Das ausgedörrte
Fleisch des einst saftigen Pilzes fraß sich in die weit
offenen, einladenden Poren meiner gierigen Zunge. Geschmack von dunklen,
verwesenden Maden erfüllte meinen Gaumen und lies mich in schaurig,
schöner Manier
erzittern. Langsam begann ich den bröckelnden Staub in meinem
Mund zu kauen.
Die Zähne schlossen und öffneten sich wieder, zermalmten
die Dürre
unaufhaltsam, die sich langsam mit dem feuchtnassen Schleim meines
Rachens anreicherte.
Wie lange hatte ich auf diesen Moment gewartet? Ich weiß es
nicht mehr
genau, aber es müssen um die 6 Jahre gewesen sein. Sechs Jahre,
in denen ich immer
wieder an die sich auflösenden Substanz in meinem Mund gedacht
habe.
Ehrfurcht und Angst haben mich so lange warten lassen, doch nun bin
ich bereit, bin
bereit den Schritt in die Abgründe meines Gehirns zu wagen.
Wieder und wieder kauten meine leicht gelblichen Beißer die
mittlerweile
breiartige Masse. So wurde gewährleistet, das der Körper
auch alles verwertete,
was ich ihm zu verdauen gab.
Ich war dabei, mich selber zu vergiften und das ganz bewusst.
Kleine Stücke des Breis rutschten nun langsam den Rachen herunter,
bereit
durch den Magen zu wandern, um dann schließlich im Dünndarm
aufgenommen zu
werden. Ich legte noch ein bisschen Brennstoff nach und kaute genüsslich
vor mich
hin. Währenddessen beobachtete ich mein Gegenüber.
Mit vor Ekel verzogenen Gesicht kaute sie ihren Anteil ebenso bedacht,
voller Vorfreude auf die kommende Transzendenz des Fleisches. Ich
lächelte sie an
und sie schenkte mir für einen Moment dieses wunderbare Lachen,
zu welchem
nur sie im Stande ist. Wir verstanden uns auch ohne Worte und das
war gut so,
brauchte ich doch jemanden, der sich mir verbunden fühlte. Sie
hatte mich
eigentlich erst auf diese wahnwitzige Idee gebracht, hatte mich verführt
wie Eva
damals schon Adam verführt hatte. Doch statt des saftigen Apfels
bot sie mir
einen stinkigen, verschrumpelten Pilz an. Es fiel mir leicht den Apfel
seitwärts liegen zu lassen.
Nach einer Weile hatte sie ihren Anteil fertig gekaut und stand langsam
aus
der behaglichen Couch, in der sie vorher gelegen hatte, auf. Mit gemessenen
Bewegungen ging sie zum Fenster und schaute auf den kleinen Vorstadtgarten
hinab.
Ich sah ihr hinterher und fragte mich, ob wir das Richtige taten,
doch nur
einen Moment, dann hatte ich auch den letzten Rest verschluckt und
verschwendete meine Gedanken nicht weiter an Reue oder ähnlich
Pathetischem. Sie drehte
sich um und fragte, ob ich sie hinaus in den Garten begleiten wolle.
Ich
stimmte zu und wir machten uns auf, um über die Küche hinaus
in das schöne Grün
mit dem kleinen Teich zu treten, jedoch nicht, ohne das sie sich eine
Zigarette aus einer noch fast vollen Packung anzündete.
Wir setzten uns auf eine kleine Bank, direkt vor uns, ein runder,
weißer
Tisch und wahrten die bedächtige Ruhe. Die Hälfte der Zigarette
lang, geschah
gar nichts. Die Vögel zwitscherten ihr freudiges Lied und der
Wind wehte ganz
leicht durch die Baumspitzen während wir gespannt warteten.
Dann setzte es langsam ein. Mein Bauch rumorte etwas und mir wurde
leicht
mulmig. Meine Haut fühlte sich wärmer an als sonst. Meine
Augen fingen an
blitzartig hin und her zu schweifen, fixierten kurz Dinge, um dann
wieder etwas
neues zu suchen. Mein Kopf fühlte sich merkwürdig an, als
ob er sich nicht
sicher sei, was er nun tun sollte.
Sie bemerkte es auch. Sie erzählte mir, dass ihr Gehör schärfer
wurde, doch
wurde sie unsicher was folgen würde und fragte mich, ob ich ihr
nicht wieder
nach drinnen folgen würde wollen. Ich stimmte natürlich
zu.
Wir setzten uns wieder in das gleiche Zimmer und warteten weiterhin
gespannt.
Mir wurde etwas mulmig zumute, als ich plötzlich aus meinen Gedanken
gerissen wurde, als sie erstaunt aufschrie und fasziniert ein verziertes,
beigerosanes Kissen betrachtete. Sie sah; während ich nur ein
komisches Gefühl hatte.
Aber dann sah ich hinauf zur Decke, dessen Muster verschnörkelt
und voller
Höhen und Tiefen war. Die Decke bewegte sich! Die Muster verschoben
sich
plötzlich, wie als ob zwei Ebenen gegeneinander verschoben werden.
Dann flimmerte
sie und begann sich wellenförmig zu bewegen. Gleichzeitig änderte
sich die
Farbe von Weiß nach Grün und Violett. Ich hätte eigentlich
Angst haben sollen,
doch ich war maßlos entzückt. Mein Mund öffnete sich
vor Staunen, meine Augen
blieben geöffnet und hatten nicht das Bedürfnis sich auch
nur für einen
Sekundenbruchteil wieder zu schließen.
Die Muster fingen an ineinander zu verschmelzen. Es war so, als ob
dicke
sirupförmige Schnecken anfangen zu kriechen; zu strömen.
Ich betrachtete weiter
fasziniert diese wunderbare von Gott geschenkte Decke, bis sie wieder
auflachte und ich kurz zu ihr rüberschielte. Mit verzücktem
Gesichtausdruck und
voller Freude betrachtete sie Dinge, die nur ihr Auge, ihr Geist sehen
konnte.
Mein Blick wanderte zum Bücherregal, das breit, direkt vor mir,
in zwei Meter
Entfernung aufragte. Die Wände des Raumes begannen leicht zu
pulsieren, ebenso
wie das Regal. Gleichzeitig flimmerte weiterhin alles ein wenig. Nun
begannen auch die Bücher ein Eigenleben zu führen. Es was
wie in Poltergeist.
Einzelne Bücher kamen ein wenig vor, um dann wieder zurück
zu gleiten. Mein
Grinsen, dass ich vorher gar nicht bemerkt hatte, wurde breiter. Ich
erzählte ihr
von meinen Erlebnissen und wir mussten beide lachen. Sie stand auf,
um sich
einen Tee zu machen und fragte mich, ob ich auch einen wollen würde.
Ich
verneinte jedoch, da ich Angst hatte, dass der Tee die Wirkung des
göttlichen
Pilzes trüben würde. Außerdem blieb ich sitzen, da
ich mich ganz und gar nicht
danach fühlte aufzustehen. Wieder hörte ich einen Aufschrei
des Entzückens
Wow, der Teebeutel, guck dir mal den Teebeutel an. Alles
um mich herum atmete.
Ich grinste wieder breiter und beschloss, mich doch zu erheben. Mit
dem
Löffel stubste sie immer wieder den Teebeutel glücklich
in der Tasse mit dem
kochenden Wasser hin und her und staunte die ganze Zeit über
sein Aussehen. Ich
konnte dem nicht soviel abgewinnen, aber das war nicht so schlimm,
denn es gab
ja genug andere Dinge zu sehen. Vor allen Dingen diese Farben. Sie
waren so
unglaublich intensiv. Ich konnte es nicht glauben. Erinnern sie sich
an die
Augen des Kindes? Ihre Augen, wie sie die Welt voller Staunen betrachtet
haben,
wie das Grün einer Pflanze ausgesehen hat? Genau so neu und wundervoll
war
die Welt für mich nun geworden. Ich bekam das seltene Glück,
mit 25 Jahren
wieder wie ein kleines Kind sehen zu dürfen. Ein Glück,
das wahrlich nicht
unterschätzt werden sollte, in Zeiten, in denen die Welt für
viele Menschen nur
grau erscheint.
Wir gingen zurück ins Zimmer und sprachen ein wenig über
das, was wir sahen
und genossen den Augenblick. In dem Zimmer war ein gerahmtes Bild.
Ein Bild
vom Rücken eines recht wohl proportionierten Mannes. Der Mann
saß auf einer
kastenähnlichen Bank, sein Blick stur geradeaus. Sein Hinterkopf
fast kahl. Das
Bild war eigentlich schwarzweiß, nicht jedoch für mich.
Es nahm eine etwas
gelbliche Farbe an. Der Rücken wurde leicht gelb-bräunlich
und er bewegte sich
plötzlich. Eine Schulter kam etwas aus dem Bild heraus. Schatten
erwachten
auf seiner Haut zum Leben. Sie bildeten allerlei Formen, unter anderem
Gesichter die sich näher kamen und ineinander verflossen. Alles
war im Fluss, alles
bewegte sich. Manchmal hatte ich den Eindruck, dass er sich gleich
umdrehen
würde, manchmal wurde er komplett schwarz und immer bewegte er
sich. Es war
unglaublich schön. Ich werde dieses Bild nie wieder vergessen.
Er zeigte mir in
diesem Augenblick nicht seinen Rücken, sondern seine Seele, die
um ihn
tanzte und danach dürstete sich zu erheben. Auf der Hälfte
des Abstandes zum Bild
befand sich ein violett gepolsterter Stuhl mit Lehne. Von einer dieser
Lehnen
ergoss sich plötzlich ein hell leuchtender violetter Partikelstrom
in den
Raum und formte sich zu einen Wirbel, der in der Mitte des Raumes
aufstieg.
Wahnsinn diese Farben! Ich sagte es zu ihr und sie staunte nicht schlecht,
war
jedoch augenscheinlich selbst ziemlich in Trance. Ich kriegte langsam
ordentlich Hunger. Es waren schon fast eineinhalb Stunden vergangen.
Sie ging in die
Küche, um sich Tee nachzugießen und ich bat sie mir etwas
zu knabbern
mitzubringen. Etwas später kam sie mit zwei Schalen Chips und
salzigen Nüsschen. Als
ich anfing zu essen guckte sie mich wieder mit diesem ekelverzerrten
Gesicht
an, da für sie die sogenannten Nüsschen wie
ein Haufen sich schlängelnde
Maden aussahen. Ich aß natürlich herzhaft und wir mussten
wieder beide lachen.
Währendessen fiel mir im Bücherregal ein Bilderbuch zu Star
Trek auf. Ich
fragte sie, woher sie es hätte. Sie sagte es mir, doch eigentlich
war das nicht
so wichtig. Viel interessanter war der Inhalt. Wir beschlossen ein
wenig
herumzublättern und staunten nur bei der krassen Farbenpracht,
die die Bilder
hatten. Wir lachten ununterbrochen. Das letzte Mal, dass ich so frei
gelacht
hatte lag lange zurück, wie mir bewusst wurde und ich genoss
den Moment um so
mehr. Schließlich legten wir es wieder weg und sahen uns wieder
im Raum um.
Ich betrachtete wieder eine lange Zeit das Bild. Nach einiger Zeit
kriegten wir
wieder Hunger. Sie beschloss Brot zu toasten und ich folgte ihr kichernd
in
die Küche. Das fertige Toast leuchtete mich geradezu magisch
an. Ich sah es
so, wie es die drogenberauschte Raupe in Alice im Wunderland sehen
würde. Es
war gelblich, mit einem spacigen, hellen orangenen Ton versehen und
es sah so
aus, als ob Schimmel daraus wachsen würde und ... es schmeckte
sehr gut.
Meine gute Freundin tippelte auf ganz kleinen glücklichen Schritten
davon, um
sich aus dem Keller noch neues Brot zu holen und brachte sich noch
ein Stückchen
längste Praline der Welt mit. Das Grinsen war ihr und mein ständiger
Begleiter. Wir lachten über das Brot, über die Farbe des
Teppichs und über die ganze
wunderbare aus den Fugen geratene Welt. Wir wollten nach draußen
in den
Garten gehen, doch leider war nicht weit entfernt die alte Nachbarin
mit ihrer
Busenfreundin aufgetaucht und wir hielten es für besser nicht
ein Gespräch zu
provozieren, obwohl dies sicher recht erheiternd gewesen wäre.
Bei dem
Gedanken mussten wir wieder weit auflachen.
Doch beschlossen wir das Zimmer zu wechseln. Eine kleine steile Treppe
führte hinauf ins Obergeschoss und rechterseits lag ein blaugestrichenes
Zimmer
friedlich dar und wartete auf unsere neugierigen Blicke. Wir traten
ein und
gingen durch. Alles wirkte wieder ein bisschen normaler, doch dann
sah ich ein
neues Bild. Ich setzte mich auf den Boden, während sie die Couch
bevorzugte,
um ihren Tee zu trinken. Ich hatte mittlerweile ebenfalls Tee vor
meinen
Füßen, der mir sehr gut tat. Der Geschmack hatte sich ebenfalls
intensiviert, was
mir mein Mund sofort meldete, als ich mir einen heißen, fruchtigen
Schluck
zu Gemüte führte.
Das Bild zog mich in seinen Bann. Man sah ein Zimmer in dessen Mitte
ein
Mann mit einer Jacke, deren Farbe an eine Wassermelone erinnerte,
gegenüber
einer Tür stand und diese betrachtete. Alles außer seiner
Jacke war grau.
Zwischen seinen Kopf und der Wand befand sich ein Strahl schwarzer
Nebel, der sich
beim hinsehen bewegte und floss.
Meine drogenberauschten Augen erweckten das Bild zum leben. Die Person
schrumpfte und wuchs in stetigem Wechsel. Der Raum wurde größer
und kleiner und
die Konturen waren mal schwach und wenig ausgeprägt, dann wieder
detailliert
und stark.
Und es begann ein Farbenspiel zwischen den einzelnen Strichen. Rote
und
Grüne Striche tanzten um sich selbst und das Bild rauf und runter.
Die Person
fing an sich zu bewegen und der Raum zu atmen. Völlig gebannt
schaute ich dem
Spiel der Formen und Farben zu und vergaß abermals die Zeit.
Irgendwann verspürte ich den Drang die Toilette zu besuchen und
so stieg ich
die Treppe wieder runter, um direkt darauf im Klo zu verschwinden.
Ich
erfreute mich an den bunten Farben der Einrichtung und erledigte in
Ruhe mein
Geschäft. Ich drückte ab, stand auf und sah in den über
der Spüle hängenden
Spiegel. Ich sah mich und zwar so wie ich mich noch nie zuvor gesehen
hatte. Jede
kleine Unregelmäßigkeit der Haut war überdimensional
vergrößert und die Züge
meines Gesichtes hatten eine höchst unvorteilhafte Form angenommen.
Ich
stellte fest, dass man so, übereitle Menschen sehr schnell heilen
konnte, also sah
ich schnell wieder weg und ging wieder hinauf zu dem faszinierenden
Bild.
Auf dem Weg dahin hielt ich kurz inne und dankte dem Schöpfer
für die
wunderbaren Gaben der Natur. Dies war ein wirklich schöner Tag
und ich beschloss
ihn weiterhin voll auszukosten. Hip, Hop, Hurray...
by
Alex Nova