Jahrhundert n. Chr.

13) Nur die Männer brachten sich in diesen ekstatischen Zustand

14) Diese vermeintliche Unverwundbarkeit basiert wahrscheinlich auf einem Trancezustand, der die Männer keine Verwundungen und Schmerzen spüren ließ (Schmidbauer/v. Scheidt 1981).

15) Zum Beispiel durch ‘Sumpfporst (Ledum palustre), welches auch die berauschende Wirkung des Bieres zu steigern in der Lage ist (H. Wirth 1995).

[Übrigens kleideten sich die Berserker vor einem Kampfe sehr gern in ein lässig geschnittenes Bärenfell, was sicher zu einer veränderten Selbstwahrnehmung (als starkes, wildes Tier) geführt hat - von dem Charme ganz zu schweigen.]

16) Die Glaubensformen aller germanischen Stämme stimmen nicht vollständig, aber in vielen wesentlichen Anschauungen überein (W. Forstmann 1988).

17) Die Bezeichnung Wotan ist niederdeutsch, Odin altnordisch.

18) Die Bezeichnung ‘Rabenbrot’ findet sich eigentümlicher Weise auch in Ägypten (C. Rätsch 1988).

19) Eine andere Bezeichnung des Fliegenpilzes ist auch ‘Narrenschwamm’ (Schmidbauer / v. Scheidt 1981).

20) Es hat sich gezeigt, daß Fliegen bei der Berührung mit einen Sud von Fliegenpilz allenfalls eine zeitlang betäubt sind, jedoch nicht davon sterben.

21) Dem Verfasser der vorliegenden Arbeit wurde allerdings in seinen Kindertagen bei der zwangsweisen Erlernung dieses Songs beigebracht, daß es sich hierbei mitnichten um den Fliegenpilz handelt, sondern vielmehr um die ‘Hagebutte’ (!) -Schwarzes Käppelein. Verwirrend ist jedoch das eine Bein, auf dem das Männlein Halt sucht. zurück  

 

22) Eleusis war ein griechischer Kultort in Attika, der Hauptstätte der Verehrung der ‘Demeter’ der Göttin des Ackerbaues, auf die eleusischen Mysterien zurückgeführt werden. zurück

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Verzeichnis der verwendeten Literatur

Brosse, Jacques: Magie der Pflanzen. In: Heimische Pflanzen der Götter - ein Handbuch für Hexen und Zauberer. E. Bauereiß, Markt Erlbach 1995.

Forstmann, Wilfried u. a.: Die Religionen - ein Lexikon aller Religionen der Welt. Mannheim 1988.

Habermehl, Gerhard: Mitteleuropäische Giftpflanzen und ihre Wirkstoffe. Berlin, Heidelberg 1985.

Halluzinogene Pilze unserer Heimat: Skript. Ohne Verfasser, ohne Ort, ohne Jahr.

Knoll-Greiling, Ursula: Schamanen und rauschinduzierende Mittel. In: D. F. Schulte u. a. Amsterdam 1989.

Kräemer, Olaf: Luzifers Lichtgarten - Expeditionen ins Reich der Halluzinogene. München 1987.

Lewin, Louis: Phantastica

 

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