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| erschienen im Tages-Anzeiger, Kultur, 1.2.2000 |
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DAS BUCH Staranwalt, berauscht von Zauberpilzen Ein geschickt gebauter Roman, der spannend zu lesen ist: Martin Suter beweist in seinem Zweitling "Die dunkle Seite des Mondes" dass er ein versierter Erzähler ist. Mit einem Hauch von Genie. Von Benedikt Scherer Wenn das kein Bestseller wird! Mit traumwandlerischer Sicherheit greift Martin Suter in seinem zweiten Roman Themen und Motive auf, die trendy und hip sind. Dass Suter als Kolumnist der "Weltwoche" und des "NZZ Folio" intimeren Umgang mit dem Zeitgeist hat als andere Schriftsteller, ist seiner Geschichte anzumerken. Im Mittelpunkt des Interessens steht ein Naturprodukt, das sich derzeit bei Trendsettern, Partylöwen, Freizeitfreaks, aber auch bei Leuten mit trivialen Funktionen, also zum Beispiel bei Journalisten, Werbern und Anwälten, grosser Beliebtheit erfreut. Wer heute nämlich auch nur ein bisschen was vom modischen Duft der mondänen Welt in sich aufgesogen hat, der ist schon mit diesem Stoff, aus dem Träume gemacht sind, in Kontakt gekommen und hat Ultimatives damit erlebt: Zum Beispiel ist ein solcher Proband in den Kern seiner Persönlichkeit vorgestossen. Oder er hat sich in den Labyrinthen des transpersonalen Raums umgesehen. Oder er hat zumindest erkannt, was die Welt im Innersten zusammenhält. Oder er hat auch ganz einfach nur ungeheuren Spass gehabt. Man wird es längst erraten haben: Halluzinogene Pilze, keine anderen und keine geringeren Dinge, stehen im Mittelpunkt von "Die dunkle Seite des Mondes". Eigener Schneider in London Dass diese edlen Pflanzen, die in der Wirkung mit LSD zu vergleichen sind, unter Umständen eine beträchtliche Kraft entfalten können, muss auch Urs Blank, der 45-jährige Protagonist des Romans, erfahren. Glänzend, rein und unbefleckt steht er am Anfang da, auf der Höhe seines Glücks und Könnens. Er ist Wirtschaftsanwalt, gilt als brillant, verdient viel Geld, hat einen eigenen Schneider in London, diniert üppig in teuren Restaurants, fährt einen tollen Wagen, hat mit Evelyne eine interessante Geliebte und mit Alfred, der Psychiater von Beruf ist, auch noch einen intelligenten Freund. Doch dann lernt er Lucille kennen, ein 23-jähriges Mädchen, das zwischen Räucherstäbchen und Joints aufgewachsen ist und auch keinerlei Hemmungen zeigt, sich in kühnen Kombinationen aus asiatischen Trachtenteilen auf die Strasse zu wagen. Dass das junge Hippy-Girl Menüs für sechs Franken fünfzig im Restaurant des evangelischen Frauenvereins bevorzugt, verkraftet der frisch verliebte Staranwalt ohne weiteres. Bleibende Spuren hinterlässt dagegen ein Pilz-Trip, den das ungleiche Paar standesgemäss in einem indianischen Tipi, irgendwo weit draussen im Wald, zelebriert. Völlig verändert nämlich ist Blank nach dieser Reise ins Innere, auch dann noch, als die Wirkung der Droge längst abgeklungen ist. Im Rausch hat er eine Vision gehabt, und zwar die, dass er, Blank, die einzige Wirklichkeit ist, die es gibt: "Es gab nichts und niemanden, auf den er Rücksicht nehmen musste. Weil nichts und niemand wirklich existierte." Seitdem fehlt Blank jedes Gewissen, er folgt jedem Impuls, und er lebt seine Aggressionen hemmungslos aus. Troll, Lucilles niedliches Kätzchen, ist nur das erste Opfer. Mehrere wildfremde Menschen wird er im Laufe seiner schroffen Gewaltkarriere ins Jenseits befördern. Halb Survival-Athlet, halb Wilderer, lebt Blank zuletzt verwahrlost im Wald. Wirtschaftswelt und Waldeszauber Der Roman, behaglich altmodisch aus auktorialer Perspektive erzählt, verfügt über eine ausgefeilte Dramaturgie. Der sprachlich stilsichere Autor operiert virtuos mit spannungserzeugenden Elementen und lässt sich keine Situation entgehen, die Spektakel abwirft. Er spielt mit dem Kontrast von Zivilisation und Natur, von Stadt und Land, von Wirtschaftswelt und Waldeszauber, von Karriere und Aussteigertum. Besonders der Schluss entwickelt eine Dramatik, die auch einem Western gut anstehen würde. Auf den letzten Seiten, die in eine überzeugende Pointe auslaufen, kommt es zum Duell zwischen Blank und seinem Erzfeind Pius Ott, einem schwerreichen und etwas dubiosen Unternehmer, der nicht nur ein gewiefter Jäger, sondern auch ein grosser Pflanzenkenner ist. Die amüsanteste Textstelle findet sich aber dort, wo der erste Pilz-Trip beschrieben wird. Der Autor schildert ihn aus unterschiedlichen Perspektiven und führt humorvoll vor, welcher Unterschied zwischen subjektiver Rauschwahrnehmung und objektiver Wirklichkeit bestehen kann. So leicht sich Suters Roman liest, so vergnüglich und unterhaltend er sich ausnimmt, so reich er in seinen Milieuschilderungen ist, ein Werk der Spitzenliteratur ist er nicht. Dafür ist er zu geheimnislos. Stets ist der allwissende Erzähler, der dem Leser jeden erdenklichen Komfort bietet, mit Erklärungen zur Stelle. Dass Blank, dieser getriebene Mensch, der zu keiner Zeit Herr seiner Handlungen ist, sich immer im Klaren über seine seelische Lage ist, das ist nicht nur irritierend, sondern auch enttäuschend. Einen schönen Trost bietet das Buch allen Freunden von psychedelischen Pilzen, die während der Lektüre kurzzeitig verunsichert worden sind. Dass die Droge in Blanks Seele eine derart verheerende Wirkung entfalten konnte, hat seinen einfachen Grund darin, dass Joe, der Stofflieferant, dem Anwalt vor dem Trip neben den herkömmlichen Gewächsen auch einen "Bläuling" untergejubelt hat, einen gefährlichen Pilz, der die Wirkung psychoaktiver Substanzen verstärkt. Entwarnung also am Ende: Wer will, kann die Droge bedenkenlos weiter konsumieren. Suter ist kein Autor, der sich einem Trend entgegenstemmt. Anm.
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